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TU Berlin

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Zur Architektur Ludwig Leos

Text: Gregor Harbusch mit BARarchitekten und Philip Kurz, aus „Ludwig Leo – Ausschnitt“

In Berlin hat sich Ludwig Leo (1924–2012) vor allem durch den Umlauftank nahe des S-Bahnhofs Tiergarten in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingeschrieben – eine Anlage für schiffstechnische Modellversuche, die sich aus einer 120 Meter langen, vertikal aufgestellten Ringrohrleitung und einer darauf sitzenden, fünfgeschossigen, blauen Laborhalle zusammensetzt. Leo hatte die künstlerische Oberleitung für den spektakulären Bau, den er zusammen mit dem Ingenieurbüro Christian Boës in den Jahren 1967 bis 1974 realisierte. Mit wenigen, aber umso präziseren gestalterischen Entscheidungen schuf Leo eine Ikone der Architektur der 1960er und 1970er Jahre, die man als selbstbewusste Antwort eines überzeugten Modernen auf die Forderung der frühen Postmoderne nach „Komplexität und Widerspruch“ lesen kann. Die monumentale und rätselhafte High-Tech-Maschine hat den Blick auf ihren Architekten gelenkt und zugleich verstellt.

Technische Zusammenhänge haben Leo zeitlebens fasziniert, doch seine Arbeit lässt sich nicht darauf reduzieren. Leo war nie allein an der Gestaltung einer äußeren Form interessiert, sondern begriff Architektur als komplexes Zusammenspiel von Funktionen und Formen, Räumen und Nutzeransprüchen, Politik und Geschichte. Ein eingehender Blick auf seine Arbeit vermittelt ein kompromissloses Architekturverständnis, das von der topographischen und historischen Einbettung seiner Projekte bis zum Ausführungsdetail im Maßstab 1:1 reichte. Der Ausgangspunkt war dabei immer die Auseinandersetzung mit den zukünftigen Nutzern in ihrer Körperlichkeit und als soziale Akteure, die sich in ihren Bauten zu Gemeinschaften des Lernens, Arbeitens, Vergnügens oder Wohnens zusammenfinden. Schriftlich reflektiert hat Leo diese Themen nicht. In seinen Zeichnungen jedoch lässt sich erkennen, wie er Räume, Einbauten und Ausführungsdetails entwarf, die er aus genauen Nutzungsvorstellungen heraus konzipierte. Er dachte in Situationen des alltäglichen Gebrauchs und sozialen Miteinanders, versuchte sich in die zukünftigen Benutzer seiner Bauten hineinzudenken und fügte an entscheidenden Stellen seiner Pläne Figuren ein, um sich der Maße und Nutzungspotentiale seiner Entwürfe zu vergewissern.

Leos Arbeitsfeld war das insulare West-Berlin des Kalten Krieges – räumlich isoliert, städtebaulich fragmentiert, künstlich finanziert, ehemalige Metropole der Moderne der 1920er Jahre und Biotop der Gegenkulturen der der 1960er Jahre. Er arbeitete vor dem Hintergrund von Wirtschaftswunder und Planungsglaube und er war geprägt durch das Sparsamkeitsethos der Nachkriegsgesellschaft und die Traumatisierung der eigenen Kriegserfahrung, die auf mehr oder weniger offensichtliche Weise in seine Arbeit eingeflossen sind. Einige seiner Lösungen erscheinen für den heutigen Blick eng, hart und spröde – und zeigen sich gerade in dieser Fremdheit als schützenswerte historische Bauobjekte einer bereits überraschend fernen Vergangenheit. Doch Dichte an der einen Stelle war für Leo zum Beispiel immer auch die Ermöglichung freien Raums an einer anderen Stelle.

Um Ermöglichung ging es ihm auch bei den mechanischen Elementen, die er immer wieder plante und die oft eher unauffällig und einfach waren. Allein bei der DLRG-Zentrale konnte er in größerem Umfang spezielle Innenraumlösungen sowie anspruchsvolle Mechanismen umsetzen und zu einem architektonisch einmaligen Gebäude verdichten. Gerade hier, beim Ausreizen der Grenzen des Machbaren, zeigt sich, wie eng die Beweglichkeit der Architektur, die Gebrauchspotentiale und die Körperlichkeit der Nutzer von Leo zusammengedacht wurden – und dass seine Architektur nicht nur von den Nutzern ausging, sondern diese herausforderte und manchmal auch überforderte. Man wird Leos Arbeit nicht gerecht, wenn man sie nur vor dem Hintergrund eines Primats der Funktionalität zu interpretieren versucht, denn viele seiner Ideen sind auch von einer spielerischen Neugierde durchzogen, die beispielsweise aus seinem kontinuierlichen Interesse an der „Raumökonomie“ äußerst kompakter Innenräume ablesbar ist. […]

Die Radikalität seiner Arbeit und seine Widerständigkeit haben Leo legendär gemacht. Seine Leidenschaft für die Potentiale der Architektur und das Überschreiten von Grenzen prägten seine Arbeit ebenso wie die Faszination für alles Technische und das Interesse am Menschen als Nutzer seiner Bauten. Die architekturhistorische Relevanz Leos ist bisher jedoch nur in Ansätzen dargelegt worden. Zweifelsfrei ist er einen sehr eigenen Weg gegangen, die Ideen der Moderne in deren krisenhafter Spätzeit produktiv weiterzudenken und sich als Architekt politisch zu positionieren. Feste Institutionen des Architekturbetriebs wie Wettbewerbsvorgaben, Aufgabenverteilungen und mediale Selbstdarstellung des Architekten hat er im Laufe seines Lebens zunehmend hinterfragt und unterlaufen. Seine Arbeit interessiert jedoch nicht nur im Vergleich mit der lokalen Architekturproduktion und den internationalen Zeitgenossen (Team X, Archigram, James Stirling etc.), sondern auch in ihrem programmatischen Anspruch, dass die Moderne in ihrer Verknüpfung von gesellschaftlichem Emanzipationsanspruch und architektonisch ambitionierter Umsetzung nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat. Neben den eigentlichen Bauten kann vor allem Leos Arbeitsweise – jenseits ihrer historischen Bedingtheit – auch heute noch inspirieren. Seine experimentelle Herangehensweise an die Bauaufgaben, das bedingungslose Hinterfragen planerischer Konventionen, die kritische Arbeit an Raumprogrammen, das Erfinderische im Detail, der Fokus auf den Menschen als sozialer Akteur im Raum und das ganzheitliche Denken von Architektur in komplexen Bezügen verkörpern eine Haltung, die noch immer relevant ist – denn die Frage nach der Realisierbarkeit engagierter Architektur steht weiterhin im Raum. Leos Arbeit kann die Debatten hierzu anregen. […]

Text: Gregor Harbusch mit Antje Buchholz, Jack Burnett-Stuart, Michael von Matuschka, Jürgen Patzak-Poor (BARarchitekten) und Philip Kurz (Wüstenrot Stiftung), Auszug aus der Einleitung des Ausstellungskatalogs „Ludwig Leo – Ausschnitt“ (Ausstellungs- und Publikationsprojekt der Wüstenrot Stiftung), Ludwigsburg/Berlin 2013, S. 2 f.

Abdruck bitte nur bei Nennung der Autoren und der Quelle.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Stefanie Terp
Pressesprecherin der TU Berlin
Tel.: 030/314-23922

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