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TU Berlin

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Vermischtes

Fatale Gefolgschaft und trickreicher Widerstand

Montag, 18. Juni 2007

Orte der Erinnerung: Architekt Werner March

Förster. Das Familiengrab der Marchs auf dem Berliner Luisen-Friedhof im Westend
Lupe

Zu den signifikantesten Bauwerken der Hauptstadt gehört zweifellos das Berliner Olympiastadion. Seine Historie wirft bis heute ein gewisses Zwielicht auf seinen Erbauer Werner March, der auch mit der Technischen Hochschule beziehungsweise der TU Berlin mehrfach verbunden war: als Architekturstudent 1912-1914, als Absolvent 1919, als Ordinarius des Lehrstuhls für Städtebau und Siedlungswesen 1953-1960 und seit 1962 als Ehrensenator.

Werner March entstammte einer Berliner Fabrikanten- und Architektenfamilie. Die Tonwarenfabrik seines Großvaters Ernst lag vis-à-vis dem TU-Hauptgebäude. Als Sohn des Architekten Otto March wuchs der 1894 geborene Werner in der Sophienstraße auf. Nach dem Abitur begann er 1912 ein Architektur-Studium an der TH Dresden. Nach einem Semester wechselte er an die Berliner TH. 1913 starb plötzlich der Vater. Er sollte für den Sohn nicht nur der erste Lehrer, sondern auch lebenslang Vorbild als Baumeister blieben.

March senior, der an Schinkels Einfachheit und Klarheit der Form anknüpfte, war bekannt durch seine Kritik an der Mietskaserne, der er den Typ des Reihenhauses entgegensetzte. Als weiteres Markenzeichen galt sein Bemühen, Landschaftsgestaltung und Bebauung harmonisch zu vereinen. Das gelang ihm vorbildlich beim Bau moderner Sportstätten: der Rennbahn Grunewald und des Deutschen Stadions, des damals größten Stadions der Welt, das für Olympia in Berlin 1916 vorgesehen war. Doch die Spiele fielen dem Weltkrieg zum Opfer. March junior meldete sich im August 1914 als Kriegsfreiwilliger. Als Frontoffizier ohne Beruf kehrte er aus dem verlorenen Krieg zurück. Doch schon im Jahr darauf beendete er sein Studium an der TU mit Diplomprädikat "Sehr gut" und wurde Meisterschüler von Professor German Bestelmeyer an der Akademie der Künste. Jener zweite nachhaltig wirkende Lehrer war - antithetisch zum ersten - bestrebt, der Architektur der Vorkriegszeit einen monumentalistischen Klassizismus entgegenzusetzen. In diesem Spannungsfeld wurde March 1922 Regierungsbaumeister, und seit 1925 arbeitete er als freier Architekt. Er erwarb sich erste Anerkennung beim Siedlungsbau, bei Entwürfen von Villen und der Errichtung von Sportbauten, besonders für ein Sportforum, das in der Nähe des Deutschen Stadions seines Vaters entstand.

Für den Architekturkritiker Werner Hegemann galt March als einer der bedeutendsten jüngeren Architekten des "Neuen Bauens". Er lobte ihn ob seiner Fähigkeit, Landschaft und Bebauung meisterlich zu verbinden, und er begrüßte, dass March 1930 mit dem Umbau des Sportgeländes für Olympia 1936 beauftragt wurde. Wegen der Weltwirtschaftskrise plante March ursprünglich nur eine maßvolle Erweiterung des alten Stadions. Doch dann kam das Jahr 1933, Hitler wurde Reichskanzler. Hegemanns Buch "Das steinerne Berlin" wurde am 10. Mai verbrannt, der Autor, der ein Vetter des Architekten war, floh ins Exil. March trat im Mai der NSDAP bei und hoffte, sein Olympiaprojekt in Ruhe zu Ende führen zu können. Aber der Diktator griff vehement in den Prozess der Baurealisierung ein. Hitler wollte ein riesiges "Reichssportfeld". Für Olympia und die Weltöffentlichkeit sollte der schöne Schein des Dritten Reichs inszeniert werden. Monumentalität verdrängte Maß und Form der Moderne. Statt Glas musste Naturstein verwandt werden. March unterwarf sich vielen dieser Eingriffe, nur einigen Führerauflagen widerstand er trickreich. Diese fatale Gefolgschaft überschattet bis heute sein vielfältiges Schaffen im In- und Ausland, vor '33 und nach '45. Das Werk harrt der kritischen Wiederentdeckung. Sein Meister, der Junggeselle blieb, starb am 11. 1. 1976 in Berlin. Seine letzte Ruhe fand er im Familiengrab auf dem Berliner Luisen-Friedhof II im Westend.

Hans Christian Förster / Quelle: "TU intern", 6/2007

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