direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Innenansichten

Diskriminierung, Ausgrenzung, Vertreibung

Freitag, 26. Juli 2013

Die Technische Hochschule Berlin während des Nationalsozialismus

von Carina Baganz

Aufmarsch zum Staatsbesuch des Prinzregenten Paul von Jugoslawien, 2. Juni 1939. Im Hintergrund die Technische Hochschule Berlin
Lupe

Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann an der Technischen Hochschule Berlin das öffentliche Agieren gegen unerwünschte Hochschullehrer. In Vorbereitung des sogenannten Judenboykotts vom 1. April 1933 bildete sich an der Hochschule ein nationalsozialistisches Aktionskomitee zur Durchführung der Boykottmaßnahmen. Unter dem Vorsitz von Willi Willing, seit 1928 Mitglied der NSDAP und zu diesem Zeitpunkt Hilfsassistent an der TH Berlin, forderte es die „Nichtarier“ unter den Lehrenden auf, sich „in Rücksicht auf die derzeitige Volksstimmung“ beurlauben zu lassen und die Hochschule nicht mehr zu betreten. Manche kamen dem nach, um Schlimmeres zu verhindern.

Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurde dann die rechtliche Grundlage für die nationalsozialistische Personalpolitik geschaffen. Es richtete sich sowohl gegen Juden als auch gegen politische Gegner. Ausgenommen waren zunächst diejenigen, die vor dem Ersten Weltkrieg in eine Beamtenstellung übernommen worden waren oder unter die sogenannte Frontkämpferklausel fielen.

Bereits zum Mai 1933 wurden an der Hochschule 32 Dozenten beurlaubt, was erhebliche Lücken im Hochschulbetrieb hinterließ. Einige wenige Studierende setzten sich deshalb für den Verbleib ihrer Lehrer an der Hochschule ein, beispielsweise im Falle von Franz Eisner, Privatdozent für Hydromechanik. Die Petition von 15 Studierenden war jedoch nicht erfolgreich, und Eisner nahm sich am 16. Juni 1933 im Alter von 37 Jahren das Leben.

Den Beurlaubungen folgten bald die Entlassungen. Einige kamen dem zuvor und kündigten ihr Dienstverhältnis, andere intervenierten, manchmal sogar mit Erfolg. So schrieb Arthur Korn, seit dem Sommersemester 1914 Honorarprofessor mit einem Lehrauftrag für Bildtelegrafie, am 7. Mai 1933 an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Korn hatte 1918 telegrafisch Bilder ins Große Hauptquartier übermittelt, was damals große Begeisterung bei Hindenburg ausgelöst hatte. Und tatsächlich, auf Veranlassung von Hindenburgs hob der Minister die Beurlaubung wieder auf. Korn hatte zwar für den Moment gewonnen, doch im Herbst 1935 wurden mit dem Reichsbürgergesetz die bisher geltenden Ausnahmen aufgehoben und verfügt, dass nun sämtliche als jüdisch bezeichnete Beamte in den Ruhestand zu versetzen seien; ab 1937 standen die „Mischlinge ersten Grades“ und die sogenannten jüdisch Versippten im Visier.

In den Jahren 1933 bis 1938 entließ die Technische Hochschule Berlin mindestens 107 Angehörige ihres wissenschaftlichen Personals aus „rassischen“ oder politischen Gründen. 69 von ihnen emigrierten ins Ausland, mindestens drei kamen in Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern ums Leben: Heinz Briske, Assistent am Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie; Alfred Byk, Professor für Physikalische Chemie, und Siegfried Ledermann, Oberingenieur am Laboratorium für Werkzeugmaschinen.

Doch auch die Wissenschaftler, die aus Verzweiflung den Freitod wählten, müssen zu den Opfern gezählt werden:

Neben dem bereits genannten Franz Eisner beispielsweise Hans Liebermann, Neffe des Malers Max Liebermann und bis 1934 Professor für Organische Chemie, der sich im September 1938 das Leben nahm.

Mit der Vertreibung von der Hochschule endeten die Diskriminierungen für die Wissenschaftler jedoch nicht; mindestens 17 von ihnen erkannte die Hochschule den Doktortitel ab, und auch vor der Entziehung akademischer Ehrenwürden machten die neuen Machthaber nicht halt. Häufig kam es aber erst gar nicht zur Verleihung eines Doktortitels: Promotionen wurden behindert oder gänzlich verhindert, wenn es sich um jüdische Doktoranden oder um „Mischlinge“ handelte. Studierende waren ebenfalls von Verfolgung und Ausgrenzung betroffen. Diese Entwicklung begann am 25. April 1933 mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ und endete für die sogenannten Volljuden mit deutscher Staatsangehörigkeit am 11. November 1938. An diesem Tag verbot auch der Rektor der TH Berlin, Ernst Storm, den zu diesem Zeitpunkt noch immatrikulierten 20 „Volljuden“ per Einschreiben das Betreten der Hochschule.

Den noch verbleibenden „Mischlingen“ erging es bald ähnlich: Die Aufnahme eines Studiums wurde immer schwieriger und bald nur noch mit Genehmigung des Reichserziehungsministers möglich. Als Entscheidungsgrundlage diente vor allem auch die Stellungnahme des Rektors über die Persönlichkeit und das Aussehen des Antragstellers unter „rassischen“ Gesichtspunkten.

Rassische Beurteilungen

Von „Merkmale der jüdischen Rasse sind am Antragsteller nicht erkennbar“ über „wenn auch nicht in seinem Äußeren, so doch in seinem Auftreten zu erkennen“ bis hin zu „sind deutlich erkennbar“ reichte die Palette der Beurteilungen des Rektors Storm.

Noch vor der Bekanntgabe offizieller Anweisungen hatte die TH Berlin auch den Ausschluss politischer Gegner unter den Studierenden vorangetrieben. Bereits im Mai 1933 wurden 37 relegiert.

Es gab an der Hochschule aber auch einige wenige Bemühungen, Wissenschaftler zu schützen. Ein Beispiel ist Max Volmer, Professor am Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Noch Ende der 1930er-Jahre beauftragte er seinen ehemaligen Assistenten Heinz Briske, der 1933 als Jude aus den Diensten der Hochschule entlassen worden war, mit kleineren Arbeiten. 1942 wandte sich Briske nun mit der Bitte an Volmer, die Flucht der Familie Briske ins Ausland zu unterstützen. Volmer vermittelte Kontakte und versorgte die Familie mit Lebensmitteln. Zur Umsetzung eventueller Pläne kam es jedoch nicht mehr: Briskes Ehefrau und die drei Kinder im Alter von ein bis vier Jahren wurden im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Heinz Briske folgte drei Monate später; er überstand jedoch die Selektion und wurde zur Arbeit eingesetzt. Im Zuge der Evakuierung von Auschwitz im Januar 1945 wurde er über das KZ Groß-Rosen nach Buchenwald überstellt, wo er am 22. Februar 1945 starb.

Max Volmer – ein stiller Held

Gegen Volmer wurde wegen der Hilfeleistungen für Briske ein Dienststrafverfahren eingeleitet: Im Juli 1944 verurteilte ihn die Dienststrafkammer zu einer Gehaltskürzung von einem Fünftel auf die Dauer von zwei Jahren.

Anfang der 1940er-Jahre war noch mindestens ein nach NS-Definition jüdischer Angestellter an der Hochschule beschäftigt: Victor Fischer. Der promovierte Physiker war in der zur Hochschulbibliothek gehörenden „Informationsstelle für technisches Schrifttum“ mit der Übersetzung ausländischer Fachzeitschriften beschäftigt. Fischer konnte seine jüdische Herkunft vermutlich verbergen, denn in keinem seiner Papiere ist ein Hinweis darauf zu finden. Auch nicht auf seinem Dienstausweis, unterschrieben vom Rektor der Hochschule im Jahre 1942 und gültig bis 1945. Fischers Tätigkeit endete allerdings tragisch: Am 21. September 1943 kam er im Hauptgebäude der Hochschule ums Leben. Er stürzte in einen Aufzugsschacht. Ob es sich nur um einen Unfall handelte, muss offen bleiben. Ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Berlin wurde 1944 eingestellt.

Seit 1941 beschäftigte die Hochschule Zwangsarbeiter, anfangs vereinzelt, später in immer größerem Ausmaß. So existierte ab August 1944 auf dem Hochschulgelände im Dachgeschoss des Gebäudes 6 in der Franklinstraße 29 ein „Ostarbeiterlager“ mit mindestens 140 Männern, Frauen und Kindern. Der jüngste Lagerinsasse war zehn, der älteste 74 Jahre alt. Willi Möwitz, seit 1929 Pförtner der TH Berlin, wurde zum Lagerführer ernannt. Die Hauptaufgabe der „Ostarbeiter“ bestand vor allem darin, die Schäden zu beheben, die die Hochschule durch Luftangriffe erlitt. Mindestens eine „Ostarbeiterin“ kam ums Leben.

Ein Ziel der nun vorliegenden Publikation „Diskriminierung, Ausgrenzung, Vertreibung“ ist es, das Unrecht, das an der TH Berlin während des Nationalsozialismus begangen wurde, sichtbar zu machen. Die Publikation versteht sich jedoch nicht als Endpunkt, sondern vielmehr als Etappe auf dem langen Weg der Aufarbeitung der Geschichte der TU Berlin und ihrer Vorgängerinstitution.

Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 7/2013

Das Buch

Lupe

Auf mehr als 400 Seiten hat die Historikerin Dr. Carina Baganz ihre Rechercheergebnisse über die Technische Hochschule Berlin während des Nationalsozialismus aufgeschrieben. Sehr detailreich widmet sie sich der Politisierung der Wissenschaft und ihrer Protagonisten, der Entlassung von Hochschullehrern und Studierenden, der Verhinderung und Aberkennung von akademischen Titeln, aber auch der Hilfe und Unterstützung für verfolgte Mitarbeiter. Den Rahmen bildete das Projekt „Vertriebene Wissenschaften an der TH Berlin 1933 bis 1945“ am Zentrum für Antisemitismusforschung. Es wurde 2009 durch den damaligen TU-Präsidenten Kurt Kutzler initiiert. Im Lauf der Forschungsarbeiten erweiterte sich der Fokus. So entdeckte die Historikerin auch, dass es ein Zwangsarbeiterlager auf dem Campus gab. Eine Übersicht über vertriebene Wissenschaftler und Angestellte sowie ein umfangreiches Personenregister ergänzen die Darstellungen. Die Ergebnisse sind nun der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Autorin

Dr. Carina Baganz
Lupe

Dr. Carina Baganz promovierte 2005 am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zu frühen Konzentrationslagern in Sachsen. Danach war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Geschichte der Konzentrationslager“ am Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung in Berlin, seit 2009 Bearbeiterin des Projektes zur TH-Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung. Im Juli 2013 veröffentlichte sie das Buch „Diskriminierung, Ausgrenzung, Vertreibung – Die Technische Hochschule Berlin während des Nationalsozialismus“ im Metropol-Verlag.
ISBN 978-3-86331-130-8

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.