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TU Berlin

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Antisemitismus in Deutschland

Mittwoch, 30. November 2011

Medieninformation Nr. 362/2011

Expertengremium veröffentlicht Studie über Antisemitismus in Deutschland

Vorurteile und Klischees gegenüber Juden und dem Judentum sind in der deutschen Mehrheitsgesellschaft teilweise tief verankert. So heißt es in dem ersten Bericht des vom Deutschen Bundestag beauftragten „Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“, zu dessen Koordinatoren Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin gehört.

Um den Kampf gegen Antisemitismus zu verstärken und jüdisches Leben in Deutschland weiter zu fördern, beauftragte der Deutsche Bundestag 2009 ein Expertengremium aus Wissenschaft und pädagogischer Praxis. Es soll in regelmäßigen Abständen zum Antisemitismus in Deutschland berichten und Empfehlungen zu Programmen zu seiner Bekämpfung geben. Mit dem Bericht „Antisemitismus in Deutschland“ von November 2011 liegt nun das erste Ergebnis der zweijährigen Arbeit vor. Er konstatiert unter anderem, dass die bisher für die Bundesrepublik geltende weitgehende Tabuisierung des Antisemitismus im öffentlichen Diskurs, angesichts moderner Kommunikationsformen entscheidend an Wirksamkeit zu verlieren droht. Im Internet geäußerte, nicht hinreichend geächtete antisemitische Äußerungen stellen ein besonderes Gefahrenpotential dar. Sie reichen bis in die gesellschaftliche Mitte und bieten zugleich Anschlusspotentiale für rechtsextremistisches Gedankengut.

Rechtsextremismus wichtigster politischer Träger des deutschen Antisemitismus

Das rechtsextremistische Lager erweist sich als der wichtigste politische Träger des manifesten Antisemitismus in Deutschland. Dieser Befund wird durch die Tatsache unterstrichen, dass mehr als 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten durch Täter aus dem rechten Spektrum begangen werden.

Als ein weiterer Träger von Antisemitismus mit erheblichem Gefahrenpotenzial gilt inzwischen auch extremistischer Islamismus. Die in Deutschland weitgehend nicht offen agierenden islamistischen Gruppen wirken hauptsächlich im Ideologie‐Transfer, der vor allem über moderne Kommunikationsmittel erfolgt. Inwieweit solche Bestrebungen dazu führen, dass unter den in Deutschland lebenden Muslimen ein islamistisch geprägter Antisemitismus Verbreitung findet, lässt sich aufgrund fehlender empirischer Untersuchungen jedoch zurzeit nicht abschätzen. Der Expertenkreis hält solche Untersuchungen für dringend geboten.

Bei einzelnen Personen des linksextremistischen Lagers gibt es außerdem antisemitische Tendenzen, die häufig als Israelkritik verbrämt werden.

Antisemitische Klischees in Deutschland verankert

Der Bericht weist nach, dass in der deutschen Mehrheitsgesellschaft in erheblichem Umfang antisemitische Einstellungen in unterschiedlichen inhaltlichen Ausprägungen vorhanden sind. Sie basieren auf weit verbreiteten Vorurteilen und tief verwurzelten Klischees beziehungsweise auf schlichtem Unwissen über Juden und Judentum. So ist bei 20 Prozent der Befragten latenter Antisemitismus zu verzeichnen. Die Umfragen verdeutlichen zum einen, dass die „klassischen“ antisemitischen Bezichtigungen – Juden besäßen zu viel Einfluss (Verschwörungsvorwurf) oder seien wegen ihres eigenen Verhaltens selbst „schuld“ an ihrer Verfolgung – weiterhin kolportiert werden. Zum anderen wurde deutlich, dass sich die meisten Ressentiments und Vorwürfe gegen Juden als Reaktion auf den Holocaust und die Existenz des Staates Israel herausgebildet haben.

Expertenkreis schlägt Präventionsmaßnahmen vor

Die tiefe Verwurzelung von Negativklischees über Juden und antisemitischen Einstellungen in der deutschen Kultur und Gesellschaft wird sich nur langfristig und mit nachhaltigen Maßnahmen verändern lassen. Eine erste Bestandsaufnahme zeigte, dass die gegen den Antisemitismus unternommenen Maßnahmen je nach Trägerorganisation weitgehend uneinheitlich und unkoordiniert erfolgen. Sie gehen von unterschiedlichen Vorstellungen aus, was unter Antisemitismus zu verstehen ist und wie er zu bekämpfen sei. Eine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland existiert nicht.

Der Expertenkreis hat deshalb Vorschläge entwickelt, die Justiz und Polizei, die staatliche Bildungspolitik, Parteien, Kirchen, Sport und andere Verbände einbeziehen. Er empfiehlt beispielsweise einen kontinuierlichen Informationsaustausch zwischen staatlichen Exekutivorganen und nichtstaatlichen Organisationen und Initiativen, der mittels einer zu gründenden Arbeitsgruppe erfolgen könnte. Insbesondere die Kommunikation über bestehende und geplante Maßnahmen zur Antisemitismusprävention wäre zu verbessern. Zwar existieren bereits mehrere gelungene Programme und Instrumentarien zur Antisemitismus- und Vorurteilsprävention, jedoch werden sie auf Grund mangelnder Kenntnis oft nur unzureichend genutzt. Es gilt daher, deren Bekanntheitsgrad zu fördern und deren Verstetigung anzustreben. Zudem sollte die Auseinandersetzung mit Antisemitismus nicht auf den Holocaust und einzelne geschichtliche Momente reduziert werden, sondern umfassend erfolgen und neben historischen und sozialwissenschaftlichen Aspekten deutlich den gegenwartsbezogenen Zusammenhang vermitteln.

Die Bundesprogramme zur Förderung der demokratischen Kultur haben wesentlich dazu beigetragen, fachliche Impulse für die Antisemitismusprävention zu geben und eine kompetente außerschulische Bildung zu entwickeln, ergeben die Untersuchungen des Gremiums schließlich.

Über den „Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus“

Auf Antrag der Fraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRUNEN sowie des gesonderten identischen Antrags der Fraktion „Die Linke“ fasste der Deutsche Bundestag am 4. November 2008 den Beschluss, „Den Kampf gegen Antisemitismus zu verstärken und jüdisches Leben in Deutschland weiter zu fördern“. Der Deutsche Bundestag forderte die Bundesregierung auf, ein Expertengremium aus Wissenschaftlern und Praktikern einzusetzen. Der damalige Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble lud den Expertenkreis zu dessen konstituierender Sitzung am 9. September 2009 in das Bundesministerium des Innern ein. Die Expertinnen und Experten wurden entsprechend der Aufgabenstellung unter fachlichen und sachlichen Kriterien ausgewählt und repräsentieren profundes Fachwissen aus unterschiedlichen Theorie- und Praxisperspektiven. Der unabhängige Expertenkreis hat zwei Koordinatoren: Dr. Juliane Wetzel von der TU Berlin und Prof. Dr. Peter Longerich vom Royal Holloway College der University of London.

Der Expertenkreis verweist auf weitere Expertisen; darunter die von Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin: www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/Politik_Gesellschaft/
EXpertenkreis_Antisemmitismus/bergmann.pdf?__blob=publicationFile

jb

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Dr. Juliane Wetzel
TU Berlin
Zentrum für Antisemitismusforschung
Tel.: 030/314-21397

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