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TU Berlin

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"Der Invasion der Weiber preisgegeben"

Montag, 18. Mai 2009

Vor 100 Jahren klopfte das "andere Geschlecht" an die Tore der Technischen Hochschule zu Berlin

Als dem noch wenig berühmten Schriftsteller Thomas Mann 1903 erstmals seine spätere Frau, Katja Pringsheim, ins Auge stach, geschah das während einer Trambahnfahrt. Kurz vor dem Halt an der Münchner Universität gab es eine Kontrolle und die junge Studentin ohne Billet entkam selbstbewusst und wortgewaltig dem verdutzten Beamten. Katja Pringsheim gehörte zu den ersten Mathematikstudentinnen Münchens. Was die Zeitgenossen als Sensation empfanden, war für Katjas Berliner Großmutter, Hedwig Dohm, die Thomas Mann
respektvoll-ironisch "Little Grandma" nannte, eine Selbstverständlichkeit.
Sie setzte sich schon vor der Reichsgründung von 1871 mit viel Energie für das Wahlrecht und das Recht auf Hochschulbildung der Frauen ein. Dennoch gehörte Preußen zu den letzten deutschen Staaten, die das Frauenstudium erlaubten. So wurden die Universitäten am 18. August 1908, die Technischen Hochschulen sogar
erst am 14. April 1909 fürs weibliche Geschlecht geöffnet. Damit schnitt das
Land nicht nur im Deutschen Reich, sondern auch im Vergleich mit anderen
modernen Staaten schlecht ab. In den USA konnten Frauen seit 1833, in Frankreich seit 1863, in der Schweiz seit 1864, in England seit 1869 und in Holland seit 1878 eine Universität absolvieren. Die deutsche akademische Männerwelt reagierte auf diese Öffnung hysterisch. Eine uralte Männerbastion schien geschleift und dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke beklagte
in apokalyptischen Vokabeln, dass "unsere Universitäten der Invasion der Weiber" preisgegeben seien. Ein neuer "Hunnensturm" und ein zweiter Nibelungenuntergang wurden befürchtet.

Wie aber sahen die Fakten aus? Weibliche Gasthörerinnen gab es an der TH schon 1895/96. Es waren meist Professorentöchter. Und auch nach der Zulassung des Frauenstudiums war der Zustrom lange Zeit ziemlich bescheiden. Die alten kulturellen Geschlechterrollen blieben noch Jahrzehnte intakt. 1909 gab es an der TH zwei Studentinnen im Fach "Bauingenieurwesen und Architektur", 1931 waren es
erst 131. Zwischen 1909 und 1918 wurden 55 Studentinnen an der TH Berlin immatrikuliert, darunter waren 21 Ausländerinnen. An den fünf technischen
Hochschulen Preußens (Aachen, Berlin, Breslau, Danzig und Hannover) legten im gleichen Zeitraum 11 Frauen ein Examen ab, davon acht in Berlin. Die erste "ordentliche" Absolventin der Hochschule an der Spree war Dipl.-Ing. Elisabeth von
Knobelsdorff (1877–1959), eine Architektin. 1920 führte die Republik Preußen das Habilitationsrecht für Frauen ein. Bis Mitte der Zwanzigerjahre vervierfachte sich die Zahl der an der TH immatrikulierten Studentinnen von acht (1910) auf 36 (1925).
Erst zu Beginn der 30er-Jahre – paradoxerweise während der großen Weltwirtschaftskrise – stiegen die TH-Studentinnenzahlen nochmals auf 131.
Insgesamt gab es im Jahre 1931 reichsweit 948 Frauen an technischen Hochschulen. Das waren 4,2 Prozent aller technischen Hochschulstudenten. Nach Hitlers Machtantritt 1933 sollte ein "neues" Frauenbild politisch restauriert werden – das alte patriarchalische. Die Fortschritte in der Emanzipation des "anderen Geschlechts" wurden im "Dritten Reich" wieder begrenzt und rückgängig gemacht. In
diesem Zusammenhang schien es sehr hellsichtig, als Hedwig Dohm 1902 den Begriff "Antifeminismus" in Analogie zu jenem des "Antisemitismus" bildete.

Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 5/2009

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