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TU Berlin

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Vermischtes

Umstritten, diffamiert, verstummt

Montag, 16. Juli 2007

Erinnerung an Julius Wolf, Doktorvater Rosa Luxemburgs und Ehrensenator der TH Charlottenburg

Julius Wolf
aus: Kardorff et al.: Festschrift für Julius Wolf, Stuttgart 1932. Julius Wolf
Lupe

"Ich mußte älter, ja – nach einem Worte Mephistopheles’ – ‚alt‘ werden, um das ‚Leben‘, die Menschen einigermaßen zu verstehen."

Mit diesem Rückblick betrachtete Julius Wolf, Grenzgänger zwischen den Disziplinen – Ökonomie, Sexual- und Bevölkerungswissenschaft –, ein langes, kämpferisches wissenschaftliches und politisches Wirken. Die akademische Karriere begann für den 1862 in Brünn geborenen Wolf als Professor für Ökonomie und Statistik 1885 an der Universität Zürich. Sie führte ihn 1897 an die Universität Breslau, 1913 schließlich an die Königliche Technische Hochschule zu Charlottenburg, der Vorgängereinrichtung der TU Berlin. Hier wirkte er als Dekan und Mitglied des Senats und nach seiner Emeritierung 1922/23 als deren Ehrenbürger.

Früh hatte der Doktorvater Rosa Luxemburgs durch kritische Auseinandersetzungen mit der marxistischen Krisentheorie und den kathedersozialistischen Positionen zur Sozialpolitik den Ruf eines „Manchester-Ökonomen“ erworben. Dies erschwerte seinen akademischen Aufstieg in Deutschland, engte aber sein Schaffen nicht ein. Er wirkte als Initiator des Mitteleuropäischen Wirtschaftsvereins (gegründet 1904), mit seiner „Zeitschrift für Socialwissenschaft“ und den „Finanzwirtschaftlichen Zeitfragen“, als Mitbegründer und Vorsitzender der „Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung“ (1913) wie der „Deutschen Gesellschaft für Bevölkerungspolitik“ (1915) und nach dem Krieg als Berater zu Valuta- und Reparationsfragen sowie zur Tarifpolitik.

Als Vertreter eines „gebändigten Kapitalismus“ kritisierte er Fortschrittsoptimismus wie eugenische Degenerationsszenarien und begründete zugleich seinen Ruf als Theoretiker des Geburtenrückgangs. Dazu löste Wolf die Bevölkerungsfrage zunächst aus der asexuellen Ökonomie, um dann im Bündnis mit der „dirty science“ (Sexualwissenschaft) seine These der „Rationalisierung des Sexuallebens“ zu einer sexologischen Bevölkerungstheorie zu verdichten. Zugleich stritt der Befürworter reproduktiver Menschenrechte für die Legalisierung der Abtreibung.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme verschwand Wolfs Name aus der Liste der Ehrenbürger der Berliner Technischen Hochschule. Als Jude diffamiert, verstummte der originelle Denker und umstrittene Theoretiker weitgehend.

Julius Wolf starb am 1. Mai 1937 in seiner Wohnung am Kurfürstendamm 52. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof Wilmersdorf in Stahnsdorf bei Berlin. Seine Grabinschrift lautet: „…Dieser ist ein Mensch gewesen und das heißt ein Kämpfer sein.“ 70 Jahre nach seinem Tod sollte sich die TU Berlin an ihren bedeutenden Hochschullehrer erinnern.

Dr. Ursula Ferdinand, Institut für Soziologie, Forschungsgruppe Bevölkerungsfragen / Quelle: "TU intern", 7/2007

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