direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Vermischtes

Widerstreitende Polaritäten

Freitag, 14. Oktober 2011

Zum 100. Geburtstag des Bildhauers Erich F. Reuter

Ein Relief von Erich F. Reuter befindet sich an der Nordseite des TU-Hauptgebäudes
Lupe

Erich Fritz Reuter war ein Berliner Bildhauer, dessen Werk und Leben nicht auf einen Begriff zu bringen sind. Ihn charakterisierten Eigensinn und Eigenständigkeit, gepaart mit sinnenfroher Querköpfigkeit. Nie war er ein Mann der Schablone und des Dogmas. Noch als junger Berliner Künstlereleve setzte er dem falschen Pathos der NS-Kunst die berlinische Melange von Unheroik, Heiterkeit und Selbstironie entgegen.

Dieser Künstler wurde vor 100 Jahren, am 2. September 1911, im Charlottenburger Zille-Milieu geboren. Sein Weg vom Proletarierkind zum gefeierten Bildhauer und schließlich zum ordentlichen Professor für Plastisches Gestalten an der TU Berlin (1952-1978) ist genauso faszinierend wie die feinen Metamorphosen seines bildkünstlerischen Stils. Reuter war geprägt vom avantgardistischen Berlin der Zwanzigerjahre. Die Stadt war ein Ausbund an kultureller, künstlerischer und politischer Modernität. Hier fand Revolution im Plural statt. Wer das erlebte, konnte verschwenderisch ein Leben lang davon profitieren. Reuter entstammte einem linksorientierten Umfeld, was ihn immun gegen die Verführungen der Nazis machte. Dennoch fielen seine künstlerische Ausbildung und die kunstakademische Hochschulzeit in die Jahre des Dritten Reiches. Reuter widerstand weiter, blieb unangepasst und listenreich gegen politische Repressalien. Auch sein Leben war ungewöhnlich. Er liebte eine Berlinerin ohne "Ariernachweis" und wollte sie - als 1942 ein Kind kam - heiraten, was ihm den Ausschluss aus der NS-Kunstkammer und die Einberufung zur Luftwaffe einbrachte. Erst 1946 konnte die Ehe mit Ilse Caro geschlossen werden, die dann allerdings aufgrund der Entfremdung durch Trennung und Kriegswirren nicht lange hielt. Nach einer kleinen Odyssee ist Reuter 1949 wieder in Berlin. Die 1950er-Jahre sind Reuters große Zeit - obwohl er ästhetisch nicht "Everybody's Darling" ist. Im Gegenteil. Er bleibt gegenständlich.

Erich F. Reuter (l.) mit Matthias Koeppel
Zum 80. Geburtstag 1991 besuchte sein Nachfolger, TU-Professor und Maler Matthias Koeppel, den Bildhauer (l.) in seinem Garten
Lupe

Trotzdem ist er auf den wichtigen Ausstellungen präsent, gewinnt Wettbewerbe und erwirbt sich einen internationalen Ruf. Sein Thema ist der Mensch, sein Markenzeichen sind schlanke stilisierte Körperformen. Kritiker sehen in ihm einen Berliner Giacometti. Auch seine Professur an der TU Berlin hat etwas Außergewöhnliches. Er lehrt Plastische Gestaltung bei den Architekten - ein umstrittenes Novum an deutschen Universitäten. Aber Reuter wird kein saturierter Künstler. Im Gegenteil. Das Buch "Die gemordete Stadt" von Wolf Jobst Siedler (1964) zwingt ihn, den Anhänger der Moderne, zur Selbstkritik und Selbstkorrektur. Neue Wege prägen sein Werk - ungegenständliche Plastiken und freie Reliefs. So entsteht "Gegenständliche Strukturen" (1970), ein Relief, das heute die Nordseite des TU-Hauptgebäudes ziert, gleich neben dem Haupteingang. Reuters Grundmotiv sind widerstreitende Polaritäten. Das Relief wird 1967 auf der Weltausstellung in Montreal präsentiert. Insgesamt umfasst sein plastisches Werk fast 250 Kunstwerke. Einige davon sind im öffentlichen Raum Berlins zu sehen, zum Beispiel "Universitas aeterna" in der TU-Bibliothek (1954), "Die Heilige Barbara" (1968) in der Eingangshalle des Instituts für Bergbau und Hüttenwesen der TU Berlin. Im Mauermuseum Berlin-Kreuzberg ist sein "Denkmal des unbekannten Gefangenen" seit 1977 aufgestellt. Auch porträtierte Erich F. Reuter eine Reihe von Schauspielern und Wissenschaftlern, so Bruno Ganz, Bernhard Minetti, Otto Sander, Werner Krauss, Fritz Kortner, Erich Ponto, Mario Adorf, außerdem Otto Hahn, Max Planck, Hans Scharoun, Ferdinand Porsche und andere.

Als 1967 die Studentenrevolte die TU Berlin eroberte, wich Reuter als Gastprofessor nach Istanbul aus. Hier entdeckte er antike Gestaltungsformen. Seine Sensoren blieben neugierig und Veränderung machte ihm keine Angst. Sein letztes Werk, "Der sterbende Pegasus" (1986), ist eine Mischung aus verzweifelter Resignation und schreiendem Protest. Hier ist Reuters Lebensart ein letztes Mal offensichtlich. Der Tod ereilt ihn am 16. 9. 1997 in Berlin. Sein Grab im holsteinischen Altenkrempe gibt hinter Ziergrasbüscheln eine Jünglingsplastik frei. Ihr Meister war Erich F. Reuter. Leben und Werk haben sich vollendet und dennoch gilt es, den Kosmos Erich F. Reuters neu zu entdecken. Diese Entdeckungsreise lohnt sich!

Hans Christian Förster / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 10/2011
Andreas Karpan: Erich F. Reuter, Monographie und Werkverzeichnis,
Panisken-Verlag, München 2005,
ISBN 3-935965-02-8

Die Serie "Orte der Erinnerung":

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.