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TU Berlin

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Zum Hören geboren

Freitag, 16. Dezember 2011

Hans Heinz Stuckenschmidt - Virtuose in einem Orchideenfach der Technischen Hochschule

Man nannte ihn den "Grandseigneur der modernen Musik". 1948 erhielt er einen Lehrauftrag - im Rahmen des neuen Studium generale - an der TU Berlin. 1949 erfolgte seine Ernennung zum außerordentlichen, 1953 zum ordentlichen Professor für Musikgeschichte. Es war eines der vielen außergewöhnlichen Ereignisse in Hans Heinz Stuckenschmidts ungewöhnlichem Leben.

Der Gymnasiast Stuckenschmidt vor dem Kurhaus in Wiesbaden, 1918.
Lupe

Hans Heinz Stuckenschmidt ist wahrscheinlich der einzige Lehrstuhlinhaber in der Historie des Berliner Polytechnikums, der durchs Abitur fiel. Obgleich Sohn eines preußischen Offiziers, schrieb der Gymnasiast 1918 einen kriegskritischen Abituraufsatz, den die Hamburger Lehrer mit "ungenügend" bewerteten. Seiner Karriere hat dieser Fauxpas nicht geschadet. Im Gegenteil. Sein Leben hat Stuckenschmidt in einer lesenswerten Biografie, "Zum Hören geboren", markant beschrieben. Vor allem die "Neue Musik" wurde sein Lebensthema. Am 1. November 1901 in Straßburg als Sohn eines Offiziers und einer Pianistin geboren, wuchs er unter anderem in Berlin, Magdeburg und Bremen auf. Bereits als Schüler fand er - angeregt durch ein Gustav-Mahler-Konzert - den Weg zur Musik Arnold Schönbergs, Anton Weberns, Alban Bergs und anderer. In den "Roaring Twenties" gehörte er zur künstlerischen Boheme und war mit den bedeutendsten Künstlern jener Zeit bekannt. Als brillanter Stilist und treffsicherer Polemiker schrieb er musikkritische Beiträge für die führenden Zeitungen in Berlin und Prag. Sein Markenzeichen war das Monokel. In diese Zeit fällt die Bekanntschaft mit Theodor W. Adorno. Beide verband zunächst das Bestreben, die "Neue Musik" durchzusetzen. Später dominierte die Polemik. Stuckenschmidt warf Adorno vor, dass dieser das Kunsturteil durch Soziologie ersetzt habe.

Die letzte Ruhestätte des Musikers befindet sich im Kolumbarium des Friedhofs Wilmersdorf, Raum 12
Lupe

Im Jahre 1934 erhielt Stuckenschmidt Schreib- und Berufsverbot, weil er sich für die "Neue Musik" sowie für jüdische Musiker und Komponisten einsetzte. Zugleich erlebte er eine bemerkenswerte Solidarität durch Zeitungen des demokratischen Auslandes, die seine qualifizierten Texte druckten und honorierten. 1937 ging Stuckenschmidt - den Repressalien des Propagandaministeriums ausweichend - nach Prag, wo er für das "Prager Tageblatt" schrieb. Nach der Besetzung Böhmens und Mährens durch die Wehrmacht blieb er als Journalist in Prag, obwohl er ein Affidavit, eine Bürgschaftserklärung, für die USA hatte. Als 1941 Reinhard Heydrich Reichsprotektor wurde, war Stuckenschmidts Sicherheit gefährdet. Auf Anraten seines Chefredakteurs sollte er sich freiwillig zur Wehrmacht melden; so konnte er sich dem Zugriff der NSDAP entziehen. Für den bewussten Hitlergegner war das - so paradox es erscheint - tatsächlich die Rettung. Er wurde als Wehrmachtsdolmetscher in Frankreich und Italien tätig und geriet 1944 in Kriegsgefangenschaft. 1946 kehrte Stuckenschmidt in seine Wahlheimat Berlin zurück und beteiligte sich aktiv am kulturellen Wiederaufbau, besonders auf musikalischem Gebiet. Er war für den RIAS tätig und schrieb - zusammen mit Friedrich Luft - für die "Neue Zeitung". Neben seiner Lehrtätigkeit an der TU Berlin von 1948 bis 1967 bereiste er als weltweit anerkannter Musikexperte viele Länder. Zu seinen wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen gehört unter anderem die Schönberg-Biografie, die erstmals den Nachlass des Komponisten berücksichtigte. Lange nach seiner Emeritierung erhielt er endlich seinen einzigen akademischen Grad, den Ehrendoktor der Universität Tübingen. Hochgeehrt starb Stuckenschmidt am 15. 8. 1988 in Berlin. Seine Urne befindet sich im Kolumbarium des Wilmersdorfer Friedhofes.

Die Serie "Orte der Erinnerung" im Internet: www.tu-berlin.de/?id=1577

Hans Christian Förster / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 12/2011

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