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TU Berlin

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Alumni

Vielseitigkeit und Ausstrahlung

Montag, 18. Juni 2012

Norbert Miller zum 75. Geburtstag

Von Markus Bernauer

Er gleiche altem Stallpersonal, sagte Norbert Miller über sein Verhältnis zur Technischen Universität Berlin bei der Festveranstaltung am 21. Mai im Lichthof zu Ehren seines 75. Geburtstages. 1960, noch vor dem Mauerbau, war Miller als Assistent von Walter Höllerer an die TU Berlin gekommen, wurde zwölf Jahre später ordentlicher Professor und blieb es bis 2005.

Fünfundvierzig Jahre oder elf Studentengenerationen in Regelstudienzeiten gerechnet: Als Miller in die TU Berlin eintrat, stellten die Geisteswissenschaftler ein Studium generale für die Techniker und Naturwissenschaftler bereit; bei seiner Emeritierung war nicht nur dieses längst verschwunden, auch die Magister- und Lehramtsstudiengänge standen vor der Auflösung. Die Studierenden zwischen 1960 und 2005 erlebten freilich ein „Institut für Deutsche Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“ von verblüffender Vielseitigkeit und bemerkenswerter Ausstrahlung, gemessen an seiner Größe. Norbert Miller hatte daran entscheidenden Anteil.

In Frankfurt am Main, München und Berlin hatte Miller Deutsche Philologie und Kunstgeschichte studiert. Seine Promotion bei Wilhelm Emrich mit „Der empfindsame Erzähler. Untersuchungen zu Romananfängen im 18. Jahrhundert“ und seine Beschäftigung mit diesem Thema führten ihn zu Jean Paul; noch 1958 in München begann er mit Walter Höllerer die Arbeit an jener zuletzt zehnbändigen Ausgabe bei Hanser, die den Dichter dem gegenwärtigen Literaturbetrieb wieder eingemeindete. Jean Paul prägte auch Millers Idee von Literatur als einer Sprache, die Wirklichkeit erfindet und endlose Tagträume hervorbringt. Sowohl in der von Höllerer gegründeten Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ als auch im Literarischen Colloquium Berlin spielte Miller tragende Rollen; er war Mitglied in allen wichtigen Literaturjurys der Bundesrepublik.

Kein bisschen leise seit Jahrzehnten: Norbert Miller bei der Festveranstaltung
Lupe

Miller ließ seinen Blick selbstverständlich über die Grenzen der deutschen Literatur hinaus schweifen. Davon zeugen Aufsätze, Bücher und Ausgaben. Die beiden wunderbaren Daniel-Defoe-Bände fanden weite Verbreitung – und waren übrigens auch die sommerliche Urlaubslektüre des Schreibenden als Schweizer Gymnasiast. Miller überwand aber auch Grenzen zu anderen Kunstwissenschaften. 1978 erschien sein viel gerühmtes Buch über Giovanni Battista Piranesi, den antirationalistischen präromantischen Zeichner, Stecher, Archäologen und Architekten. Ausdruck seines besonderen Interesses für die „Präromantik“ ist auch Millers Beteiligung an der „Bibliotheca Dracula“ mit immer noch verblüffend luziden Nachworten – dergleichen Schauerliteratur verabscheuten die meisten Kollegen damals als Trivialliteratur. Den Zusammenhang von „Präromantik“ und Romantik legte er in zwei monumentalen Bänden dar, die er mit Carl Dahlhaus begonnen und nach dessen Tod zu Ende gebracht hatte: „Europäische Romantik in der Musik. Oper und sinfonischer Stil“. Die ganze Breite der von ihm schreibend erkundeten Felder von der „Präromantik“ bis zur Nachkriegsliteratur zeigt jetzt jedoch ein Aufsatzband, den die TU Berlin zusammen mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz zu seinem Geburtstag ermöglicht hat: „Paradox und Wunderschachtel. Essays“ (siehe Buchtipp unten).

Millers Mitgliedschaften in den wichtigsten Akademien der Wissenschaften, der Künste und der Literatur haben seiner Präsenz an der TU Berlin nie geschadet, nicht in der Lehre und nicht in der akademischen Selbstverwaltung, eine Aufgabe, die er sehr ernst nahm. Mit Werner Dahlheim zusammen unternahm er Jahr für Jahr eine längere Spätsommerexkursion, ein Anschauungsunterricht, den beide als entscheidendes Stück (Aus-)Bildung für die Studierenden ansahen. Er stand als Mitglied des Akademischen Senats rund 20 Jahre lang für eine politische Kultur, für die bei aller Gegnerschaft das entscheidungsorientierte Gespräch ein Treibstoff der Universität war. Altes Stallpersonal eben.
Am 14. Mai 2012 ist Norbert Miller 75 Jahre alt geworden. Zur Ruhe hat er sich nach seiner Emeritierung nicht gesetzt. Das ist auch gut so.

Der Autor ist Professor für Neuere Deutsche Philologie am Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte

Markus Bernauer / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 6/2012

Buchtipp

Lupe

Anlässlich seines Geburtstages haben Schülerinnen und Schüler des Meisters der Erzählkunst und der Literatur den Band „Paradox und Wunderschachtel“ herausgegeben. Es ist eine Sammlung von acht Essays Norbert Millers, die einen Querschnitt durch die europäische Literatur- und Kulturgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert darstellen: Er diskutiert Grundfragen der Kulturgeschichte wie den sogenannten „Griechenstreit“, der den Klassizismus revolutionierte, oder die Frage, wie die erfundene Wirklichkeit in der Literatur ins Leben zurückstrahlt, er schreibt über das Paradox des Romanciers, der keine Romane schreiben wollte, über Dr. Jekyll and Mr. Hyde sowie über die Vertauschung von Innen- und Außenraum. Ein Vorwort von Michael Krüger sowie eine ausführliche Bibliografie Norbert Millers rahmen den Band ein. Er entstand mit Unterstützung der TU Berlin, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie von privater Seite. Ein besonderer Dank gebührt dem TU-AltPräsidenten Kurt Kutzler für sein großes Engagement.

M. Bernauer, C. Baum, G. Horstmann, C. Ortlieb und P. Plättner (Hrsg.): Norbert Miller. Paradox und Wunderschachtel. Essays, Wallstein Verlag, Göttingen 2012
ISBN: 978–3–8353–1090–2

pp / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 6/2012

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