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Professor auf dem zweiten Bildungsweg

Mittwoch, 17. Juni 2009

Emil Winkler machte das Bauingenieurwesen zu einer Wissenschaft

Kapelle auf dem Luisenkirchhof II in Berlin-Westend
Kapelle auf dem Luisenkirchhof II in Berlin-Westend, auf dem Emil Winkler begraben wurde
Lupe

Als Emil Winkler, Professor für Baustatik an der Technischen Hochschule zu Berlin, am 29. August 1888 im Alter von nur 53 plötzlich starb, schrieb die "Deutsche Bauzeitung" in ihrer Todesanzeige: "Die technische Welt aller fünf Erdteile, über die Winklers Forscherarbeiten Verbreitung gefunden haben, trauert um seinen Verlust." Heute ist der Begründer der klassischen Baustatik weitgehend vergessen. Nur das Modell der "Winkler’schen Bettung" ist unter Eisenbahnexperten noch präsent.

Den Zeitgenossen galt Winkler als "Selfmademan." Er selbst - seinen frühen Tod ahnend - bekannte einmal: "… ich muss schnell arbeiten, wenn ich das Ziel erreichen will". Das Eisenbahnwesen und die industrielle Revolution gaben den beschleunigten Zeittakt seines Lebens vor. 1835 in Falkenberg bei Torgau als Revierförstersohn geboren, verließ er 1851 das Torgauer Gymnasium ohne Abschluss, um eine Maurerlehre zu beginnen. Ihr schloss sich der Besuch der Baugewerkenschule in Holzminden an. Nebenbei nahm er Privatunterricht in Mathematik, Zeichnen und in diversen Baufächern. So konnte er die Schule vorzeitig abschließen und sammelte erste praktische Erfahrungen als Geselle und Bauführer beim Torgauer Festungswerkebau. 1854 schrieb sich Winkler als Student ohne Abitur, aber mit praktischen Erfahrungen am Dresdner Polytechnikum ein. Zwei Hochschullehrer beeinflussten ihn dort: der Mathematiker Oskar Schlömilch und der Ingenieur Johann Andreas Schubert. Schubert war der Pionier der sächsischen Industrialisierung; er baute die erste deutsche Lokomotive und die Brückenwunderwerke über Göltzsch- und Elstertal. Beide Lehrer inspirierten den mathematisch Begabten zu seiner Lebensaufgabe: der Mathematisierung und damit Verwissenschaftlichung des Bauingenieurwesens. Nach Studienabschluss 1858 war Winkler in sächsischen Institutionen, als Lehrer an der Dresdner Gewerbeschule und später als Assistent Schuberts am Polytechnikum tätig. Winkler promovierte 1861 an der Universität Leipzig mit einer Arbeit "Über den Druck im Inneren von Erdmassen" zum Dr. phil. 1865 erreichte den Dreißigjährigen der Ruf an das Polytechnikum Prag. Zwei Jahre später wurde er Professor für Eisenbahn- und Brückenbau am Wiener Polytechnikum. 1877 schließlich folgte er dem Ruf der Berliner Bauakademie auf den Lehrstuhl für Baumechanik. Zu dieser Zeit konnte der 42-Jährige auf ein umfassendes wissenschaftliches Werk verweisen: seine "Vorträge über Eisenbahnbau", das Standardwerk für Bauingenieure "Die Lehre von der Elastizität und Festigkeit“ (1867) und seine Wiener "Vorträge über Brückenbau". An der TH begründete Winkler die "Berliner Schule der Baustatik", die unter seinem Nachfolger Heinrich Müller-Breslau internationalen Ruhm erlangte. Über Winklers Privatleben ist fast nichts bekannt. Von seiner Ehefrau Helene, geb. Crentz, wissen wir nur aus einer TH-Todesanzeige, die die Universität Bologna archivierte. Diese berühmte Alma Mater zeichnete den Techniker 1888 mit der Ehrendoktorwürde aus. Winklers Lebenswerk blieb ein Torso. Sein Grab, einst auf dem Luisenkirchhof II in Berlin-Westend gelegen, existiert heute nicht mehr.

Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 6/2009

Die Artikelserie "Orte der Erinnerung" im Internet:

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