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Buchtipp

Montag, 16. Juli 2007

Uta Dobrinkat-Otte
TU-Pressestelle
Lupe

TU intern fragt Menschen in der Uni, was sie empfehlen würden. Dr. Uta Dobrinkat-Otte ist im Studierendenservice für die Beratung zu Stipendien und Karriere zuständig.

Bisher war ich der Lektüre des "Wallenstein", dieses Urgesteins der deutschen Klassik, des dreiteiligen Geschichts- und Verschwörungsdramas aus dem Dreißigjährigen Krieg, immer erfolgreich aus dem Weg gegangen. Schuld an einem plötzlichen Sinneswandel ist der Theatermann Peter Stein, der kürzlich mit einem spektakulären Schiller-Projekt in Berlin von sich reden machte: der gesamte "Wallenstein" als monumentaler Einakter an einem Tag auf die Bühne gestemmt, über siebeneinhalbtausend Verse - Knittelverse und Jamben -, Wort für Wort vom Blatt gespielt, zehn Stunden lang.

Jetzt will ich es wissen: Kann man den "Wallenstein" überhaupt noch lesen? 457 Seiten, getestet während eines viertägigen Pfingsturlaubs - es geht erstaunlich gut! Die Knittelverse lesen sich etwas mühsam. Das dramaturgische Konzept bewegt sich von den Statisten zu den Hauptdarstellern, von den äußeren zu den inneren Motiven. Bis Wallenstein, Herzog von Friedland, im  zweiten Teil endlich persönlich auftritt, ist schon das ganze Handlungs- und Beziehungsgeflecht um den Emporkömmling und Machtmenschen entworfen, um den leidenschaftlichen Spieler und Horoskopsüchtigen, den zaudernden Heerführer, dessen Image zwischen Friedensfürst und Kriegsverbrecher schillert. Er spielt mit dem Verrat und wird selbst verraten. Die verschiedenen Intrigen entfalten sich spannend, die Motive der einzelnen Protagonisten enthüllen sich erst nach und nach. Der zweite Teil endet so, dass man gleich mit dem nächsten Teil "Wallensteins Tod" beginnen muss, einfach um zu erfahren, wie es weitergeht. "Wallenstein" kann durchaus als Politthriller mit Familiendrama gelesen werden: das Spiel mit der Macht, dienstliche und menschliche Loyalitätskonflikte, Lug und Betrug, alte Freundschaften, aus denen tödliche Feindschaften werden. Da gibt es auch die schwache Ehefrau und die machtbewusste Geliebte, da ist die Tochter, die mit ihrer Liebe zwischen die Fronten gerät, genauso wie ihr junger Freund selbst. Es gibt einen zweifachen Vater-Sohn-Konflikt. Und für (fast) alle endet das Spiel um den verratenen Verräter tödlich. Schiller macht es spannend, bis zum Schluss!

Sitzkissen wie bei Peter Stein brauchte ich nicht. Die Lektüre von "Wallenstein" am Strand von Barcelona war sicher bequemer.

Quelle: "TU intern", 7/2007

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