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Lehre & Studium

Schau mich an

Donnerstag, 01. Oktober 2015

Steve Mekoudja studiert Technische Informatik. Er hat eine berührende Novelle über Frauen in seiner afrikanischen Heimat geschrieben – und gewann einen Literaturpreis

Sechs Monate hat Steve in Kamerun Deutsch gelernt bevor er nach Deutschland kam, um an der TU Berlin zu studieren
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Tatou Dembele: Linolschnitt zu Tala Ngai
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Tatou Dembele: Illustration zu Tala Ngai
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„An dem Tag, an dem du geboren wirst, mein Kind, werde ich dich in den See Kivu werfen, und ich werde die Wassergötter anbeten, dass sie dich weit weg von dieser Erde führen. Weit von dieser Erde, die nichts als Hass ausdünstet. Fern von diesem infamen Kongo, voller Ungerechtigkeit und Gewalt, bevölkert von Männern, in denen unerträglicher Egoismus blüht. … Weg von dieser Welt, wo man den Frauen ihre pure Existenz vorwirft, wo sie nichts weiter tun können als weinen, schreien, bluten. Weit weg von der Gewalt. Weit weg vom Krieg. An dem Tag, an dem du geboren wirst, werde ich dich ,Tala Ngai‘ nennen, ,Schau mich an‘.“

So schockierend, anklagend und hoffnungslos beginnt die berührende Novelle „Tala Ngai“, die im März 2015 im „Salon du livre de Paris“, der größten Buchmesse Frankreichs, mit dem „Prix Stéphane Hessel de la jeune écriture francophone“ ausgezeichnet wurde. Geschrieben hat sie Steve Mekoudja aus Kamerun. Seit drei Jahren studiert er an der TU Berlin Technische Informatik.

Liest man diese Novelle, kann man kaum glauben, dass sie aus der Feder eines afrikanischen Mannes stammt, der zudem erst 21 Jahre alt ist. Steve Leolin Guimfac Mekoudja ist in Yaoundé geboren, der Hauptstadt Kameruns. Bevor er zum Studium nach Deutschland kam, hatte er in seiner Heimatstadt Nkongsamba, einer 100 000-Einwohner-Stadt im Westen Kameruns, wo er das Abitur gemacht hat, sechs Monate lang Deutsch gelernt.

„Als ich nach Berlin kam, habe ich bald die Buchhandlung in den Galeries Lafayette entdeckt und, obwohl ich mich sehr auf das Studium konzentrieren musste, jeden Monat mindestens zwei Bücher gelesen“, erzählt Steve. Damit knüpfte er wieder an seine Leidenschaft an, die Literatur. „Schon als Kind habe ich gern Aufsätze und Geschichten geschrieben“, sagt er. „Meine Eltern – der Vater ist Gerichtsvollzieher, die Mutter Lehrerin – haben mich dabei sehr unterstützt, die Aufsätze gelesen, korrigiert und mit mir darüber gesprochen.“

Dennoch kam eine Karriere als Literat zunächst nicht in Frage. „In Afrika wird man entweder Arzt oder Ingenieur, wenn man einen angesehenen Beruf anstrebt“, erklärt er. Und da er Chemie gehasst habe, aber gut in Mathematik gewesen sei, nahm er von der Medizin Abstand und wandte sich dem Ingenieurberuf zu. Die Eltern sollten stolz auf ihn sein.

Doch wie kann es sein, dass ein junger Mann so mitfühlend und lebensnah das Seelenleben einer Frau beschreibt – anklagend und ohne Beschönigungen –, damit seinem eigenen Geschlecht einen Spiegel vorhält und regelrecht die Leviten liest?

„Es kam ganz plötzlich. Zunächst hatte ich keine Idee zu dem Thema. Aber kurz vor Einsendeschluss war da auf einmal eine Frau in meinem Kopf, die mir ihr Schicksal erzählte. Vielleicht war es eine Mischung aus vielen Geschichten, die ich gehört hatte, und natürlich auch aus einigen Recherchen. Jedenfalls war mir klar: Ich musste das schreiben.“ Das Thema „L’exaspération est un déni de l’espoir“ (etwa: „Verbitterung ist eine Absage an die Hoffnung“) lehnte sich an ein Zitat des Lyrikers, Diplomaten und politischen Aktivisten Stéphane Hessel an, der auch Mitglied der UN-Menschenrechtskommission war. Und dass Menschenrechte auch für Frauen gelten, darüber hat Steve erst nachgedacht, als er die Frauen in Europa sah. „In Afrika erlebt man jeden Tag, dass die Frauen nicht respektiert werden – in der Schule, auf der Straße, auch zuhause“, erklärt Steve. „Selbst wenn beide Partner berufstätig sind – die Hausarbeit, der Einkauf, das Kochen und die Kindererziehung werden allein der Frau aufgebürdet. Trotzdem ist meist das alleinige Ziel der Frauen zu heiraten.“ In Afrika sei ihm das nie aufgefallen, erst in Berlin habe er beobachtet, dass Frauen auch ohne Mann erfolgreich sein können und dass sie einen wichtigen Beitrag für den Fortschritt leisten. „Wir brauchen die Frauen in Afrika ebenso!“

Und noch etwas fiel ihm auf: Die Deutschen lesen. In der U-Bahn, im Café, zuhause. „Das sieht man in Afrika niemals. Ich wünsche mir, dass die Afrikaner auch mehr lesen und schreiben. Sie sollen lesen, wie Menschen in anderen Ländern leben und denken – und mit ihrer eigenen Literatur schließlich die Welt wissen lassen, wie ihre Seelen- und Gedankenwelt gestrickt ist.“

Dafür will Steve Mekoudja sorgen, indem er weiter schreibt. Er plant einen Roman und sogar einen Film – für den er noch einen Sponsor sucht – über den Einfluss der Spiritualität auf das Leben, denn: „Es gibt Menschen in Afrika, die das Beten so wichtig nehmen, dass sie nicht mehr arbeiten.“ Auch Korruption im öffentlichen Leben ist für ihn ein wichtiges Thema. Im Augenblick allerdings steht noch etwas anderes im Vordergrund. „Ich will möglichst zügig meinen Master machen, und dann ist da ja auch noch mein Job als studentische Hilfskraft im Bereich Informatik-Rechnerbetrieb an der Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik.“ Am literarischen Leben nimmt er dennoch teil. Im November 2014 hat er einen Blog initiiert, auf dem auch „Tala Ngai“ publiziert ist, diese traurige Novelle über eine Frau, die niemals mehr einem Mann vertrauen will, nicht mal einem, den sie selbst geboren hat.

www.stevemekoudja.com

Patricia Pätzold "TU intern" Oktober 2015

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