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TU Berlin

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Die nationalen Malschulen des 19. Jahrhunderts – Wirklichkeit oder Mythos?

Montag, 06. September 2010

Medieninformation Nr. 257/2010

Das Forschungsprojekt „ArtTransForm“ untersucht die deutsch-französischen Kunstbeziehungen jenseits nationaler Konstruktionen

Nach Paris, nach Paris heißt es um 1800 für viele deutscher Künstler. Paris ist die Kunstmetropole jener Zeit und der Ort, an den es die Künstler zieht. Dort wollen sie sich ausbilden lassen. - In den schönen Künsten wie der Malerei, der Bildhauerei, der Zeichenkunst, dem Kupferstechen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es eine regelrechte Reisewelle aus den deutschen Landen nach Paris. Die bildenden Künstler streben an die berühmte Ecole des Beaux-Arts, die Schule der schönen Künste, und in die privaten Ateliers von Jacques-Louis David, Antoine-Jean Gros und später in die von Jean-Auguste-Dominique Ingres und Paul Delaroche. Und natürlich lockt der Louvre, der seit 1793 als Museum öffentlich zugänglich ist und wo bedeutende Kunstwerke aus Europa nun erstmals an einem Ort zu sehen sind. Ein Großteil stammt aus Napoleons Beutezügen. „Interessanterweise oder besser unerklärlicherweise ist die Pariser Zeit vieler deutscher Künstler im 19. Jahrhundert bisher in der Kunstgeschichte vernachlässigt worden und wird überstrahlt von den Studienaufenthalten in Rom, denen in der Forschung bislang viel größere Bedeutung beigemessen worden ist“, sagt die Kunsthistorikerin und TU-Professorin Bénédicte Savoy.

Eine deutsch-französische Forschergruppe unter der Leitung von Bénédicte Savoy und der Kunsthistorikerin France Nerlich von der Universität in Tours will diesen blinden Fleck in der Forschung nun aufhellen. „ArtTransForm“ (Formations artistiques transnationales entre la France et l'Allemagne) heißt das neue Vorhaben und wird die Ausbildung deutscher bildender Künstler in Paris in der Zeit von 1793 bis 1870 akribisch dokumentieren. Es wird als erstes kunsthistorisches Forschungsprojekt gemeinsam von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem französischen Pendant, der Agence National de la Recherche (ANR), mit rund 291.500 Euro für zwei Jahre bis 2012 gefördert.

Die deutschen und französischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden in enger Zusammenarbeit ein Lexikon und eine Datenbank erstellen, über die alle Fakten des Aufenthaltes abrufbar sein werden bis hin zu solchen Fragen, welche Werke im Louvre welcher Künstler in welchem Jahr kopierte oder ob, wann und von wem der Künstler bereits erste Aufträge erhielt und wie er sein Leben finanzierte. Außerdem ist ein Band geplant, der die transnationale, also grenzüberschreitende deutsch-französische Künstlerausbildung unter den verschiedensten Fragestellungen analysiert, um ein umfassendes Bild von den Impulsen der Pariser Kunstschule, der privaten Ateliers und Salons auf die deutsche Malerei zu zeichnen.

Mit der Datenbank und den beiden Publikationen sollen der Forschung neue Arbeitsinstrumente bereitgestellt werden. Denn bislang gibt es zu dem Thema deutsche Künstler in Paris nur das Werk des Aachener Kunsthistorikers Wolfgang Becker „Paris und die deutsche Malerei 1750 bis 1840“ aus dem Jahr 1971. „So verdienstvoll das Buch zu den deutsch-französischen Kunstbeziehungen jener Zeit ist, so unübersichtlich ist es. Wir wollen deshalb nach vierzig Jahren ein neues Buch schreiben, in dem wir uns auf die Künstler konzentrieren, die zur Ausbildung nach Paris gekommen sind und eine Publikation vorlegen, die handhabbar ist“, sagt Bénédicte Savoy.

Jedem Künstler, jeder Künstlerin wird in dem Lexikon ein Artikel gewidmet werden, gegliedert in einen Abriss seiner künstlerischen Laufbahn und die Darstellung des Pariser Aufenthaltes. Daran schließt sich jeweils eine Auflistung der Werke, die in Paris entstanden waren, sowie eine bibliografische Übersicht über jene Quellen, die Aufschluss über die Pariser Zeit geben. Momentan gilt es für die sechsköpfige deutsch-französische Forschergruppe, die von zehn Doktoranden und Masterstudierenden der TU Berlin unterstützt wird, 160 Kunstschüler zu bearbeiten, doch im Zuge neuer Recherchen, wächst die Liste der Künstler stetig an.

In dem Abriss über den Pariser Aufenthalt werden ebenfalls alle wesentlichen Fakten zusammengetragen, wann, wo und wie sich der Künstler in Paris ausbilden ließ, wo er lebte, in welchen Kreisen er sich aufhielt, an welchen Ausstellungen er teilnahm. „Aber das Hauptaugenmerk der Lexikontexte wird darauf liegen, neben diesen Fakten vor allem aus der Erschließung neuer Quellenmaterialien ein umfassendes Bild über Motivation, Anlass und Stellenwert der Pariser Zeit für das spätere künstlerische Schaffen und das Gesamtlebenswerk des jeweiligen Künstlers herauszuarbeiten“, sagt die Literaturwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Nina Struckmeyer. Damit geht das Lexikon weit über die Arbeit von Becker hinaus, weil die Forscherinnen und Forscher Fragen aufgreifen, deren Beantwortung zu einer neuen Sichtweise des 19. Jahrhunderts führen wird.

„Das 19. Jahrhundert wird stets als Jahrhundert der Nationalismen beschrieben, und tatsächlich verfestigt sich in der Kunstgeschichte jener Zeit die Idee der nationalen Schulen. Diese beiden Konstrukte stehen aber weitgehend im Widerspruch zur historischen Wirklichkeit, da sie die transnationale Dynamik in der Kunst sowie die manchmal schwer zu erfassende transnationale Mobilität der Künstler – besonders in deren Ausbildungszeit – nicht berücksichtigen“, erläutert Bénédicte Savoy. Im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitendes Denken und Handeln, sich – wenn man so will – international ausbilden zu lassen, ein Weltenbürger zu werden, gehörte ganz offenbar für viele Künstler um 1800 zum guten Ton und persönlichen Anspruch, ergänzt die Kunsthistorikerin Lisa Hackmann, die ebenfalls zum Team gehört.

Wie bei Bénédicte Savoys vorangegangenen Forschungen, ob zum napoleonischen Kunstraub oder zur Journalistin und Dichterin Helmina von Chézy (1783–1856), wird es erneut darum gehen, die historischen kulturellen Verflechtungen in Europa aufzuzeigen, die älter und intensiver sind als gemeinhin angenommen. Oder wie Savoy im Vorwort des Chézy-Bandes „Leben und Kunst in Paris seit Napoleon I.“ schreibt: um das Erkennen intellektueller Befruchtungsprozesse. In diesem Fall künstlerischer – jenseits nationaler Konstruktionen.

sn

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Nina Struckmeyer und Lisa Hackmann
Fachgebiet Kunstgeschichte der TU Berlin
Straße des 17. Juni 150/152
10623 Berlin
Tel.: 030/314-28685


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