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Alles Gute, Ernst

Ernsthafte Gedanken zum 60. Geburtstag des Ernst-Reuter-Platzes

Von Florian Heilmeyer

Ich kann nicht sagen, wie oft ich am Ernst-Reuter-Platz entlanggelaufen bin. Aus den blau gekachelten U-Bahn-Schächten hinauf, rasch über die Straße des 17. Juni und so schnell wie möglich geradeaus ins Haus der Architekturfakultät, ein wunderbar unterschätztes Gebäude der Westberliner Nachkriegsmoderne von Bernhard Hermkes. Für viele Jahre war das eine Art zweites Zuhause für mich, denn Architekturstudenten sind oft und lange in den Zeichensälen, was wiederum sicher nichts mit den Qualitäten der Architektur zu tun hat.

Vielleicht habe ich keinen anderen Platz in Berlin öfter gesehen als diesen. Aber es hat doch einige Jahre gedauert, bis ich ihn zum ersten Mal als Platz gesehen habe – als einen Ort, auf dem sogar kleine Baumgruppen stehen, Sitzbänke und Wasserbecken. Ein Ort also, der wirklich für Menschen zum Verweilen gestaltet, dann aber in den fortschrittsgläubigen 1950er-Jahren mit einem breiten Verkehrskreisel umgeben wurde, auf dem nun Autos und Busse einen Fluss aus Metall und Lärm bilden, hinter dem diese seltsame Mittelinsel liegt, buchstäblich eine Insel, ein abgeschnittenes Eiland mit eigenem Fußgängertunnel, gut versteckt und quasi unbekannt.

Als Studenten standen wir oben in den breiten, offenen Fluren unserer Fakultät, tranken Kaffee, rauchten und schwatzten, und unter uns drehte sich der Verkehr im Kreise. Von hier oben erfüllte der Platz noch am ehesten die Vorstellungen von der Nachkriegsmoderne, wie Hermkes sie damit verband: die elegante Dynamik der neuen, autogerechten Metropole, die Berlin damals werden sollte. Aber selbst von oben, wo wenigstens Lärm und Gestank ausgeblendet waren, ist mir der Platz vor allem grau in Erinnerung geblieben – fast so, als ob es immer geregnet hätte, was vermutlich nicht der Fall war.

Was einem nicht auffällt, weil man kaum einmal stehen bleibt: Dieser Platz hat einige Qualitäten. Mit 180 Meter Durchmesser gilt er als der größte Rundplatz Berlins. Die Wasserbecken mit ihren 41 Fontänen wurden von Werner Düttmann entworfen. Einige der Gebäude ringsum gehören tatsächlich zu den schönsten, klarsten Hochhäusern der Nachkriegsmoderne: das Telefunken-Hochhaus von Paul Schwebes und Hans Schoszberger, das Osram-Haus, ebenfalls von Hermkes, oder das IBM-Gebäude von Rolf Gutbrod. Schon die Firmennamen zeugen davon, was der Ernst-Reuter-Platz eigentlich werden sollte: ein wahrhaft moderner Stadtraum, eine Hymne an die moderne Großstadt, ein Westberliner Times Square.

Aber setzen Sie sich einmal in die Mitte. Der Verkehr tost, das eigene Wort ist kaum zu verstehen. Es ist immer windig. Das Positivste ist noch, dass die Bänke fast immer frei sind. Der Platz ist so stark an den Bedürfnissen des „Weltstadtverkehrs“ orientiert, dass er für Menschen zum idealtypischen Un-Ort geworden ist. Man fühlt sich unsichtbar und beobachtet, gleichzeitig ein Rest-Raum mitten in der lebhaftesten Infrastruktur – ein „Concrete Island“, wie J. G. Ballard es sich nicht besser hätte ausdenken können. Nein, die Mittagspause verbringt man besser woanders.

So möchte ich dem Ernst-Reuter-Platz für seine Zukunft vor allem eine handfeste Ölkrise wünschen, und zwar eine endgültige. Es scheint, als ob er nur so aus den Fesseln des entfesselten Individualverkehrs befreit werden könnte. Nur dann könnte er ganz neu gedacht werden mit all seinen stadträumlichen und architektonischen Qualitäten. Das klingt als Fazit natürlich sehr brav, ökologisch und politisch korrekt – es wäre aber angesichts der augenblicklichen Situation, die diesen Ort so ganz dem Auto opfert, die vielleicht utopischste Utopie, die ich mir hier vorstellen könnte: Begrünt den Ernst-Reuter-Platz! Vollständig!

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