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TU Berlin

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Turbotölpel und geistige Stromsparlampen

Dienstag, 08. Dezember 2009

Medieninformation Nr. 321/2009

Was Redewendungen zum Thema Dummheit über unser Denken aussagen – Urania-Vortrag am 16.12.2009 in Berlin

Dummheit wird auf fantasievolle Art mit vielerlei kaputten Dingen und anderen Defekten gleichgesetzt. Jeder ärgert sich täglich über kleine und große, harmlose und verhängnisvolle Dummheiten. Jemandem Dummheit nachzusagen, ist der beliebteste Vorwurf überhaupt. Benutzt werden kreative Substantive wie „Turbotölpel“, komplexe Redewendungen wie „begabt zu etwas wie ein Schwein zum Stabhochsprung“ oder dreiste Sprüche wie „Und was sagen Sie als Unbeteiligter zum Thema Intelligenz?“ Prof. Dr. Dagmar Schmauks von der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin hat solche Wendungen gesammelt. In ihrem neuen Buch legt sie ausführlich ihre Analysen dar, die zeigen, welche kognitiven Modelle des Denkens den Redewendungen zugrunde liegen. Am 16. Dezember wird sie es in einem vergnüglichen Vortrag in der Berliner „Urania“ vorstellen.

„Gerade die Beschreibungen von Dummheit erlauben einen Blick auf die Vorstellungen, die wir uns von unserem Gehirn und seiner Tätigkeit machen“, sagt Dagmar Schmauks. „Heute wissen wir, dass das Denken sich im Kopf abspielt. Daraus resultieren Beschreibungen schlauer Leute als ,kluger Kopf’ oder als Mensch mit ,Köpfchen’. Andererseits ist ein dummer Mensch ,auf den Kopf gefallen’.“

In der Berliner Urania wird Dagmar Schmauks nicht nur ihr neues Buch vorstellen, sondern auch die sprachlichen Kapazitäten des Publikums zur Kennzeichnung von Dummheit erheblich und vergnüglich erweitern.

„Geistige Stromsparlampe und Magersucht im Hirn – Wie wir mit Dummheit sprachlich umgehen“
Zeit:
am Mittwoch, dem 16. Dezember 2009, 15.30 Uhr 
Ort:
An der Urania 17, 10787 Berlin 

Die Sprachforscherin hat in ihrer Analyse etliche besonders fruchtbare kognitive Modelle gefunden, die einander ergänzen. Im einfachsten Fall wird angenommen, das Gehirn würde fehlen, das Gegenüber also als „Hohlkopf“ bezeichnet, das Gehirn sei zu klein („Gehirn einer Laus“) oder zu weich („Matschkopf“). Beschädigt wird es durch Hitze („hirnverbrannte Idee“), Tiere („eine Meise haben“) oder äußere Gewalt („einen Hau haben“). Gedächtnismodelle vergleichen das Gehirn mit einem Behälter („Sprung in der Schüssel“) und das Lernen mit der Nahrungsaufnahme („Magersucht im Hirn“) oder dem Entstehen einer Spur („Vom Winde verweht!“). Fasst man den Geist als Licht auf, so Dagmar Schmauks, und das Verstehen als Sehen, so lässt sich Dummheit als schwache Lichtquelle („kein heller Kopf“), Sichthindernis („Scheuklappen tragen“) oder Sehfehler erklären („Tunnelblick“).

„Upgrade für’s Hirn“ – neue Technik in der Metaphorik

Ein sehr differenziertes Modell vergleicht Denken mit einem Handwerk und Dummheit mit ungeschicktem Handeln. Mancher versagt bei kleinsten Aufgaben („Kaffeewasser anbrennen lassen“), tut Überflüssiges („Seerosen gießen“) oder benutzt das falsche Werkzeug („eine Gehirnoperation mit der Spitzhacke ausführen“). Weil Handwerke wie die Textilherstellung aus einfachen Bestandteilen etwas Komplexes herstellen, sind „krause Einfälle“ und „verworrene Gedanken“ spontan verständlich. Außerdem läuft das Denken in der Zeit ab und ähnelt daher der Fortbewegung. Folglich entsteht Dummheit etwa durch eine falsche Gangart („sprunghaftes Denken“), Verzicht auf Hilfsmittel („ohne Kompass unterwegs“) oder äußere Hindernisse („Verstehenshürden“). Auch die vertikale Dimension ist wichtig, denn Dumme dringen nicht weit genug in die Tiefe vor („Dünnbrettbohrer“) oder haben keine Bodenhaftung („auf der Seife stehen“).

Ein letztes Modell vergleicht das Denken mit dem Benutzen technischer Geräte, so dass dumme Menschen „eine Schraube locker haben“ oder „neben der Spur laufen“. Wendungen wie „geistige Stromsparlampe“ oder „Besorg dir doch mal ein Upgrade für dein Hirn“ belegen zugleich, dass jede neue Technik zügig in die Metaphorik Einzug hält.

Als größter Feind der Dummheit erweist sich quer durch alle kognitiven Modelle der Humor. Denn wer die dummen Aussagen und Handlungen anderer nicht klaglos hinnehmen will, braucht Witz und Bosheit als wirksame Waffen – muss diese aber oft genug schleifen.

„Interessant ist auch das Ergebnis, dass gerade die Redewendungen zur ,Dummheit’ überzeugend die Existenz von „Intelligenz“ belegen. Denn während einschlägige Wendungen den Menschen mit möglichst dummen Dingen von „Brot“ bis „Bohnenstroh“ vergleichen, beweisen immer neue Wortschöpfungen zugleich die Kreativität und den Witz ihrer oft anonymen Urheber, die gängige Textsorten wie Zitate, Liedzeilen, Filmtitel und aktuelle Werbesprüche phantasievoll verballhornen.

Das Buch

Dagmar Schmauks: Denkdiäten, Flachflieger und geistige Stromsparlampen. Die kognitive Struktur von Redewendungen zur Dummheit. Shaker-Verlag, Aachen 2009, ISBN 978-3-8322-8486-2

4.137 Zeichen / pp

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Prof. Dr. Dagmar Schmauks
Technische Universität Berlin
Arbeitsstelle für Semiotik
Tel.: 314-79440

www.semiotik.tu-berlin.de

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