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TU Berlin

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Islamische Kunst verstehen

Freitag, 24. Mai 2013

Medieninformation Nr. 107/2013

Neue Museumskonzepte für die Migrationsgesellschaft

„Erfreut, wer sie sieht” – „Surra man ra’a“ – so nannten die abbasidischen Kalifen ihre neue Hauptstadt unweit von Bagdad im heutigen Irak. Und nicht nur erfreut, vor allem auch beeindruckt wird jeder gewesen sein, der des berühmten Spiralminaretts „Al Malwiyya“ der 100 000 Menschen fassenden Großen Moschee ansichtig wurde. Um in dem vielfältigen Publikum heutiger multikultureller Gesellschaften ein tieferes Verständnis der Schätze ihrer eigenen und anderer Kulturen zu wecken, müssen die Museen neue Konzepte entwickeln. Im Projekt „Experimentierfeld Museologie“ konnten Wissenschaftlerinnen der TU Berlin am Beispiel der Samarra-Ausstellung im Pergamonmuseum neue Wege aufzeigen.

Europäische Maler inspirierte das Spiralminarett von Samarra zu Darstellungen des Turmbaus zu Babel. Die aufwendig angelegte Hauptstadt eines Weltreiches auf Zeit, diente nur wenige Jahrzehnte im 9. Jahrhundert einem der größten Reiche der Geschichte als Residenz und gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. Das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum Berlin widmet ihr zum 101-jährigen Ausgrabungsjubiläum eine Ausstellung, die, als Testlauf für eine ständige Präsentation der antiken Exponate, einem neuen museumspädagogischen Konzept folgt. Zugrunde liegt das von der VolkswagenStiftung geförderte Projekt „Experimentierfeld Museologie. Über das Kuratieren islamischer Kunst und Kulturgeschichte“, das von TU-Wissenschaftlerinnen durchgeführt wird.

„Wie wird die Kunst und Kultur islamisch geprägter Länder in Museen präsentiert? Welche Inhalte werden vermittelt? Welche Rolle spielen die Besucherinnen und Besucher selbst? Wer wird repräsentiert, und wer nicht?“, zählt Dr. Susan Kamel, eine der drei Projektleiterinnen, Fragen auf, denen das Projekt, das an der TU Berlin im Fachgebiet Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik bei Prof. Dr. Bénédicte Savoy angesiedelt ist, nachgeht. Zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin Christine Gerbich arbeitet sie derzeit an einer Abschlusspublikation.

Die Wissenschaftlerinnen besuchten mehr als 39 Museen in neun Ländern, interviewten Kuratorinnen, Vermittler und Besucherforscher. „Aus unserem ‚Museumsdiwan‘, einer internationalen Gesprächsrunde aus Experten und Laien, konnten wir außerdem viele Anregungen für unsere eigenen Experimente gewinnen“, sagt Christine Gerbich. Beispielsweise wurden Wegeverläufe und Verweilzeiten vor bestimmten Ausstellungsstücken beobachtet und dokumentiert. Interviews sollten zeigen, wer eigentlich ins Museum geht und was die Besucherinnen und Besucher daraus mitnehmen.

„In vielen Museen werden Kulturen ästhetisiert. Die Verwobenheit mit der Geschichte und anderen Kulturen wird deutlich seltener vermittelt“, erklärt Susan Kamel. Doch in einer sich sozial und kulturell diversifizierenden Migrationsgesellschaft stünden die Museumsmacher vor ganz neuen Herausforderungen, um ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. „Je nach Herkunft der Besucher stößt man auf sehr unterschiedliche Vorkenntnisse“, so die Wissenschaftlerinnen.

„Inreach vor Outreach“ – Nicht nur Besucher müssen lernen

Um die Kultur der Abbasiden auch hierzulande zu verstehen, entwickelten die Wissenschaftlerinnen eine Medienstation für die Samarra-Ausstellung. Dort lernt man unter anderem, dass die riesigen Ausmaße der Prachtbauten nur noch aus der Luft zu erkennen sind. Sie waren, wie die meisten Großbauwerke der Region, aus Lehmziegeln errichtet worden, die der Wüstenwind über Jahrhunderte abgeschliffen hat. Die Reste der gewaltigen, über 50 Kilometer langen Stadtanlage lagen unter dem heißen Wüstensand verborgen, bis 1903 der Berliner Archäologe Ernst Herzfeld mit den Grabungen begann. Er fand die Reste ausgedehnter Paläste, Moscheen, Polo-Spielfelder, Wohn- und Reitanlagen des Kalifen al-Mu’Tasim, Sohn des legendären Harun al-Raschid. Als Jude musste Herzfeld Deutschland später verlassen. So kamen viele der Funde und die Dokumentationen seiner Grabungen nach Washington.

Neben der Medienstation entwickelten die Wissenschaftlerinnen als wichtiges Projektergebnis das Museumskonzept „Inreach vor Outreach“. „Museen haben lange Zeit gedacht, dass nur die Besucher lernen müssten – wir denken jedoch, dass auch das Museumsteam noch Fortbildungen bräuchte, insbesondere, wenn es um Themen wie Migration oder kulturelle Vielfalt und Inklusion geht. Museen sollten sich als lernende Institutionen einer kritischen Selbstreflexion unterziehen“, erklärt Susan Kamel den neuen Begriff „Inreach“, der dem seit den 70er-Jahren bekannten Museumskonzept „Outreach“ die innere Dimension hinzufügt. Die in der Ausstellung installierte Medienstation mit Filmen, Grafiken und Interviews ist ein Baustein auf dem Weg zum Museum der Zukunft. So wird dem Publikum auch deutlich, welchen kunsthistorischen Wert die ausgestellten Stuckreliefs haben, die eine architektonische Erfindung der Abbasiden sind. Erstmalig in der islamischen Kunst setzten die abbasidischen Steinmetze sie zu ganzen fortlaufenden Wandreliefs, sogenannten „Tapeten“, zusammen. Sie wurden teils nach alten Ausgrabungsfotos, teils nach Ernst Herzfelds Zeichnungen von 1903 rekonstruiert, beziehungsweise es wurden Versatzstücke ergänzt. Auch die Technik und Ornamentik der Blau-Weiß-Bemalung von Keramik, von der einige Stücke zu besichtigen sind, trat aus dem Abbasidenreich heraus ihren Siegeszug um die Welt an.

Die Samarra-Ausstellung ist noch bis Ende Mai im Pergamonmuseum zu sehen (www.smb.museum/smb/). Die Filme kann man im Internet über die Webseite des Projekts anschauen (www.experimentierfeld-museologie.org).

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Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:

Dr. Susan Kamel und Christine Gerbich, M. A.
Technische Universität Berlin
Fakultät I Geisteswissenschaften
Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik


Prof. Dr. Bénédicte Savoy
Technische Universität Berlin
Fakultät I Geisteswissenschaften
Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik
Tel.: (030) 314-22739

www.experimentierfeld-museologie.org

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