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TU Berlin

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Alumni

Durch das Gefängnis in die Freiheit

Freitag, 16. Dezember 2011

TU-Alumnus Axel Reitel ist Schriftsteller geworden - aus Empörung

Nach dem Freikauf aus der DDR wurde Axel Reitel in der Bundesrepublik Schriftsteller
Lupe

Der Schriftsteller Axel Reitel ist ein Mensch, der weiß, wie viel er wert ist: 95 847 D-Mark. So viel zahlte zumindest die Bundesrepublik Deutschland im 1982, als sie ihn aus dem Cottbusser Gefängnis freikaufte. Damals war Reitel ein "Krimineller". Im Westen hätte man ihn als politischen Häftling bezeichnet, aber diese Bezeichnung war in der ehemaligen DDR verboten. Reitel saß wegen einer Plakat-Aktion, mit der er öffentlich für eine Ausreise in die BRD protestieren wollte: "Für mich war das Ganze eine Matherechnung. Wenn man für vier Jahre verurteilt war, kam man meist nach der Hälfte der Zeit raus", sagt Reitel, der um die geheimen Geschäfte der DDR mit politischen Gefangenen wusste und absichtlich provozierte: Er ging ins Gefängnis, um frei zu sein.

In der Westberliner Freiheit kann der gebürtige Plauener endlich tun, was er schon mit 15 Jahren wollte: Schreiben. Über die wahren Zustände in der DDR. Seine ersten Erzählbände "Zündhölzer für ein Manöver" und "Das Glück in Mäusebach" erscheinen, noch während er an der TU Berlin Kunstgeschichte und Philosophie studiert. An seine Studienzeit von 1985 bis 1990 erinnert sich Reitel gerne: "Sie ist für mich eine der besten meines Lebens gewesen. Die ,research kitchen', von der Frank Zappa redet, das wissenschaftliche Training und diese Ruhe, um Prozesse zu begreifen, das alles kriegt man nur an der Universität."

Der 50-Jährige schreibt heute Hörfunk-Features für die ARD. Reitel wühlt und gräbt sich durch Inhalte, von denen andere lieber ihre Finger lassen. Seine Themen sind die "Kotzbrocken": "Wo sich Konflikte auftun, raucht und knallt es. Ich frage mich immer erst: Ist das ein Shakespeare-Stoff?", sagt Reitel, der über Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze, den mysteriösen Tod des eigenen Bruders oder über den Jugendstrafvollzug in der DDR schreibt.

Reitel geht nicht nur dorthin, wo es raucht und knallt - er kommt auch daher. Er wächst in einem Land auf, "das Idioten aus den Menschen gemacht hat, die dem System hörig waren. Die DDR war keine Götterspeise, sondern ziemlicher Wackelpudding", so Reitel. Schon als Kind bekommt er den Ost-West-Zwiespalt täglich mit: Tagsüber ist sein Vater ein eifriger Genosse und SED-Funktionär, am Abend schimpft er über die Versorgungslage in der DDR. Mit 17 Jahren muss Reitel das erste Mal hinter Gitter. Um 4 Uhr morgens am 17. Juni 1978 wird er verhaftet, nachdem er bei einer spontanen Flaggenverbrennung anwesend war: 49 Tage Jugendgefängnis in Gräfentonna folgen. Wenn er nach dieser Zeit gefragt wird, schiebt er lieber seinen blauen Erzählband über den Tisch. Darin beschreibt er: "In dieser Nacht hörte keiner, wie Sascha sein Schlafkleid zerriss. Am Morgen aber sahen alle den rotverkrümmten Körper in Zelle 17, den Sascha in dieser Nacht verlassen hatte."

Dass damals auch seine ersten Reportagen entstanden, erkennt Reitel erst, als er Einsicht in seine Stasi-Vernehmungsakten nimmt: Zwei lange Verhörtage lang hatte der 19-Jährige dem Stasi-Offizier seine Ansichten über die DDR diktiert. "Er hat alles fein säuberlich aufgeschrieben", sagt Reitel. "Damals war er mein Richter, im Nachhinein betrachtet war er mein Sekretär."

Was ihn zum Schreiben treibt, ist die Empörung. Er spürt sie zum ersten Mal als Elfjähriger, als er das Foto von Kim Phuc sieht, dem Mädchen, das bei einem Napalm-Angriff im Vietnam-Krieg schwere Verbrennung erlitt. Seine Empörung versieht er für sein Publikum mit Witz und Charme und wandelt so die "harten Brocken" in verdauliche Bröckchen um. "Schreiben ist Liebe. Das hat nichts mit Wut, Biss oder Galle zu tun. Selbst im Unglück erlebt man spannungsreiche Geschichten. Alles, was schiefgegangen war, war am Ende richtig", sagt Reitel, der in einem Café unweit des Studentenwerks sitzt. Dort im Eingang coverte er mit seiner Band "Erste Lektion" zu Studienzeiten "The Doors"-Lieder. Auch heute noch macht Reitel Musik. In seinem neuen Lied "Frei" singt er: "Für immer frei von falschen Freunden, für immer frei von ihrem Wunsch, zu verleumden." Wer seine falschen Freunde waren, weiß Axel Reitel nicht. Er hat die Klarnamen in seiner Stasi-Akte nie beantragt.

Susanne Hörr / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 12/2011

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