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TU Berlin

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Vermischtes

Wirtschaftsprofessor und Poet

Dienstag, 05. April 2011

Hermann Levy brachte Modernität und kosmopolitischen Schwung an die Hochschule

Vor 90 Jahren, 1921, wurde Dr. Hermann Levy als Extraordinarius für Wirtschaftswissenschaft an die Technische Hochschule Berlin berufen, die Vorgängereinrichtung der TU Berlin.

Lupe

Der damals Vierzigjährige glich eher einem Gentleman als dem kaiserlichen Geheimratstyp mit Voll- oder Backenbart. Levy brachte Modernität und kosmopolitischen Schwung an die Hochschule. Er galt als Experte für englische Wirtschaftsentwicklung und konnte auf eine bemerkenswerte Karriere zurückblicken. Sein Standardwerk „Monopole, Kartelle und Trusts in der Geschichte und Gegenwart der englischen Industrie“ erschien 1909, wurde ins Englische übersetzt und von Lenin bis Ernst Troeltsch als sozioökonomische Quelle zitiert. Mit Hitlers Machtantritt 1933 nahm Levys Leben eine tragische Wendung. Als Sohn einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie vor 130 Jahren am 22. 5. 1881 in Berlin geboren, wuchs er – evangelisch getauft – in einer Tiergarten-Villa auf. Bis zum 14. Lebensjahr erhielt er Privatunterricht und erwarb das Abitur 1899 am Wilhelms-Gymnasium. Danach studierte Levy Jura und Nationalökonomie in München, wo er 1902 zum Dr. rer. pol. promovierte. Es schlossen sich Studienaufenthalte in England (1902/03) und in USA (1904/05) an. Mit einer Arbeit über die Stahlindustrie der USA habilitierte er sich in Halle. Dort setzte er als Privatdozent seine Studien zur Analyse und Geschichte der angelsächsischen Ökonomie fort. 1906 ehelichte er die Professorentochter Bertha Stammler. Weitere Stationen seiner Karriere waren 1907 eine Dozentur an der Handelshochschule in Mannheim und 1910 die Berufung zum außerordentlichen Professor für Nationalökonomie nach Heidelberg. Neben Lujo Brentano hatte Levy hier regen intellektuellen Austausch mit Max und Alfred Weber, Hermann Oncken, Eberhard Gothein und Georg Jellinek. Während des 1. Weltkrieges arbeitete Levy in der Militärverwaltung in Berlin. Nach seiner Berufung an die TH Berlin trat 1922 eine neue Frau, die Schauspielerin Margarete Schlegel (1899–1987), in sein Leben. Bald stieg sie zum Kinostar auf, drehte mit Billy Wilder und war Partnerin Heinrich Georges in der Verfilmung von „Berlin –Alexanderplatz“ (1931).

Levy stand zur Weimarer Demokratie und sah mit kritischem Blick auf die deutschen Hochschulen, wo einige Akademiker die neue Staatsform ablehnten. Solche Kritik formulierte er literarisch unter dem Pseudonym „Hermann Lint“ in dem elegant-geistreich geschriebenen Essayband „Der Gesellschaftsmensch“ (1929). Dieses Buch mutet selbst nach 80 Jahren sehr modern an. Levyverwandte schon den Habitusbegriff, beschrieb eine „globale Klasse“, übte Kritik an der deutschen Mandarine-Mentalität und an der unterentwickelten „Zivilgesellschaft“. Insgesamt publizierte er sechs belletristische Bücher, darunter einen Roman „Der Weg zur Einsamkeit“, der autobiografische Züge trägt. Er war weiterhin wissenschaftlich-publizistisch tätig, seine Bücher wurden national wie international gelesen, rezensiert und nachgedruckt.

Das jähe Ende seiner Karriere kam 1933. Obwohl getauft, wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft und seines demokratischen Engagements als „Mann der Systemzeit“ fristlos entlassen. Mit Frau und Kind emigrierte er 1935 nach England. Sein Vermögen verlor er an die „Reichsfluchtsteuer“, die 18 000 Reichsmark betrug. In England fand Levy keine Universitätsanstellung mehr und lebte weitgehend vom Schreiben. Seine Frau Margarete war während des Krieges fürs deutschsprachige Programm der BBC tätig. Einer seiner Romane, „Der Weg in die Einsamkeit“, spielt im Berliner Milieu zwischen 1914 und 1924. Er beschreibt einen Mann, von Beruf Professor, zwischen zwei Frauen, seiner Gattin und einer Schauspielerin. Er trägt also stark autobiografische Züge: Der Schluss ist allerdings betont tragisch: Die Gattin begeht Selbstmord und der befreite Ehemann stirbt unversehens plötzlich auch noch.

Levy starb am 16. Januar 1949 in Richmond, eine Grabstelle ist nicht bekannt. Nach langem juristischem Streit zahlte die Bundesrepublik Deutschland der Witwe 1959 eine kleine Entschädigung.

Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 4/2011

Die Serie "Orte der Erinnerung" finden Sie unter:

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