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Wer hat das Rad erfunden?

Montag, 10. November 2008

Medieninformation Nr. 302/2008

Professor Ingo Rechenberg entdeckt am Rand der Sahara eine vermutlich noch unbekannte Spinnenart, die sich rollend, mit den Beinen angetrieben, fortbewegen kann

Und wieder einmal bestätigt sich, dass Aufsehen erregende Naturphänomene häufig ganz zufällig, im wahrsten Sinne des Wortes im Vorübergehen bemerkt werden. Professor Ingo Rechenberg vom Fachgebiet Bionik an der TU Berlin ist Ingenieur und hat eine Entdeckung gemacht, die so manchen Biologen neidisch machen dürfte. Kürzlich, während seines sechswöchigen Forschungsaufenthaltes in der Sahara, entdeckte er eine Spinne, die vermutlich noch unbekannt ist, und die sich auf eine Art und Weise fortbewegt, wie man sie bislang nur von der Goldenen Radspinne (Carparachne aureoflava) beobachtet hat, die im Südwesten Afrikas in der Namib-Wüste beheimatet ist: Sie kann rollen.

Seit 25 Jahren reist Professor Ingo Rechenberg in die Wüste. Im Süden Marokkos, nahe der algerischen Grenze, schlägt der eingefleischte Sahara-Fan sein Lager auf und beobachtet die Tiere der Wüste. "Für uns Bioniker sind extreme Landschaften deshalb interessant, weil wir dort Lebewesen finden, die sich auf eine besondere Art und Weise an schwierige Lebensbedingungen anpassen müssen", sagt er. Im Erg Chebbi bei Rissani ist der Professor aus Berlin inzwischen als Monsieur Sandfisch bekannt. Seine Beobachtungen an den schlüpfrigen Echsen, die wie durch den Dünensand zu tauchen scheinen, haben bereits für spannende Erkenntnisse für die Forschung an besonders reibungsarmen Oberflächen gesorgt. Dass es nun vielleicht bald eine Spinne geben wird, die seinen Namen tragen wird, freut Rechenberg ungemein.

"Bereits vor vier Jahren habe ich das Tier zum ersten Mal gesehen, als ich nachts mein Wüstenlager gerade fertig aufgeschlagen hatte", berichtet er. Er fing die ihm unbekannte Spinne ein, um sie genauer zu begutachten. Doch am kommenden Morgen zeigte sich die Nachtspinne wenig kooperativ. Aber Rechenberg glaubte zu erkennen, dass die ermattete Spinne versuchte, ihre acht langen Beine zu einem Rad zu formen um davon zu rollen.

Erst in diesem Jahr lief ihm das nachtaktive Krabbeltier wieder vor die Füße. Der Professor und sein Mitarbeiter Abdulah Regabi El Khyari glauben ihren Augen nicht zu trauen: Die Spinne faltet ihre Beine zu einem Rad und rollt schnurstracks davon. "So etwas kannte man bisher nur von einer Spinnenart in der Namib-Wüste, nicht aus der Sahara", sagt Rechenberg. Aber im Gegensatz zur südafrikanischen Spinne, die nur passiv eine Düne hinunterkullert, konnte unsere Spinne durch Beinarbeit ihr Rollen beschleunigen. Ein Anruf beim Bionik-Kollegen Prof. Werner Nachtigall bestätigte seine Vermutung, eventuell einen sensationellen Fund gemacht zu haben. Eine rollende Spinne mit Beinantrieb in der Sahara war unbekannt. Leider starb die Spinne und wurde von einem Skorpion verspeist. Ohne einen in Alkohol konservierten Beweis wäre Rechenbergs Entdeckung wissenschaftlich gesehen wertlos gewesen.

Zum Glück gelang es Rechenberg, in anstrengenden Nachtwanderungen zwei weitere "Roll-Spinnen" zu fangen. Eine Spinne wird in Alkohol konserviert, die andere kommt lebend mit nach Berlin. Spinnenexperte Peter Jäger am Senckenberg-Institut konnte das konservierte Exemplar als Männchen der Gattung Cebrennus zuordnen. "Ob es sich tatsächlich um eine neue Art handelt, kann man zweifelsfrei erst nach der Untersuchung eines weiblichen Tieres der gleichen Art feststellen", erläutert Rechenberg. Ob die zweite, bei ihm zuhause lebende Spinne tatsächlich weiblich ist, weiß Rechenberg noch nicht. Zumindest hat er sie optimistisch "Ariadne" getauft.

Ob die Spinne also künftig als Cebrennus rechenbergii an ihren Entdecker erinnert, bleibt noch abzuwarten. Ihre Eigenschaft auf ebenem Untergrund rollen und auch laufen zu können, findet Rechenberg mindestens genauso spannend. "Auf einem geeigneten Untergrund ist Rollen deutlich Energie sparender als Laufen", sagt der Ingenieur. Und hofft nun auf Inspiration für ein Vehikel, das sich sowohl laufend als auch fahrend fortbewegen kann. "So ein System zu entwickeln, wäre zum Beispiel für eine Marsmission interessant" sagt er. Bis ein solches Konstrukt tatsächlich gebaut wird, wird noch viel Zeit vergehen. Warum das Tier vermutlich bislang unentdeckt blieb, ist für Rechenberg dagegen schnell zu erklären: "Wer rennt schon nachts um 3 Uhr mit einem Handscheinwerfer durch die Sahara?"

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Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Prof. Dr.-Ing. Ingo Rechenberg
Fachgebiet Bionik und Evolutionstechnik
TU Berlin
Tel.: 030/314-72655

www.bionik.tu-berlin.de/institut/n2rechenb.html

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