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Schule der Neuen Prächtigkeit

Der Blick zurück nach vorn

Montag, 16. November 2009

Johannes Grützke, Matthias Koeppel, Manfred Bluth und Karlheinz Ziegler – erste Gesamtschau von Gemälden der Künstlergruppe

Johannes Grützke (l.) und Matthias Koeppel
Die beiden noch lebenden Maler der Künstlergruppe, Johannes Grützke (l.) und Matthias Koeppel, präsentieren ihre Gemälde persönlich in der Ausstellung
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Was für die Ausstellung erstmalig zusammengetragen wurde, zeuge von der Pracht und Macht der Bilder, erklärt TU-Präsident Prof. Dr. Kurt Kutzler anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Die Schule der Neuen Prächtigkeit – der Blick zurück nach vorn“. Die rund 70 Gemälde zeigen erstmals alle Schaffensperioden der Berliner Maler Manfred Bluth, Johannes Grützke, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler. Ihre "Schule der Neuen Prächtigkeit" entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Künstlergruppen der Nachkriegszeit und "ihre Aktivitäten enthielten immer auch eine Kampfansage gegen die damals scheinbar allmächtigen abstrakten und konkreten Maler", so der Ausstellungskurator Manfred Giesler. Gemeinsam verfassten und führten sie Theaterstücke auf, gingen aber in der Malerei eigene Wege. Die Ausstellung, initiiert von TU-Präsident Kurt Kutzler und finanziell unterstützt durch die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin, ist in den Galerien am Lichthof im TU-Hauptgebäude (Straße des 17. Juni 135) noch bis zum 13.12., täglich von 10 bis 20 Uhr, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

"Die Schule der Neuen Prächtigkeit": ein Name wie ein Paukenschlag! Und als Provokation wollten sie diesen Namen auch verstanden wissen, die Berliner Maler Manfred Bluth, Johannes Grützke, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler, als sie im Herbst 1973 ihre Künstler-Initiative, eine "Schule" im klassischen kunsthistorischen Sinne des Wortes, gründeten. Ihr Ziel war es, so verkündeten sie lauthals und lyrisch, die „Fluten der Kläglichkeit“ einzudämmen: "Jene Fluten aus armseliger Architektur und Stadtplanung, mehrheitsgläubiger Demokratie, verantwortungslosem Nähen ohne Abschlußknoten, elektrischer Musik, elenden Badeanstalten, vorbildlichem Design, praktischen Strumpfhosen, didaktischen Kunstausstellungen, Geringschätzung des Endreims, verkrachter Tischlerei, unhaltbarer Schuhmacherei, allgemeiner Denkmalslosigkeit, stotternder Literatur und karierter Malerei."

Manfred Bluth: "Das alte Kriegsschiff" (Ausschnitt)
Manfred Bluth: "Das alte Kriegsschiff" (Ausschnitt)
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Was sich hier halsbrecherisch im Geist der Negation zu definieren schien, entpuppte sich bald als eine überaus witzige, verspielte, einfallsreiche und gesellige Vereinigung von Jungmalern, die sich ostentativ unzeitgemäߠ– aber nicht ohne ironische Brechung oder Verzerrung – zum europäischen Künstlertum des 19. Jahrhunderts bekannten. Malen, dichten, geigen, gemeinsam ins Museum gehen, bizarre Manifeste und Aufrufe schreiben, drucken und verkünden, absonderliche Gesellschaften gründen und nächtelang in den legendär gewordenen Künstlerkneipen West-Berlins ausharren: Das waren die Aufmerksamkeit heischenden, Sinn und Verstand stets auf die Probe stellenden Aktivitäten der "Schüler der Neuen Prächtigkeit". Sie brachten damit einen unverkennbaren, schrillen Ton in die gesellschaftlichen Debatten jener Zeit und schufen zugleich Kunstwerke, in denen sich Originalität mit einem hohen Maß an maltechnischem Können verband.

Matthias Koeppel: "Jimmy Carter am Potsdamer Platz"
Matthias Koeppel: "Jimmy Carter am Potsdamer Platz"
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Und heute? Angesichts des seit etwa zehn Jahren nicht nur in Deutschland neu erwachten Interesses an figürlicher Malerei kann die "Schule der Neuen Prächtigkeit" als eine der bedeutendsten künstlerischen Bewegungen der Nachkriegszeit gelten, in der die (damals unzeitgemäße und marktfremde) Möglichkeit, gegenständlich zu malen, zum fröhlichen Programm erhoben, demonstriert und gelebt wurde. Mit Blick auf den politischen Hintergrund des Kalten Krieges und auf die Inanspruchnahme der Künste für unterschiedliche ideologische Zwecke ist die "Schule" aus gegenwärtiger Perspektive geradezu prädestiniert, allzu rasche pauschale Einordnungen (etwa unter dem Etikett "Realismus in Ost und West") zu unterlaufen und zu nuancieren. Darüber hinaus leisten die Bilder und Geschichten dieser Künstlergruppe einen wertvollen Beitrag zur noch zu schreibenden Geschichte des kulturellen Lebens und Treibens in der Bundesrepublik, speziell im freiheitlichen West-Berlin, der "Hauptstadt der Revolte".

Im dem vorliegenden Band zur Ausstellung (siehe Hinweis) werden die Akteure, die Aktivitäten, die ästhetischen Positionen und künstlerischen Hervorbringungen der "Schule der Neuen Prächtigkeit" in sieben Essays historisch eingeordnet und ästhetisch gewürdigt. Der umfangreiche Abbildungsteil mit Bildern aller vier Künstler präsentiert herausragende Beispiele ihrer Malerei – in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Ein eigenes Kapitel widmet sich den vielgestaltigen theatralischen Inszenierungen der Gruppe, in denen sich ihr Selbstverständnis auf besonders markante Weise artikuliert. Die zahlreichen, zum größten Teil noch nie veröffentlichten Fotografien und Dokumente insbesondere aus den 1970er- und 1980er-Jahren schließlich vermögen etwas von der freiheitlichen Atmosphäre und seltsamen Poesie jener Zeit zu vermitteln. Mit all dem beleuchtet der Band, der anlässlich einer großen retrospektiven Ausstellung der "Schule der Neuen Prächtigkeit" im Lichthof der Technischen Universität Berlin erscheint, den skurrilen Ernst und den unerschrockenen Witz, mit dem eine Künstlergruppe sich zum "unrentablen", aber "idealen" Lebensziel setzte, auf ganz eigene Weise eine künstlerische Tradition fortzusetzen und "Prächtigkeit neu zu entdecken".

Bénédicte Savoy, Diethelm Kaiser / Quelle: "TU intern", 11/2009

Die TU-Pressestelle hat eine Fülle von Materialien mit Fotogalerie und Lebensläufen der Maler im Internet zur Verfügung gestellt. Hier finden Sie auch die Verkaufszeiten des Katalogs.
www.tu-berlin.de/?id=69391

Das Buch

Pünktlich zur Eröffnung dieser einzigartigen Ausstellung ist im Nicolai-Verlag, Berlin, ein Katalog erschienen. Ihm kommt das Verdienst zu, gleichzeitig den einzigen aktuellen Überblick über eine der bedeutendsten Künstlergruppen in Deutschland zu bieten. Er zeigt mit 170 farbigen Abbildungen eine Auswahl der wichtigsten Gemälde von Grützke, Koeppel, Bluth und Ziegler aus einem Zeitraum von rund 35 Jahren. In Essays von renommierten Kunsthistorikern, Kunstkritikern, Dichtern und Wegbegleitern werden einzelne Werke eingehend kommentiert und übergreifende Zusammenhänge erläutert. Und schließlich veranschaulicht das Buch mit einer Fülle von Fotodokumenten, Schriften und weiteren Zeugnissen das kreative gesellschaftliche Wirken dieser Gruppe.

Diethelm Kaiser, Bénédicte Savoy (Hg.):
Die Schule der Neuen Prächtigkeit.
Bluth.Grützke. Koeppel. Ziegler.
Gemälde und Dokumente einer Künstlergruppe,
192 Seiten, ISBN: 978-3-89479-579-5
29,95 Euro

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