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TU Berlin

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Von einem wichtigen Jahr, einer historischen Diplomarbeit und der Fabrik der Zukunft

Mit der Gründung der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin begann die Entwicklung Charlottenburgs von einer Residenzidylle zu einem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort

Von Hans Christian Förster

Es begann mit einem Paukenschlag! Eine liberale Parlamentsmehrheit, der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und selbst der Berliner Architektenverein forderten, dass endlich der „preußische Sonderweg“, die Trennung in „Staatsbeamte“ und „Zivilingenieure“, aufgegeben und durch eine gemeinsame Ausbildung an einem Polytechnikum zu ersetzen sei. Die Ministerien leisteten noch Widerstand, aber schließlich akzeptierten sie diese Forderung.

1879 entstand aus Bau- und Gewerbeakademie die Königlich Technische Hochschule zu Berlin (TH). Das war ein großer Schritt zur Emanzipation der technischen Intelligenz. Als 1884 das neue Neorenaissancegebäude der Technischen Hochschule unweit des Charlottenburger „Knies“ eröffnet wurde, signalisierte es in Stil und Größe den Aufbruch in das „technische Zeitalter“. Wie das Haus beeindruckten die Lehrangebote in Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und die Namen der berufenen Hochschullehrer.

Zu ihnen gehörten Franz Reuleaux (1829–1905) und Adolf Slaby (1849–1913). Reuleaux stellte den Maschinenbau auf eine mathematisch-wissenschaftliche Grundlage, und seine „Kinetische Kette“ gehört noch heute zum Grundwissen der Getriebelehre. Für Reuleaux war Widerspruch erste Bürgerpflicht. Er kritisierte eine Industrie, die glaubte, mit billigen und schlechten Produkten den Markt erobern zu können. Nur ein gut ausgebildeter Ingenieurnachwuchs garantiere weltweite Wettbewerbsfähigkeit.

Ludwig Borchardt fand die Büste der Nofretete

Adolf Slaby lehrte zunächst Maschinenbau. Ein Assistent dieses Theoretikers der Gasmaschine war der spätere Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers (1859–1935). 1886 wurde Slaby erster Ordinarius für Elektrotechnik an der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin und baute mit Unterstützung durch Werner von Siemens (1816–1892) ein elektrotechnisches Laboratorium aus. 1897, inspiriert durch die Versuche Guglielmo Marconis (1874–1937) mit drahtloser Telegrafie in England, befasste sich Slaby nun mit den wissenschaftlichen Grundlagen dieser Technik und verbesserte sie. Es gelang, das Marconi-Monopol in der „Funkentelegrafie“ zu brechen. Mit der Gründung von „Telefunken“ (1903) siedelte sich in Berlin eine weitere Schlüsselindustrie an.

Die Architektenausbildung der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin orientierte sich – dem Zeitgeschmack entsprechend – an historisierenden Stilen. Zugleich ging aus dieser historischen Orientierung eine neue Fachrichtung, die archäologische Bauforschung, hervor. An deren wissenschaftlichen Grundlagen geschult, wirkten Generationen bedeutender Ausgräber in Griechenland, Ägypten, Kleinasien, im Zweistromland und in Persien. So fand der TH-Absolvent Ludwig Borchardt (1863–1938) in der Einöde von Tell el-Amarna die berühmte Büste der Nofretete; Professor Daniel Krencker (1874–1941) war an den Ausgrabungen in Baalbek beteiligt.

Charlottenburg profitierte von der Hochschule und erlebte um 1900 einen unglaublichen wirtschaftlichen Aufschwung. Die einstige Residenzidylle entwickelte sich – neben Berlin – zu einem quirligen großstädtischen Industriestandort. Am Salzufer und in der Franklinstraße baute die Firma Siemens & Halske einen zweiten Produktionsstandort und einen Firmensitz. Schon bevor Groß-Berlin (1920) gebildet wurde, war Charlottenburg Teil von Elektropolis.

Als von nachhaltiger Bedeutung erwies sich die 1887 gegründete Physikalisch-Technische Reichsanstalt (PTR). Nur dem hartnäckigen Engagement von Werner Siemens und seiner großzügigen Schenkung eines Grundstücks an der Marchstraße war ihre Entstehung zu verdanken. Die PTR stellt einen neuen Typ von Forschungseinrichtung auf dem Felde der Metrologie und Naturwissenschaft dar, die keine Lehrverpflichtung kennt.

Erster Direktor wurde Hermann von Helmholtz (1821–1894), der als erfahrener Forscher beim Bau der wissenschaftlichen Laboratorien fachkundig beraten konnte. Zu den Aufgaben der Reichsanstalt gehörte die Darstellung physikalischer Grundeinheiten durch geeignete Normale. Das trug dazu bei, dass die deutsche Wissenschaft und Industrie global erfolgreich und wettbewerbsfähig wirken konnten. Zugleich hatte die PTR durch experimentelle Tätigkeiten großen Anteil an der Bestätigung der Planck’schen Quantentheorie von 1900 und leistete einen wichtigen Beitrag zur Durchsetzung der modernen Physik.

Ein weiterer Meilenstein zur Emanzipation der technischen Akademiker war die 1899 erfolgte Verleihung des Promotionsrechts an die Königlich Technische Hochschule zu Berlin durch Wilhelm II. Der technikbegeisterte Kaiser pflegte gute Beziehungen zu Slaby, ließ sich von ihm beraten und nahm gelegentlich an dessen Experimentalvorlesungen teil. Doch die Nähe zur Macht ließ die Hochschule zum unkritischen technischen „Leibregiment der Hohenzollern“ werden. Trotzdem gelang es ihr nach dem 1. Weltkrieg, ihre Ausstrahlungskraft zu erhöhen.

Georg Schlesinger (1874–1949), der 1904 die weltweit erste Professur für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe erhielt, hatte die Produktionstechnik und Betriebsorganisation zu einer wissenschaftlichen Disziplin gemacht und damit internationale Beachtung erzielt.

Der zunehmenden Bedeutung der modernen Physik trug die Technische Hochschule zu Berlin mit der Berufung des Nobelpreisträgers Gustav Hertz (1887–1975) Rechnung. Ein neues Physikgebäude mit Berlins größtem Hörsaal entstand. Das Physikalische Institut zog zahlreiche junge Forscher an, darunter auch Eugene Paul Wigner (1902–1995), der 1933 emigrieren musste und 1963 den Nobelpreis für Physik bekam.

In jener Zeit war der Charlottenburger Campus auch Standort des Autobaus. In der Sophienstraße produzierten die Cousins Rudolf Slaby und Hermann Berlinger zwischen 1919 und 1924 einen Kleinwagen mit Elektroantrieb. Seine Batterieladung reichte für 60 Kilometer. Hauptabnehmer war damals Japan.

Wenig bekannt ist, dass zwischen 1930 und 1943/44 eine stillgelegte, von der TH übernommene Werkhalle (Franklinstraße 6) der erste Ausstellungsort der berühmten Statuen von Tell Halaf war, 3000 Jahre alte aramäische Kunstwerke, die Max von Oppenheim (1860–1946) ausgegraben hatte. Durch Bomben 1943 beschädigt und zerstört, lagerten die Bruchstücke jahrzehntelang im Keller des Pergamonmuseums. Nach einer unvorstellbaren Puzzlearbeit, auch mit Hilfe einer TU-Wissenschaftlerin, wurden sie zwischen 2001 und 2009 wieder zusammengesetzt.

Eine Diplomarbeit von 1930, entstanden im Hochspannungslaboratorium der TH zu Berlin, wurde historisch. Darin beschrieb der 24-jährige Ernst Ruska (1906–1988) die Grundlagen der Elektronenmikroskopie. 1986 erhielt er dafür den Nobelpreis.

Mit Hitlers Machtübernahme 1933 begann jedoch auch an der TH Berlin eine schlimme Zeit. Zahlreiche Hochschullehrer wurden entlassen, jüdische Studenten nicht mehr zugelassen. Die Hochschule war mannigfaltig in NS-Verbrechen verstrickt. In einer 2013 erschienenen Publikation hat die TU Berlin begonnen, dieses düstere Kapitel aufzuarbeiten.

Zum Ende des Krieges 1945 lagen große Teile der Hochschule in Trümmern. Wiederaufbau und demokratische Erneuerung begannen. 1946 wurde die Hochschule als Technische Universität neu gegründet. Sie kann seither auf große Erfolge zurückblicken. So entstand 1961 am Physikalischen Institut der TU Berlin der erste deutsche Festkörper- und Gaslaser. Unter Leitung von Professor Hans Boersch (1909–1986) entwickelte sich das Institut zum Zentrum der experimentellen Laserforschung in der Bundesrepublik Deutschland.

1967/68 wurde die TU Berlin auch zu einem Zentrum der Studentenrevolte. Im Februar 1968 fand im Audimax der legendäre Vietnamkongress statt, wo unter anderen Rudi Dutschke sprach. Zuvor hatten die Professoren Hans Heinz Stuckenschmidt (1901–1988), Carl Dahlhaus (1928–1989) und Walter Höllerer (1922–2003) mit ihrer Orientierung an Kultur- und Kunstformen der Moderne eine Brücke zur jungen Generation geschlagen. Große Popularität erlangten die Lektionen Höllerers über amerikanische Lyrik und Popmusik – etwa zu Bob Dylan.

Wegweisend war das 1986 von Professor Günter Spur (1928–2013) initiierte Produktionstechnische Zentrum (PTZ) in der Pascalstraße, das sich mit der Erforschung der Fabrik der Zukunft in der Wissenschaft einen Namen gemacht hat. Es leistete einen wichtigen Beitrag zur computergestützten Produktionsweise. Inzwischen wird dort unter anderem nach Lösungen für eine ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltige Produktion geforscht.

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