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TU Berlin

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„Ein bisschen Wildwuchs wäre schön!“

Martin Rennert, Präsident der Berliner Universität der Künste (UdK), über den Campus Charlottenburg, mögliche Synergien, kreative Andersartigkeit und was daraus werden kann

Interview Katharina Jung

Herr Professor Rennert, Sie gehören zu den Mitgründern und Ideengebern des Campus Charlottenburg – war das eine Idee, die in der Luft lag?
Ich würde sagen, Kybernetik lag in der Luft. Die Universitäten kommen aus einer jahrhundertealten Tradition der Spezialisierung. Zwar haben wir natürlich keine Grenze des Wissens erreicht, aber es setzt sich in den letzten Jahren doch immer mehr die Erkenntnis durch, dass Wissen mehr ist als Fachwissen. Nicht zuletzt hat die globale Wirtschaft uns gezeigt, dass man auch globaler denken muss. Bricht man das auf die Universitäten in Berlin herunter, haben sowohl die TU Berlin als auch wir uns gefragt: Was müssen wir tun, um an der Spitze der Bewegung zu bleiben? Wenn zwei auf ihrem jeweiligen Gebiet herausragende Universitäten so nah beieinandersitzen, da wäre es doch fahrlässig, nur gemeinsam die Mensa zu nutzen oder Schnee zu schippen. Durch unsere räumliche Nähe wollen wir auch die Potenziale heben, die eine TU in Aachen oder eine Kunsthochschule in Saarbrücken gar nicht heben können.

Was bedeutet das in der Realität? Wo treffen Studierende oder Beschäftigte der beiden Hochschulen tatsächlich aufeinander?
Am Anfang des Studiums ist der Kontakt über die Grenzen des eigenen Fachs hinaus sicher nicht sehr groß, nicht einmal zwischen den verschiedenen Fakultäten einer Hochschule. Das ist verständlich. In der UdK haben wir für die frühen Semester ein Studium generale eingeführt, das auch TU-Studierenden offensteht. Je weiter man in sein eigenes Fachgebiet vordringt, desto klarer wird einem aber auch, dass es eine unendliche Fülle an Wissensgebieten gibt, von denen man im Grundsatz nichts weiß – die aber trotzdem für das eigene Fach hochinteressant sein können. So kann einen als Künstler zum Beispiel die Multimediatechnik beschäftigen oder der Mathematiker kann ein begeisterter Konzertbesucher sein. Der Campus Charlottenburg bietet eine ideale Begegnungsfläche für Menschen, die auf einem Gebiet spezialisiert sind, aber Laien auf einem anderen. Gerade diese Andersartigkeit bringt oft die kreativsten Ideen hervor. Je lebendiger der Campus Charlottenburg wird, desto stärker wird sich dieses Bewusstsein der Möglichkeiten durchsetzen. Die Hybridplattform beider Universitäten oder der Design Reaktor haben hier ein enormes Potenzial gezeigt, das es anderswo nicht gibt. Trotzdem: Es wird auch weiterhin Bereiche geben, die weitestgehend getrennt voneinander existieren. So wird es vermutlich nur in Ausnahmefällen eine Zusammenarbeit zwischen den Kirchenmusikern der UdK und den Chemikern der TU Berlin geben.

Was sind Ihre Pläne, um diese Begegnungen noch weiter zu institutionalisieren?
Gemeinsame Veranstaltungen! Das ist ganz wichtig, um eine gemeinsame Kultur zu etablieren und überraschende Begegnungen zu ermöglichen. Auf einer anderen Ebene geht es aber auch darum, den Campus Charlottenburg nicht nur zu einer Idee, sondern auch zu einem Ort zu machen. Einem Ort, der beliebt und belebt ist, wo man gerne hingeht. Der Ernst-Reuter-Platz wäre prädestiniert als zentraler Platz des Campus Charlottenburg – aber im Moment ist er doch eher eine Brache mitten in der Stadt. Und das trotz der unmittelbaren Nachbarschaft zu den Hochschulen, dem Schiller-Theater oder der Deutschen Oper. Studentisches Leben findet hier nicht statt; das müssten wir ermöglichen. Der Campus Charlottenburg ist auch eine Chance, Berlins Position als Stadt der Wissenschaft und der Künste zu stärken. Doch das können die Hochschulen nicht alleine. Dazu müssen wir eng mit unseren Partnern wie der Bezirksverwaltung und allen Anrainern zusammenarbeiten.
Welchen Input würden Sie sich dazu von Ihren Partnern wünschen?
Als Hochschulpolitiker weiß ich natürlich, dass solche Entwicklungen Zeit brauchen und durch viele kleine Schritte auf den Weg gebracht werden. Als Künstler aber sage ich: Ich will ja gar keine Revolution, sondern das, was man in der Kunst eine „intelligente Intervention“ nennt. Wenn man einen einfachen oberirdischen Zugang zur Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes schaffen würde und auf der Insel die baulichen Möglichkeiten für ein Café, dann wäre damit eine unumkehrbare Entwicklung in Gang gesetzt, die auch die Landschaft rund um den Platz zum Positiven verändern würde. Das scheitert bislang unter anderem am Denkmalschutz und an der Angst vor Wildwuchs. Als Künstler sind mir Denkmalschutz und Urheberrechte ein wichtiges Anliegen, aber ein bisschen Wildwuchs könnte hier vielleicht belebend wirken. Ziviles Leben, das vom Campus geprägt ist, wäre mein Ziel. Wir werden das Thema weiter verfolgen!

Welche anderen Partner würden Sie noch gerne mit in den Campus Charlottenburg integrieren?
Die IHK, die Börse, das Museum für Fotografie und viele Anrainer sind grundsätzlich bereits auf unserer Seite. Ich glaube, wir sollten auch viele andere Akteure, vor allem die benachbarten Forschungseinrichtungen, mit ins Boot holen. Auch die werden sich anschauen: Wie entwickelt sich die Gegend hier? Orientiert man sich nur Richtung Ku’damm? Die UdK hat zum Beispiel eine hervorragende Partnerschaft mit dem Waldorf Astoria. Das Hotel hat Künstlern der Hochschule mehr als 600 Originalwerke abgekauft und damit alle Zimmer eingerichtet. Auch kleinteilige Gewerbetreibende wie der lokale Gemüsehändler oder Cafés sind wichtige Partner, um den Campus Charlottenburg zu einem lebenswerten Ort zu gestalten. Man könnte daraus ein Modellprojekt machen: die Revitalisierung eines zentralen Stadtteils durch Kunst und Wissenschaft.

Wenn Sie an die Zukunft denken, was sind Ihre nahen und weiteren Ziele oder Wünsche für die Entwicklung des Campus Charlottenburg?
Unmittelbares Ziel für die kommenden Jahre ist es, unsere eigenen Professoren und Mitarbeiter noch mehr für das Projekt und seine Chancen zu sensibilisieren – sowohl an der UdK wie an der TU Berlin. Mein langfristiger Wunsch wäre es, den Campus als zentralen und lebendigen Ort des wissenschaftlichen und künstlerischen Lebens und Arbeitens in Berlin in den Köpfen der Menschen zu verankern. Der Verkäufer aus dem Gemüseladen an der Ecke muss nicht im Detail wissen, welche Forschung hier betrieben wird, aber er sollte sich wünschen, dass seine Kinder hier studieren.

Vielen Dank!

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