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TU Berlin

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„Wo die deutschen Eichen sausen“

Dienstag, 01. November 2011

Medieninformation Nr. 325/2011

TU-Historiker untersucht Vorschläge von Bürgern für die deutsche Nationalhymne

Eine neue Melodie, ein neuer Text oder beides? Und welche Symbolik sollte sie verwenden, die neue Hymne? Natursymbolik mit dem deutschen Eichenwald als Sehnsuchtslandschaft kam nicht zu kurz in den Ideen der neuen Bundesbürger im Nachkriegsdeutschland, was ein angemessenes neues Deutschlandlied sei. Für seine Dissertation an der TU Berlin hat Historiker Clemens Escher Hunderte Briefe an den ersten deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer gesichtet.

Nicht nur Politiker und Intellektuelle, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger quer durch alle Schichten beteiligten sich zwischen 1949 und 1952 an der Suche. Einige Hundert Zuschriften, von denen das Bundeskanzler- und das Bundespräsidialamt unaufgefordert Waschkörbe voll erhielten, hat der Historiker Clemens Escher in seiner von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit einem Promotionsstipendium geförderten Dissertation am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin bei Prof. Dr. Wolfgang Benz akribisch analysiert. Was er dabei fand, sind nicht nur maßvolle Ideen und Vorschläge, sondern auch allerlei Kurioses – und er gewann einen interessanten Einblick in die deutsche Nachkriegsseele.

Was die Nationalhymne betraf, so hatte das neue Grundgesetz geschwiegen. Doch das Absingen des Karnevalsschlagers von 1948 „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, der gelegentlich bei Sportveranstaltungen ersatzweise erklang wurde, konnte für die neuen Bundesbürger nicht sinnstiftend bleiben, das war der Politik klar.

Der Bundespräsident selbst favorisierte eine neue „Hymne an Deutschland“, die er in Auftrag gegeben hatte. Doch das Ergebnis stieß nicht auf Gegenliebe, erntete gar Hohn und Spott auf höchstem Niveau: „Als nächstes kommt wohl ein Kaninchenfell als Reichsflagge?“, fragte der Schriftsteller Gottfried Benn, der den Vorschlag „etwas marklos“ fand. Martialische Formen wie „Zeig’ dem Feind die deutsche Faust, die, wird sie herausgefordert, wuchtig auf ihn niedersaust“ hatten allerdings auch keine Chance.

Abgrenzung vom nationalsozialistischen Ton

„Die Mehrzahl der Zuschriften lässt erkennen, dass der Wunsch nach einer Rückkehr zum vertrauten Deutschlandlied bestand. Haydns Melodie blieb in den Elaboraten häufig erhalten, nur der Text wurde verändert“, sagt Clemens Escher. Alles in allem zeige die Abkehr insbesondere von der ersten Strophe des 1841 von Hoffmann von Fallersleben geschriebenen Liedes, dass ein starker Impuls bestand, sich vom nationalsozialistischen Ton abzugrenzen. Auch dem Ausland gegenüber wollte man sich keine Blöße geben. Anstoß nahm man vor allem an der ersten Zeile, die häufig umgedichtet wurde. Immerhin, so Escher, interpretierten die Westalliierten das auf Helgoland gedichtete Lied als Ausdruck teutonischen Größenwahns. Auch die Verknüpfung, die der Nationalsozialismus zwischen der ersten Strophe und dem Horst-Wessel-Lied geknüpft hatte, tat ein Übriges. Die Reichsidee ließ Viele aber nicht los. Sie tauchte entweder als „mittelalterliche katholisch-karolingische“ Variante auf oder als Vorschlag von der „Republik als Viertes Reich“. Die deutsche Schuld war allerdings kaum Thema, wenn, dann nur versteckt und angedeutet. Ein einziger Schriftsteller aus dem Münsterland fand es wünschenswert, dass in der zukünftigen Nationalhymne gegen Nazis und Neonazis Stellung genommen werde.  In den Vordergrund trat vielmehr der Ausdruck von Gefühlslagen: neben der Erhabenheit von „Vater Rhein“ und den Eichenwäldern auch die Begeisterung für Europa oder der Mythos um die Vorherrschaft des Abendlandes.

Besonders interessant für den Historiker Clemens Escher: „Gott als Behüter und Beschützer spielte plötzlich in vielen Vorschlägen eine Rolle, zumindest eine höhere belohnende oder strafende Instanz, die bei Hoffmann von Fallersleben noch gefehlt hatte.“

Insgesamt hatten die meisten Vorschläge kaum eine Chance, auch nur ernsthaft geprüft zu werden. Ihr besonderer Wert liegt darin, dass sie der Politik eine Stimmungslage des Volkes anzeigten. Das Deutschlandlied hatte, wie sich daraus ablesen ließ, einen hohen Emotions- und Identifikationswert, der respektiert werden musste. Im April 1952 willigte Theodor Heuss in die Bitte des deutschen Kanzlers Adenauer ein, die dritte Strophe des Haydnschen/von Fallerslebenschen Modell als neue Staatshymne anzuerkennen. 39 Jahre später, nach der deutschen Wiedervereinigung, ergriff Bundespräsident Richard von Weizsäcker die Initiative. Einheitskanzler Helmut Kohl konnte der Feststellung nur zustimmen: „Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben ist die Nationalhymne für das deutsche Volk.“ Historiker Escher: „Es war eine Wiedergeburt unter neuen Rahmenbedingungen, eine „Stunde Null“ für eine neue Deutschland-Hymne war es nicht.“

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Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Clemens Escher
TU Berlin
Fakultät I Geisteswissenschaften
Zentrum für Antisemitismusforschung
Tel.: 030 /83203065

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