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Allein leben zu können ist eine Illusion

Freitag, 12. April 2013

Dietrich Bonhoeffers kurzes Wirken an der TH Berlin

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern im Frühjahr 1932
Lupe

Unter dem Titel „Evangelische Studentenseelsorge an der Technischen Hochschule“ erschien 1932 im Februarheft der Zeitschrift „Die Technische Hochschule“ ein Text, der in Auszügen hier wiedergegeben wird. Er stammt von Dr. Dietrich Bonhoeffer, der von 1931 bis 1933 an der TH das Amt des Studentenseelsorgers ausübte:

„Der heutige durchschnittliche Student ist der Kirche entfremdet. Das weiß jeder. Auch die Gründe, die triftigen, und die nachgeschwatzten, kennt man; auch die Kirche. Überhaupt denkt die Kirche über diese Erscheinungen jetzt ernsthafter nach, als man so gewöhnlich meint. Mit welchem Erfolg ist eine zweite Frage und hängt nicht allein von ihr ab. Jedenfalls ist die gegenwärtige Situation die, daß man von den verschiedensten weltanschaulichen Gruppen her wieder aufmerksam geworden ist auf das, was in der Kirche vorgeht. Nun braucht aber die Kirche nichts weniger als Zuschauer und nichts mehr als Mitarbeiter. Und darum appelliert sie, so stark sie kann, an den Studenten. … Wer heute noch glaubt, sein Leben allein leben zu können, lebt in einer Illusion. Dafür sind die Dinge zu schwierig geworden; das weiß vielleicht niemand besser als der heutige evangelische Pfarrer. Das weiß aber auch in besonderer Weise der Student. Und diese Erkenntnis verbindet sie. Warum sollte nicht dort, wo gemeinsam gefragt wird, gemeinsam um eine Antwort gerungen werden?“*

Diese beeindruckenden Worte spiegeln Bonhoeffers Geist. Im Gegensatz zu jener Zeit, die auf Führer und soldatische Tugenden setzte, bevorzugte er das Menschlichste: miteinander reden. Doch seine Art von Studentenseelsorge an der TH von 1931 bis 1933 scheiterte. Er gestand sich das im Bericht an seine Kirche ein. Aber dennoch hielt er es für wert, dies versucht zu haben. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) entstammte einer Gelehrtenfamilie. Er war hochbegabt, promovierte mit 21 Jahren. Von Anfang an war er strikter Hitlergegner. Kurz nach der Machtergreifung erklärte er in einem Rundfunkvortrag, dass hinter dem Führer bloß eine Verführung stehe. Die Sendung wurde abgebrochen. Im Frühjahr ‘33 protestierte er öffentlich gegen die Entrechtung jüdischer Mitbürger. Bonhoeffer hätte eine glänzende Karriere in England oder in den USA machen können. Er blieb in seinem Vaterland, um hartnäckig und klug Widerstand zu leisten. Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg ermordet. Doch sein Erbe sollte auch in einer säkularisierten Welt weiterleben.

Hans Christian Förster / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 4/2013

* Das Zitat stammt aus: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 11, herausgegeben von Eberhard Amelung und Christoph Strohm. Gütersloh: Chr. Kaiser Verlag, 1994, S. 227–228

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