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Montag, 17. Dezember 2007

Orte der Erinnerung: Hermann Rietschel - Koryphäe ohne Dissertation

Das Familiengrabstein der Rietschels auf dem Friedhof Grunewald
Das Familiengrabstein der Rietschels auf dem Friedhof Grunewald
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Sein Weg war einzigartig und wahrscheinlich nur möglich in einem vorbürokratischen Zeitalter. Basierend auf einer soliden Handwerksausbildung, veredelt durch wissenschaftliche Denkweise, neue Bedürfnisse urbanen Lebens aufgreifend, wurde Hermann Rietschel ein erfolgreicher Ingenieur-Unternehmer und schließlich - ohne Dissertation und Habilitation - Professor auf dem weltweit ersten Lehrstuhl eines zukunftsvollen Fachgebiets an der Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin.

Sein Spezialfach schien fast banal: Heizungs- und Belüftungstechnik. Bereits als Knabe fiel der am 19. April 1847 in Dresden als Sohn des Bildhauers Ernst Rietschel geborene Hermann durch hohes technisches Geschick auf. Dennoch besuchte er ein humanistisches Gymnasium, das Ernestinum, später das Polytechnikum. Nebenbei perfektionierte er seine handwerklichen Fertigkeiten. Nach einem Maschinenfabrik-Praktikum bei Hannover ging er im Herbst 1867 als Student an die Gewerbeakademie in Berlin. Zu seinen Lehrern gehörte unter anderem der damals noch junge Professor für Maschinenbau, Franz Reuleaux. Aber der junge Rietschel pflegte als Techniker auch seine ästhetisch-kunstgeschichtlichen Interessen. Er war mit Friedrich Eggert, dem Ästhetikdozenten der Gewerbeakademie befreundet. Im Frühjahr 1870 beendete er seine Ausbildung, verlobte sich mit Martha Leinhaas und begann als Ingenieur bei “J. & A. Aird“, einer Firma für den Bau von Entwässerungsanlagen. 1871 eröffnete Rietschel seinen eigenen Installationsbetrieb. Im folgenden Jahr wurde nicht nur Tochter Else geboren, sondern der junge Vater gründete mit einem Partner die Haustechnikfirma "Rietschel & Henneberg". Sie bauten und installierten alles von der Zentralheizung bis zur Wasser- und Gasversorgung. Im Bauboom der neuen Reichshauptstadt konnte der Betrieb rasch expandieren. Rietschel war als Experte für Heiz- und Gesundheitsanlagen bei privaten und öffentlichen Bauten ein gefragter Mann. 1885 wurde er - mit 38 Jahren - zum Professor für Ventilations- und Heizungswesen an die TH Berlin berufen. 1887 eröffnete er dort die "Versuchsstation für Heizungs- und Lüftungseinrichtungen", aus der das heutige Hermann-Rietschel-Institut der TU Berlin hervorging. 1893 publizierte er den “Leitfaden zur Berechnung und Entwerfen von Heizungs- und Lüftungsanlagen“, der bis 1969 fünfzehn Neuauflagen erlebte und als "Rietschel" ein Standardwerk war und blieb. Als Gutachter und Berater war der vielfach geehrte Professor national und international tätig und erhielt viele Ehrenmitgliedschaften, unter anderem die der Königlich Schwedischen Akademie, und wurde schließlich Rektor seiner TH Berlin (1893-95). Seinem Leitsatz blieb er treu: "Wissenschaftliche Behandlung allein gibt Gewähr, dass man sich auf hellen Pfaden bewegt, und dass der Schritt, den man oft in der Praxis vom richtigen Weg tun muss, nicht zum Fehler wird. Überall über das eigene Fach hinauszublicken, sich … der Grenzen des Expertentums bewusst sein und doch unermüdlich in seinem Fach besser werden, das ist die Aufgabe, die jeder … bewältigen muss." Er starb am 18. Februar 1914 nach langer Krankheit. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof Grunewald.

Mehr zu Hermann Rietschel in: Klaus W. Usemann, "Entwicklung von Heizung und Lüftung zur Wissenschaft. Leben und Werk Hermann Rietschels" (München 1990)
Die Serie "Orte der Erinnerung" finden Sie im Internet unter: www.tu-berlin.de/?id=1577
Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 12/2007

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