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TU Berlin

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Vermischtes

Ludwig Wittgenstein – Pilot und Philosoph

Donnerstag, 20. Januar 2011

Einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts studierte an der TH Berlin

Ludwig Wittgensteins Grabstein auf dem Friedhof der Chapel for Ascension an der Huntingdon Road in Cambridge, England
Lupe

Wer kennt nicht den Satz: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen“? Formuliert wurde er von Ludwig Wittgenstein (1889–1951) im „Tractatus Logico-Philosophicus“, das vor 90 Jahren erschien. Es ist das einzige von ihm selbst zu Lebzeiten publizierte sprachtheoretische Werk, das zu den einflussreichsten philosophischen Texten gehört. Weltweit gilt Wittgenstein – 60 Jahre nach seinem Tod – als bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Durch den von ihm vollzogenen „linguistic turn“ ist Philosophie vor allem Sprachkritik. Weniger bekannt ist, dass Wittgenstein von Oktober 1906 bis Mai 1908 an der TH Berlin unter der Matrikelnummer 18.083 eingeschrieben war. Er studierte Ingenieurwissenschaften, interessierte sich für Flugtechnik und schied „mit Abgangszeugnis“ aus. Wie kommt ein junger Wiener Millionärssohn nach Berlin? Wittgenstein wurde am 24. 4. 1889 als jüngstes Kind einer superreichen assimilierten jüdischen Stahlmagnatenfamilie geboren. Im Hause der Eltern verkehrten Gustav Mahler und Gustav Klimt. Vater Karl war als großer Kunstmäzen geschätzt. Ludwig erhielt Privatunterricht und ging erst mit 14 Jahren auf die Linzer Realschule, wo er 1906 die Matura ablegte. Wegen seiner technisch-mathematischen Begabung – der Junge las schon mit zehn Jahren Bücher über Physik und Kinematik von Ludwig Boltzmann und Franz Reuleaux – wollte er in Wien Physik studieren. Doch dann entschied er sich nach väterlichem Rat für Berlin. Die preußische TH galt zu jener Zeit als führendes Polytechnikum Europas. Außerdem schätzte der Vater die Professoren Reuleaux und Alois Riedler, die hier Maschinenbau lehrten. Für den jungen Wittgenstein war bedeutsam, dass in Berlin ein Zentrum der Aeronautik entstand. Der Gleitflugpionier Otto Lilienthal war Absolvent der TH. Hier wurde 1906 eine Motor-Luftschiff-Studiengesellschaft und 1908 eine Luftfahrzeug-Gesellschaft gegründet. 1912 nahm die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) in Johannisthal ihre Arbeit auf. 1909 entstand die erste studentische Abteilung für Luftschifffahrt im Rahmen der TH-Freistudentenschaft. Neben Flugzeugtechnik interessierte er sich auch für das Berliner Musikleben und für Philosophie. Im Sommer 1908 wechselte Wittgenstein an die Universität von Manchester und befasste sich mit Propellertechnik. So entstand der 1911 patentierte Blattspitzenantrieb für Drehflügel-Flugapparate. An den Enden der Rotorblätter wurde durch Ausströmen von Luft oder Gasen nach dem Rückstoßprinzip eine Bewegung erzeugt. Praktisch relevant wurde die Erfindung erst Jahrzehnte später bei Hubschraubern.

Die Wende in Wittgensteins Leben brachte ein Treffen mit dem berühmten Mathematiker Bertrand Russell. Ihm stellte er sich noch als „Pilot“ oder „Luftschiffer“ vor. Russell erkannte Wittgensteins philosophische Genialität und bewog ihn zum Studium am Trinity College Cambridge. In diese Zeit fielen die ersten Arbeiten am „Tractatus“. Den Ersten Weltkrieg erlebte Wittgenstein als österreichischer Offizier und arbeitete nach dem Krieg als Volksschullehrer in Niederösterreich. Nach einem kurzen Intermezzo als Architekt in Wien kehrte er 1929 nach Cambridge zurück, wo er zehn Jahre später Professor für Philosophie wurde. In den folgenden Jahren schuf und modifizierte er sein sprachphilosophisches Lebenswerk, das als umfangreicher Nachlass vorliegt. Wittgenstein starb am 29. 4. 1951 in Cambridge. Dort befindet sich sein Grab auf dem Ascension-Parish-Burial-Ground-Friedhof.

Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 1/2011

Buchtipp

Aus Anlass des 50. Todesjahres Ludwig Wittgensteins gab es 2001 an der TU Berlin die Wissenschaftliche Konferenz „Ludwig Wittgenstein. Ingenieur – Philosoph – Künstler“. Die gleichnamige Publikation, herausgegeben von Günter Abel, Matthias Kroß und Michael Nedo, erschien 2007 im Parerga Verlag.

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