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TU Berlin

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Beobachtungen aus dem Leben in der Corona-Krise oder Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie

Donnerstag, 09. April 2020

Medieninformation Nr. 62/2020

TU-Wissenschaftler*innen starten auf ihrem Blog eine Corona-Virus-Edition

„Die derzeitige Debatte über den Umgang mit der Corona-Pandemie ist zu Recht von der Expertise aus Medizin und Epidemiologie geprägt. Ihr Einfluss auf die Politik hat allerdings so rasch zu dramatischen Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung geführt, dass wir uns fragen müssen, was mit der Gesellschaft geschieht. Haben wir es mit einer Übergangsordnung zu tun, die bald wieder in die gewohnte Ordnung zurückführt, oder beobachten wir eine dauerhafte Veränderung – und wohin geht der Weg?“, fragen die beiden Soziolog*innen Prof. Dr. Hubert Knoblauch und Prof. Dr. Martina Löw von der TU Berlin.

Nichts könnte uns Wissenschaftlern, so beide weiter, deutlicher die Grundannahme des Sonderforschungsbereichs 1265 „Re-Figuration von Räumen“ vor Augen führen als die Corona-Krise. Aus diesem Grund haben die Wissenschaftler*innen des Sonderforschungsbereichs (Sfb) auf ihrem Blog eine Corona-Virus-Edition eingerichtet. In dieser rufen sie auf zur Diskussion über Beobachtungen aus dem Leben in der Corona-Krise, Beispiele für Raumaneignungen, Reflexionen und Forschungsbedingungen in Zeiten der Pandemie.

Dichotopie. Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie

Der erste Blogbeitrag „Dichotopie: Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie“ von den Soziolog*innen Prof. Dr. Hubert Knoblauch und Prof. Dr. Martina Löw, den Sprecher*innen des Sfb, macht deutlich, dass das Soziale im Kern ein Raumphänomen ist. Denn die dramatischen Veränderungen, die die Menschen in den letzten Wochen der Pandemie erfahren haben, sind vor allem Veränderungen des Raumes auf allen Ebenen: von der Schließung der nationalen Grenzen und dem Einbruch des internationalen Reise- und teilweise Warenverkehrs über die Sperrung öffentlicher Gebäude und großer Teile der Dienstleistungs- und Produktionsstätten bis hin zu den eigenen vier Wänden, die nun den Raum bilden, in dem die Menschen sich mehr oder weniger freiwillig einschließen, und der Distanzierung von anderen, die zu einem Gesundheitsrisiko geworden sind.

Die Corona-Krise stellt dabei keineswegs eine Ausnahme dar, sondern folgt den Mustern der Refiguration, die seit gut zwei Jahren im Sfb erforscht werden: Refiguration bezeichnet eine zunehmende Spannung zwischen einer territorialen und begrenzenden Logik des Containerraums und der entgrenzenden Raumlogik der Globalisierung. Während die erste in der Begrenzung des Bewegungsradius der Menschen und der Schließung nationaler Grenzen ihren Ausdruck findet, zeigt sich die zweite nicht nur in der Pandemie, sondern auch in der Verlagerung auf die digitale Netzwerkkommunikation. Zwar bleibt die Schärfe der Schließungen, wie Löw und Knoblauch hoffen, ebenso auf eine Übergangszeit beschränkt wie die fast vollständige Auslagerung zwischenmenschlicher Kommunikation über die Haushaltseinheiten hinaus. Doch weil in den räumlichen Entwicklungen der Corona-Krise die Spannungen zwischen den räumlichen Logiken wie in einem Brennpunkt verschärft werden, wird eine anhaltende Neuordnung erwartbar sein. Diese wird vermutlich nicht nur in der Krise und in der folgenden Phase der Deeskalation alle gesellschaftlichen Räume betreffen, insbesondere die der Städte und ihrer öffentlichen Räume, sondern auch alle gesellschaftlichen Bereiche. Das deute sich, so die Wissenschaftler, schon an der Tendenz zur Renationalisierung systemrelevanter Produktionen an, wird aber auch in der Umstellung der hoch komplexen Waren- und Lieferketten deutlich, die die Soziologin Linda Hering im zweiten Blogbeitrag „Notstand im Schlaraffenland – wie das Corona-Virus unsere Einkaufsorte refiguriert“ erläutert.

Notstand im Schlaraffenland – wie das Corona-Virus unsere Einkaufsorte refiguriert

Der Beitrag beleuchtet die Spannungen, die sich an unseren Einkaufsorten ergeben, wenn aufgrund der erhöhten Hygiene- und Schutzmaßnahmen der Supermarkt nun nicht mehr als Erlebnisort, sondern vor allem als Versorgungsort fungiert. Zudem wirft er einen Blick entlang der Warenkette und zeigt auf, wie Wissenslücken über Produktions- und Logistikprozesse in Krisenzeiten besondere Ängste schüren, die etwa in Hamsterkäufen ihren Ausdruck finden.

Learning to Dance: Social Distancing und die Refiguration der Interaktionsordnung

Dass die Corona-Krise auch die unmittelbaren Räume unserer Interaktionen berührt, zeigt sich schon in den Forderungen nach social distancing, nach sozialer Distanz. Wie Hubert Knoblauch im dritten Blogbeitrag aufzeigt, treffen diese Forderungen auf kulturell sehr eingespielte Formen der Interaktionsordnung. Darin geht es nicht nur um das habitualisierte Körperwissen bei der räumlichen Koordination, wenn wir uns etwa in einem verengten Raum oder in größeren Ansammlungen wie automatisch aufeinander abstimmen. Die Veränderungen durch soziale Distanz, Gesichtsmasken und neue räumliche Barrieren haben auch Folgen für die Formen der „Selbstdarstellung“, Rituale im Umgang miteinander und Höflichkeitsregeln, die auf längere Frist zu einer Refiguration der Interaktionsordnung führen. „Die Refiguration aber ist keineswegs ein von selbst ablaufender Prozess, sondern beruht auf Handlungen, sodass die Menschen unerwünschten Tendenzen begegnen können, wenn sie sie erkennen – im Raum und als Refiguration“, so Prof. Dr. Hubert Knoblauch.

Zum Blog des Sonderforschungsbereichs: sfb1265.de/blog/

Zu den Blogbeiträgen:
Dichotopie. Refiguration von Räumen in Zeiten der Pandemie
sfb1265.de/blog/dichotopie-refiguration-von-raeumen-in-zeiten-der-pandemie/

Notstand im Schlaraffenland – wie das Corona-Virus unsere Einkaufsorte refiguriert
sfb1265.de/blog/notstand-im-schlaraffenland-wie-das-coronavirus-unsere-einkaufsorte-refiguriert/

Learning to Dance: Social Distancing und die Refiguration der Interaktionsordnung
sfb1265.de/blog/learning-to-dance-social-distancing-und-die-refiguration-der-interaktionsordnung/

sn

Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:

Prof. Dr. Martina Löw
TU Berlin
Fachgebiet Planungs- und Architektursoziologie

Prof. Dr. Hubert Knoblauch
TU Berlin
Fachgebiet Allgemeine Soziologie

Dr. Nina Elsemann
TU Berlin
Geschäftsführerin und wissenschaftliche Koordinatorin des Sfb 1265

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