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TU Berlin

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Vermischtes

Der heiße Herd sozialer Unruhen

Freitag, 22. Februar 2013

Goetz Briefs – ein Leben für eine sozial gerechte Gesellschaft

Noch heute ist für die Aufnahme auf dem katholischen „Campo Santo Teutonico“ im Vatikan die Muttersprache Deutsch oder Flämisch das Kriterium
Lupe

Goetz Briefs galt mit 27 Jahren als der jüngste Professor des Kaiserreiches. In den Wirren der Revolution 1918/19 gehörte er zu den Mitautoren des neuen Betriebsratsgesetzes, das Arbeitern ein gesetzliches Mitspracherecht im Unternehmen einräumte. Seit 1926 war er Professor für Nationalökonomie an der TH Berlin. 1934 wurde seine Verhaftung vorbereitet.

An der Technischen Hochschule gründete Briefs 1928 das Institut für Betriebssoziologie und soziale Betriebslehre. Er wollte vor allem den Betrieb als den eigentlichen „heißen Herd sozialer Unruhe“ analysieren. Das war Neuland. Im März 1933 wurde ihm zum ersten Mal durch die Nazis das Betreten der TH untersagt. Während eines Sommerurlaubs in Italien 1934 erfuhr er, dass seine Verhaftung vorbereitet wurde. Daraufhin kehrte er Hitlers Reich den Rücken und emigrierte in die USA.

Briefs wurde 1889 in Eschweiler bei Aachen geboren. Die Region war geprägt durch Kohle- und Stahlindustrie. So wurde er früh mit sozialen Fragen konfrontiert. Nach dem Abitur begann er 1908 in München Philosophie und Geschichte zu studieren. Der Einfluss seines Lehrers Lujo Brentano inspirierte ihn zum Studium der Nationalökonomie. In Bonn und schließlich in Freiburg/Breisgau setzte er seine Studien fort. Dort promovierte er auch 1911. Nach einem Englandaufenthalt habilitierte er sich 1912 mit einer Studie über die klassische „Politische Ökonomie“. Nach Beginn des 1. Weltkrieges wurde Briefs, der wegen einer Sehschwäche „felduntauglich“ war, nach Berlin dienstverpflichtet, wo er in mehreren kriegswichtigen staatlichen Ämtern arbeitete. Hier lernte er nicht nur Walther Rathenau, Werner Sombart, Max Weber, Matthias Erzberger und viele andere kennen, sondern bekam auch Einblicke in Funktionsmechanismen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Nach Kriegsende engagierte sich Briefs für eine soziale und demokratische Erneuerung Deutschlands aus dem Geist christlicher Werte. Wichtig war für ihn die Verbesserung der rechtlichen Stellung der Arbeitnehmer. Nach einer Professur in Würzburg und Freiburg wechselte Briefs 1926 an die TH Berlin. Er sympathisierte mit dem hier unternommenen Versuch, die klassische Ingenieurausbildung mit wirtschaftswissenschaftlichen Inhalten zu verbinden, da gerade die Ingenieure in den Betrieben eine wichtige Rolle spielen. Nach Briefs hat das „Betriebsklima“ einen großen Einfluss auf die Produktivität und Kreativität der Mitarbeiter. Er gehörte neben Oswald von Nell-Breuning, dem bedeutenden Vertreter der katholischen Soziallehre, zum „Königswinterer Kreis“, einem Institut für Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.

Nach ihrem Machtantritt erklärten die Nazis, dass die betriebssoziologischen Forschungen nunmehr durch „das Wirken des Führers“ überflüssig geworden seien. Als Briefs in einer Vorlesung die „lebensgefährliche“ Bemerkung machte, dass die Wirtschaftslehre des Marxismus mehr Witz und Verstand habe als die der NSDAP, war sein Schicksal besiegelt. Ihm und der Familie blieb nur die Emigration. In den USA konnte Briefs seine wissenschaftlichen Arbeiten an der Georgetown-Universität in Washington, D. C., fortsetzen, wo auch der Ökonom Joseph Schumpeter wirkte. Später wurde er in Deutschland rehabilitiert: Im Jahre 1967 erhielt der ehemals Vertriebene die Ehrensenatorwürde der TU Berlin. International und national hochgeehrt starb Briefs am 16. Mai 1974 in Rom. Er fand seine letzte Ruhe auf dem „Campo Santo Teutonico“ im Vatikan. Sein umfangreiches Werk harrt der Wiederentdeckung.

Hans Christian Förster / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 2/2013

Die Serie „Orte der Erinnerung“ im Netz:
www.tu-berlin.de/?id=1577

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