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TU Berlin

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Vermischtes

Verfemt, vertrieben und auch vergessen?

Dienstag, 17. Juni 2008

Der Bücherverbrennung fielen auch technisch-naturwissenschaftliche Texte zum Opfer

Als vor 75 Jahren, im Mai 1933, in den deutschen Universitätsstädten Bücher verbrannt wurden, sollte laut Propaganda das "Zeitalter eines überspitzten jüdischen Liberalismus" zu Ende gehen. Dieses Autodafé und die Feuersprüche richteten sich auch gegen den kritischen Journalismus: gegen Theodor Wolff, Georg Bernhard, Alfred Kerr, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky. Symbolisch und real sollte der Geist der Vernunft, der Aufklärung, des Dialogs und der Argumentation ausgetrieben werden. Auch den unpolitisch erscheinenden Autoren technik- und naturwissenschaftlicher Literatur widerfuhr das gleiche Schicksal. Das zeigen exemplarisch die Lebensläufe von Kurt Joel (1864-1930) und Dr. Albert Neuburger (1867-1943), beide langjährige Mitarbeiter im Ullstein-Verlag. Joel leitete seit 1906 das Ressort “Technik und Naturwissenschaft“ bei der “Vossischen Zeitung“, und Neuburger, der nebenbei populärwissenschaftliche Bücher schrieb, galt seit 1905 als Star des technisch-wissenschaftlichen Feuilletons in der auflagenstarken "Berliner Morgenpost". Joel begleitete Albert Einsteins Berliner Wirken journalistisch in der "Vossischen" und engagierte sich dort für die Popularisierung der neuen Physik. Er verteidigte den Physiker in den frühen Zwanzigerjahren gegen die "antirelativitätstheoretische GmbH", zu der nicht nur antijüdische Demagogen, sondern auch nobelpreisgekrönte Physiker gehörten. Sie bezeichneten Einsteins Forschung als "wissenschaftlichen Dadaismus". Joel als "Spiritus Rector" und Neuburger waren 1929 Gründungsmitglieder der Technisch-Literarischen Gesellschaft (TELI) und prägten einen kritischen, der Wahrheit verpflichteten, unbestechlichen Technikjournalismus. Neuburgers größtes Verdienst neben seiner Zeitungsarbeit ist das technikhistorische Buch "Die Technik des Altertums" (1919), das zum nationalen und internationalen Bestseller avancierte und auch heute noch lesenswertes, materialreiches Standardwerk ist. Als 1933 Hitler zur Macht kam, rollte eine Säuberungswelle durch die Redaktionen. 1300 "jüdische und marxistische" Journalisten, so rühmte 1935 der Chef des "Völkischen Beobachters", seien aus der deutschen Presse "entfernt" worden. Die technische Redaktion wurde abgeschafft. Die politische Schriftleitung hatte nun das Sagen und Minister Goebbels das "letzte Wort". Joel erlebte das alles nicht mehr, er und sein Werk fielen nur dem Vergessen anheim. Neuburger brachte zunächst noch anonym einige kryptische Artikel in der gleichgeschalteten "Morgenpost" unter, wurde  dann 1943 nach Theresienstadt deportiert und starb schließlich am 5. März 1943.

Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 6/2008

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