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TU Berlin

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Campus Charlottenburg

Das Freiheitspathos ist historisch geworden

Freitag, 20. Januar 2012

Toponymien /Namensgebungen

Anlass dieser Ausführungen ist das jüngst mit großem rhetorischem Schwung ausgesprochene apodiktische Urteil des Kollegen Harald Bodenschatz, „…dieser Platz hat keine Geschichte und keine Zukunft…“., Mit der Zukunft des Platzes will ich mich gern an anderer Stelle beschäftigen. Hier will ich zunächst über seine Geschichte schreiben und seinen hohen historischen und künstlerischen Wert begründen. Mit diesem sehr positiven Urteil bin ich nicht allein. Ich weiß mich in der Sache einig mit den Kolleginnen und Kollegen von der an der TU Berlin angesiedelten Arbeitsgemeinschaft Nachkriegsmoderne. Sie erforscht die Architektur und den Städtebau der 1950er- bis 1980er-Jahre und bemüht sich um seine Inwertsetzung, unter anderem mit der Ausstellung Denkmal!Moderne, die im Jubiläumsjahr der Interbau (1957/2007) im Architekturforum der TU Berlin gezeigt wurde.

Der Ernst Reuter Platz ist einer der wichtigsten historischen Orte der Berliner Nachkriegsgeschichte. Das beginnt schon mit seinem Namen bzw. mit seinem Namenspatron: mit Ernst Reuter, dem neben Willy Brandt wohl berühmtesten Bürgermeister der Stadt. Wer kennt nicht seine durch die Wochenschauen in alle Welt gesendete Rede, die er während der Berlinblockade 1948 vor 300.000 Zuhörern auf dem Platz vor dem Reichstag gehalten hat: „Ihr Völker der Welt (…) Schaut auf diese Stadt…!“. Wenige Tage nach Reuters Tod im Oktober 1953 wurde die bis dahin nur „Das Knie“ genannte Straßenkreuzung in Charlottenburg, mitsamt der dort bestehenden U-Bahnstation, in „Ernst-Reuter-Platz“ umbenannt. Seitdem ist der Platz als Orientierungspunkt im ehemaligen West-Berlin, über und unter der Erde, untrennbar mit dem Namen des großen Politikers verbunden.

Und noch eine Namensänderung ist hier zu erwähnen: die Berliner Straße, die vom Brandenburger Tor geradewegs durch den Tiergarten zum „Knie“ führte und von dort mit einen Knick nach Nord-West weiter zur früheren  Sommerresidenz der Könige im Schloss Charlottenburg, wurde am 22. Juni 1953, nur fünf Tage nach dem Aufstand in Ost-Berlin, in „Straße des 17. Juni“ umbenannt. Damit verweist die TU Berlin bis heute in ihrer Post-Adresse und ihrer Nenn-Adresse (Die TU? – Am Ernst Reuter Platz!) gleich zweifach auf die dramatische Nachkriegsgeschichte der geteilten Stadt.

Aber es geht hier nicht nur um Namensgebungen, sondern auch um Formfindungen, um Architektur und Städtebau als Bedeutungsträger in der Stadtgeschichte. Und natürlich geht es auch um den sehr großen Verkehrskreisel und seine Binnenfläche und um ein Denkmal an seinem nord-östlichen Rand, an dem zahllose Studierenden und Dozenten täglich mehrfach vorbeigehen, ohne es besonders zu beachten. 

Der städtebauliche Wettbewerb von 1955

Der Beschluss, den Ernst-Reuter-Platz zu einem Verkehrskreisel mit einer modernen, in die Zukunft der Stadt weisenden Umbauung zu entwickeln, bot den Anlass für einen städtebaulichen Wettbewerb, der 1955 ausgelobt wurde. Die Straßenzuflüsse in den Kreisverkehr bestimmten die zu beplanenden Sektoren des Platzrandes, die weite runde Fläche in der Mitte sollte als Freiraum gestaltet werden. Mit der Platzgestaltung sollte sowohl eine räumliche Neuordnung des Gebietes als auch eine Umwidmung der Flächen einhergehen. Die Hochbauten waren als Geschäftshäuser gedacht, für die sich private Investoren finden sollten, die östlichen Sektoren beiderseits der Straße des 17. Juni wurden für die Erweiterung der TU Berlin, damals noch TH reserviert. Eine Dominante sollte an der Westseite, zwischen Otto Suhr Allee und Bismarckstraße platziert werden.

Der Wettbewerbssieger, Bernhard Hermkes aus Hamburg, besetzte in seinem Entwurf die Baufelder rund um den geplanten Kreisverkehr mit mehreren, in Anordnung und Ausrichtung differenzierten Baugruppen, die sich zu einem durchlässigen Platzrand zusammenschließen: An die Nordseite, zwischen Marchstraße und Otto-Suhr-Allee, setzte er drei parallel gestellte Scheibenhochhäuser in Nord-Süd-Ausrichtung und einen zur Straße des 17. Juni vorgeschobenen un-orthogonalen Flachbau. An die Süd-West Seite stellte er vier Scheibenhochhäuser in Ost-West- Ausrichtung, die in einer gestaffelten Reihe der Platzkante folgen. Ein alle anderen Bauten überragendes Hochhaus, im spitzen Winkel zwischen Otto-Suhr-Allee und Bismarckstraße, bildete den Abschluss und Höhepunkt im Westen.

Hermkes brachte in seinem Entwurf mehrere wichtige Motive des modernen „abstrakten“ Städtebaus zusammen: Scheibenhochhäuser in Kamm-Anordnung und in Staffelung, einen flachen Sonderbau und ein steil aufragendes Punkthochhaus als Dominante. Dabei achtete er darauf, die Bauten als Raum strukturierende aber nicht als Raum abschließende Körper einzusetzen. Soweit der Entwurf von 1955, der die städtebauliche Figur dauerhaft bestimmen sollte, wenn auch die Umsetzung sich über die nächsten zwei Jahrzehnte hinzog.

Nun könnte man sich fragen, warum Hermkes das Rund des Platzes nur quasi am Rande aufnahm und nicht, wie später Scharoun am Mehringplatz, eine stärker geschlossene runde Gesamtform wählte oder warum er nicht wenigstens der Idee von Willy Kreuer folgte, der sein bereits vor dem Wettbewerb konzipiertes Institut für Bergbau– und Hüttenwesen radial zum Platz angeordnet hatte.

Die Ost-West Achse von 1938-1945

Hier ist es Zeit, endlich auf die damals jüngste Vorgeschichte des Platzes zu sprechen zu kommen. Genauer: auf die vom Generalbauinspektor der Hauptstadt, Albert Speer für den „Führer“ entworfene städtebauliche Aufrüstung Berlins zur Welthauptstadt. Speer plante zwei große, die ganze Stadt durchschneidende, von Macht- und Prachtbauten des Nazi-Regimes gesäumte Straßen, die Nord-Süd- und die Ost-West-Achse. Die Nord-Süd-Achse war das brutalere Projekt, sie sollte weitgehend durch bestehendes Stadtgebiet geschlagen werden und erforderte umfangreiche Abrissarbeiten, die auch bereits im Jahre 1939, im Spreebogen und im Bereich des heutigen Kulturforums begonnen wurden.

Die Ost-West-Achse war leichter zu haben, denn die schnurgerade breite Straße vom Brandenburger Tor durch den Tiergarten gab es ja schon. Sie musste nur über das „Knie“ hinaus nach Westen verlängert und auf die gewünschte Breite aufgeweitet werden. Und so geschah es: Im Abschnitt zwischen Brandenburger Tor und Knie wurde die S-Bahnbrücke am Bahnhof Tiergarten in ihrer Spannweite fast verdoppelt, das Charlottenburger Tor wurde auseinander gerückt und die Brücke über den Landwehrkanal wurde abgeflacht, weil nichts den weit in die Tiefe des Raums reichenden Blick behindern sollte. Westlich des Knies wurde die heutige Bismackstraße verbreitert, um die Achse über den S-Bahnring hinaus bis zum heutigen Theodor Heuss Platz weiterzuführen.

Die Leuchten beiderseits der Straße des 17. Juni stammen aus Albert Speers Achsenplanung und wurden bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entworfen
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Um der Achse einen monumentalen Zwischenhalt zu verleihen, wurde die 1873 auf dem Platz vor dem Reichstag aufgestellte Siegessäule in die Mitte des großen Sterns im Tiergarten versetzt und, weil sie dort ein bißchen zu klein wirkte, um eine Säulentrommel erhöht. Und um die verschiedenen Abschnitte zusammenzubinden, sie gewissermaßen als räumliches Kontinuum zu konstituieren, wurden an beiden Seiten der Achse die eigens zu diesem Zweck von Speer entworfenen Straßenlaternen aufgestellt. Dies alles könnte man als besonders straffe Maßnahme der Stadtverschönerung interpretieren, wäre da nicht die Assoziation mit der Gewalttätigkeit des Regimes im Allgemeinen und mit dem durch jüngere Forschungen eindeutig nachgewiesene Zusammenhang zwischen Speers Achsenplanung, den Hausräumungen, der Requirierung von Ersatzwohnraum, der Vertreibung jüdischer Mieter und Eigentümer aus ihren Wohnungen („Evakuierung“) und der Deportation.

Der Gegenbau 1955

Bernhard Hermkes unternahm nichts gegen die Speer’schen Laternen. Sie stehen noch immer unbehelligt beiderseits der Straße und empfehlen sich heutigen Betrachtern als feines Art Deco Design. Aber Hermkes wandte sich gegen die Achse. Nicht mit Worten, sondern mit seinem Entwurf: er verzichtete konsequent auf Symmetrie, monumentale Fassaden und dominante Zeichen in der Platzmitte. Dort steht kein Denkmal, auch nicht das für Ernst Reuter, obwohl dies nahegelegen hätte. Die Gebäude sollten den Platz in lockerer Gruppierung umstehen, freigesetzt vom Autoritätsraum der Nazi-Planung. In der Platzbinnenfläche wurde eine Grünanlage mit großem Wasserbecken angelegt, dessen sprudelnden Fontänen jedes stillstehende Herrschaftszeichen vergessen lassen sollten. Ich schlage vor, Bernhard Hermkes’ Ernst-Reuter-Platz nicht nur als freien städtebaulichen Entwurf, sondern als Gegenbau gegen die am Ort gesetzte Autorität zu interpretieren: er brachte die Ost-West-Achse gewissermaßen ins Kreiseln.

„Die Flamme“ von Bernhard Heiliger (1963) ist Kunstwerk und Mahnmal für den Frieden zugleich
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Die Flamme von Bernhard Heiliger 1963

Die einzelnen Bauten am Platz verdienen, jeder für sich, eine ebenso eingehende Betrachtung und Bewertung, wie der städtebauliche Entwurf. Dafür ist hier nicht der Ort. Aber es ist noch das eingangs erwähnte Denkmal zu besprechen, das unbedingt zum Ensemble gehört und ihm weitere semantische Tiefe und Komplexität verleiht: „Die Flamme“ von Bernhard Heiliger, auf dem Platz vor den Architekturgebäuden von Hermkes und Hans Scharoun: Eine von einem schmalen Fußpunkt aus hoch aufsteigende, mächtige abstrakte Form aus Bronze, fest und konzentriert und zugleich vielfältig zerrissen und unstet. In der Ansicht von Süden, von der Straße des 17. Juni, die ich hier bevorzugen will, lässt sich die Form, die sich kraftvoll einem starken, imaginären Gegenwind entgegenstemmt, als Verbindung von Flammen- und Flügelmotiven interpretieren. Die Inschrift auf einer ins Pflaster eingelassenen Platte lautet: „Friede kann nur in Freiheit bestehen/Ernst Reuter“. Eine Flamme und zugleich Flügel für Ernst Reuter.

Die Plastik wurde im Jahre 1963 im Beisein von Eleanor Dulles und Willy Brandt eingeweiht, zwei Jahre nach dem Mauerbau. Die Verschmelzung von Flamme und Flügeln in einer gemeinsamen dynamischen Form eröffnet ein semantisches Feld, in dem Opfer, Totenehrung, Überdauern, Erneuerung, Sieg, Widerstand und Frieden aufscheinen. Diese Deutungsmöglichkeiten gewinnen an Plausibilität, wenn man den Blick vom Ernst-Reuter-Platz auf das topografische Umfeld weitet: Im Osten die Quadriga auf dem Brandenburger Tor mit der wagenlenkenden Viktora/Eirene, die Siegessäule mit der „Goldelse“-Viktoria am Großen Stern und im Westen die „Ewige Flamme“ des Mahnmals der Heimatvertriebenen am Theodor-Heuss-Platz.

Und noch eine Figur ist in dieser Reihe der Flammen und Flügelwesen zu nennen: Die Nike von Samothrake, jene weltberühmte geflügelte Siegesgöttin aus dem hellenistisch-kleinasiatischen Samothrake, die französische Archäologen im 19. Jahrhundert ausgruben und die, betrachtet man die Flamme in der von mir gewählten Ansicht, gewissermaßen als die Patin von Heiligers Plastik zu nennen ist. Das Original steht im Louvre, ein Gipsabguss in Originalgröße steht, wenige Schritte vom Platz entfernt, im Lichthof des Hauptgebäudes der TU Berlin. Er ist ein Geschenk der französischen Hochschullehrer, die 1956 gemeinsam mit den TU Professoren in Berlin tagten, um Möglichkeiten der zukünftigen Zusammenarbeit zu erörtern. Allerdings vergingen viele Jahre, bis der Abguss gefertigt war und aufgestellt werden konnte. Für Heiliger kam die Assoziation also nicht durch räumliche, sondern durch thematische Nähe zustande. Die Nike aus dem Lichthof ziert heute das Info-Material der TU Berlin. Auch die Flamme könnte dort einen wohlbegründeten Platz haben. Denn sie verweist, mit dem Pathos ihrer Form, ihrem oben skizzierten Bedeutungshorizont und gleichermaßen mit dem Ethos der Widmungsinschrift – „Frieden kann nur in Freiheit bestehen/Ernst Reuter“  bis heute auf den politischen und kulturellen Rahmen, in dem die Stadt und die Universität damals, Anfang der1960er Jahre handelten.

Gabriele Dolff-Bonekämper mit zwei Wahrzeichen des Ernst-Reuter-Platzes: "Die Flamme" von Bernhard Heiliger und das 80 Meter hohe TU-Hochhaus
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Das Freiheitspathos der Nachkriegsmoderne

Der Ernst-Reuter-Platz ist ein herausragendes Stadtbaukunstwerk. Noch im Gegenbau lässt er die auf Machtfestigung und Raumdominanz zielende Speer’sche Achsenplanung aufscheinen, gegen die die West-Berliner Architekten und Auftraggeber mit Modernität und Offenheit angegangen sind. Wenn heute das Freiheitspathos der Nachkriegsmoderne erklärungsbedürftig geworden ist, heißt das nicht, dass es nicht mehr gilt. Es ist nur historisch geworden.

Dieser Platz hat eine Geschichte.

Gabriele Dolff-Bonekämper, Fachgebiet Denkmalpflege am Institut für Stadt und Regionalplanung an der TU Berlin / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 1/2012

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