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Der König hatte blaue Augen

Turi King verbindet Archäologie, Geschichte und Genetik – und fand so die Überreste eines Königs, der schon seit 500 Jahren tot ist

Auf der Pressekonferenz im Februar 2013 konnte Turi King der staunenden Öffentlichkeit die genetischen Übereinstimmungen von Richard III. und einem heute noch lebenden Nachfahren aus der Familie nachweisen.
Lupe

Dr. King, hat der historische Richard III. etwas mit der literarischen Figur „Richard III.“ von Shakespeare gemeinsam?
Shakespeare nannte ihn einen Buckligen, was heißt, dass er vornübergebeugt lief. Das Skelett zeigt eine seitliche Verschiebung des Rückgrats, eine schwere Skoliose, was den König eher schief laufen ließ. Eine gewisse Übereinstimmung, die körperliche Auffälligkeit, ist damit schon vorhanden. Doch nach Shakespeare hinkte er auch und hatte einen verkrüppelten Arm, was das Skelett nicht zeigt. Die bösartigen Charakterzüge, die Shakespeare beschrieb, sind dagegen nicht historisch verbrieft. Man muss bedenken, dass Shakespeare in der Regierungszeit von Elizabeth I. schrieb. Sie stammte aus dem Hause Tudor, der Familie, die den Plantagenets nach schweren Kämpfen auf dem englischen Thron folgte. So konnte der Dichter den verhassten Plantagenet gar nicht als liebenswert darstellen. Er musste schon wegen der Political Correctness ein „schrecklicher“ Charakter gewesen sein.

Mit Ihrer außergewöhnlichen Fächerkombination von Archäologie und Genetik waren Sie geradezu prädestiniert für das Grey-Friars-Projekt, die Ausgrabung und die genetische Untersuchung der Gebeine, die sich tatsächlich als die sterblichen Überreste des letzten Plantagenet-Königs herausstellten. Wo liegen weitere Anwendungsfelder?
Insbesondere beschäftige ich mich mit der Verbindung von Familiennamen und einem Y-Chromosom-Typus, den nur Männer tragen. Da auch Familiennamen in England in väterlicher Linie vererbt werden, kann man unter anderem den Nachweis über den Ursprung bestimmter Populationen führen. Zum Beispiel habe ich mich mit den Wikingern in Nordengland beschäftigt. Deren Gene tauchen auch in Norwegen besonders häufig auf. Die Trefferquote ist besonders hoch bei Namen, die seltener vorkommen. Für die USA funktioniert das ebenfalls. Beispielsweise hatte US-Präsident Thomas Jefferson ein sehr ungewöhnliches Y-Chromosom. Ich fand zwei Jeffersons bei uns in England aus ganz verschiedenen Regionen, die denselben Y-Chromosom-Typ aufwiesen wie er. Sie wussten zwar nichts von einer Verwandtschaft, trotzdem muss diese vorhanden sein. Das kann recht spaßig sein, wenn man einem Menschen sagt: „Sie sind mit Thomas Jefferson verwandt.“ Auch in der Medizin gibt es vielerlei Anwendungsmöglichkeiten. Im Moment arbeite ich an einem Projekt, das Menschen aus der Umgebung einer Abtei in England untersucht. Dort litten viele Menschen unter der chronischen, nicht sehr weit erforschten Paget’schen Krankheit, die Knochen porös und schwammig macht. Hier suchen wir nach spezifischen Genen, die die Menschen in dieser Region tragen und die mit dieser Krankheit in Zusammenhang stehen könnten.

Es gibt auch Potenziale in der Verbrechensbekämpfung …
Ja, sogar sehr vielversprechende. Wenn man bei einem Verbrechen ein Y-Chromosom isolieren kann, könnte man in einer Datenbank schauen, bei welchem Familiennamen dieses spezielle Merkmal vorkommt. Gehört eine Person dieses Namens bereits zu den Verdächtigen, wird das die erste Person sein, die man weiter befragt und untersucht. Das könnte Ermittlungen erheblich beschleunigen. Bislang haben wir leider noch keine solche Datenbank.

Zurück zu Richard III. Was haben Sie gedacht und gefühlt, als offenbar wurde, dass Sie tatsächlich die Gebeine des verlorenen Königs gefunden hatten?
Es gab eigentlich zwei besondere Momente. Wir fanden ihn gleich am ersten Tag der Grabungen, da wir wussten, wo der Chor der Kirche gelegen hatte, und wussten, dass der König dort begraben worden war. Ich war nicht davon ausgegangen, dass wir ihn wirklich finden würden. Doch als ich dieses Skelett eines jungen Mannes sah, mit Kampf- und Schlachtverletzungen, mit der starken Skoliose, der Rückgratverkrümmung, war mir sofort klar, dass hier ein Kandidat vor uns lag. Das war ein berührender Moment. Leider war die DNA bruchstückhaft und degeneriert, denn DNA beginnt gleich nach dem Tod, sich zu verändern. Und diese hier, die ich aus zwei winzigen Proben aus den Zähnen hatte, war schon 500 Jahre alt. Das macht die Untersuchung schwierig. Als es dann den Treffer gab – es war kurz vor Weihnachten – dachte ich nur: Oh mein Gott! Das war der zweite große Moment für mich. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich nun noch sehr viel zu tun hatte, um dieses Rätsel zu lösen und das Ergebnis eindeutig zu machen. Es war mir auch sofort klar, dass wir unter einem ungeheuren medialen Druck standen – und dass wir das Ergebnis gleichwohl wissenschaftlich korrekt veröffentlichen mussten.

Wissen Sie, welche Haar- oder Augenfarbe der König hatte?
Es gibt keine zeitgenössischen Porträts von Richard III. Die frühesten entstanden mindestens 25 bis 30 Jahre nach seinem Tod. Ein Test an elf verschiedenen Genen, von denen man weiß, dass sie Haar- und Augenfarbe beeinflussen, hat aber bereits ergeben, dass die Chance, dass Richard blaue Augen hatte, bei 96 Prozent liegt und die, dass er blond war, bei 77 Prozent. Derzeit sind wir dabei, das Genom Richards III. vollständig zu sequenzieren, um zum Beispiel herauszufinden, welche Blutgruppe er wahrscheinlich hatte und Ähnliches.

Vielen Dank! Das Interview führte Patricia Pätzold

Spezialistin für Genetik und Archäologie – über Turi King

Schon mit ihrer Doktorarbeit erregte Turi King großes Aufsehen. Sie konnte nachweisen, dass Männer mit dem gleichen britischen Nachnamen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit verwandt sind. Ihre Forschungen weckten auch hohes mediales Interesse, denn sie haben bedeutsames Potenzial für Gebiete wie Forensik, Genealogie, Epidemiologie sowie die Geschichte und Entwicklung von Nachnamen und genetischem Erbe. Schon früh war es ihr gelungen, ihre Interessengebiete Geschichte, Archäologie, Anthropologie und Genetik miteinander zu verbinden.

Turi King studierte in Cambridge Biologische Anthropologie, wandte sich dann der Molekulargenetik zu und erwarb schließlich an der Universität Leicester einen Master of Science mit Auszeichnung. Dort promovierte sie 2007 als Stipendiatin des Wellcome Trust. Sie forschte weiter zu Verbindungen zwischen Familiennamen, die in Großbritannien in väterlicher Linie vererbt werden, und genetischen Ähnlichkeiten auf dem Y-Chromosom, das nur Männer tragen. So leitete sie unter anderem ein Projekt zum genetischen Erbe der Wikinger im Norden Englands. Weltweit bekannt, auch in der breiten Öffentlichkeit, wurde sie, als sie zusammen mit einem Team der Universität Leicester das Grey-Friars-Projekt leitete, die DNA-Analyse eines Skeletts, das sich als sterblicher Überrest des vor rund 500 Jahren gestorbenen und seitdem verschollenen Königs Richard III. erwies, des letzten britischen Königs aus dem Hause Plantagenet.

Derzeit arbeitet sie federführend an der vollständigen Genomsequenzierung Richards III., die vom Wellcome Trust, vom Leverhulm Trust und von Professor Sir Alec Jeffreys von der Universität Leicester, Erfinder des genetischen Fingerabdrucks, finanziert wird. Im November 2016 wird sie für ihren herausragenden Einsatz bei der Vermittlung von Wissenschaft an die Öffentlichkeit mit der renommierten Honorary Fellowship der British Science Association (BSA) geehrt. Turi King ist Mutter von vier Kindern.

pp, "TU intern" Oktober 2016

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