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Forschung

„Wir haben einen Fuß in der Tür“

Freitag, 22. Januar 2016

Ottmar Edenhofer über den Einfluss der Wissenschaft beim Pariser Klimagipfel und bei der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, Leiter des Fachgebiets Ökonomie des Klimawandels an der TU Berlin, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) sowie stellvertretender Direktor und Chefökonom am Potsdam Institut für Klim
Lupe

Am 12. Dezember 2015 einigten sich in Paris beim 21. Klimagipfel über 190 Länder auf mehr Klimaschutz. Er wird als Tag gefeiert, der die Welt veränderte. Ist er das?

Paris war fraglos ein diplomatischer Erfolg. Es gibt erstmalig ein Abkommen zum Klimaschutz, dem alle Staaten zugestimmt haben. Ob das ein Tag wird, der die Welt veränderte, muss sich noch zeigen. Immerhin hat die Menschheit aber einen Fuß in die Tür bekommen, die sich jedoch schnell schließen wird. Die Frage ist: Sind die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Staaten glaubwürdig genug? Weltweit liegen Baupläne für etwa 2500 Kohlekraftwerke auf dem Tisch, die über die Jahre rund 113 Gigatonnen CO2 emittieren würden. 730 Gigatonnen emittiert die bestehende Infrastruktur. Damit haben wir schon fast die verbleibenden 1000 Gigatonnen Kohlenstoff erreicht, die noch maximal in der Atmosphäre abgelagert werden dürfen, wenn man die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzen will.

Was ist dann das Besondere an dem Abkommen?

Erstmalig wurde anerkannt, dass Klimaschutz eine gemeinsame Verpflichtung aller Staaten ist, der Industrie- wie der Schwellenländer. In Kyoto waren es nur die Industrieländer, was nicht sehr effektiv war. Die Menschheit hat sich verpflichtet, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf unter 2° zu begrenzen. Doch es handelt sich zunächst um freiwillige Selbstverpflichtungen. Verbindliche Verpflichtungen werden erst ab 2018 nachverhandelt. Auch die Transferzahlungen zwischen Industrie- und Schwellenländern sind noch nicht fest geregelt. Es gibt noch hohe Hürden.

Was steht jetzt an, speziell in Deutschland?

Es ist unvermeidbar, dass wir so schnell wie möglich in die CO2-Bepreisung einsteigen. CO2 auszustoßen muss Geld kosten. Nur wenn es teuer ist, CO2 zu emittieren, wird es attraktiv, in erneuerbare Energien zu investieren. Warum ist in Deutschland die Braunkohle zurückgekommen und steigen die Verkehrsemissionen? Die Energiewende hat zwar zum Ausbau der Erneuerbaren geführt, nicht aber dazu, dass Kohle teurer geworden ist. Denn der Emissionshandel funktioniert nicht. Es fehlt der Mindestpreis für CO2-Zertifikate. Für mich ist es aber sehr erfreulich, dass – selbst wenn es nicht Teil der Verhandlungen war – in Paris immer wieder die CO2-Bepreisung diskutiert wurde. Zudem wird 2017 in China ein nationaler Emissionshandel eingeführt, der hoffentlich aus den Fehlern in Europa lernt.

Welchen Einfluss hat die Wissenschaft auf die Verhandlungen gehabt?

Nach dem Scheitern der multilateralen Klimapolitik in Kopenhagen 2009 wurde auch der Weltklimarat, in dem ich sieben Jahre lang die Arbeitsgruppe III geleitet habe, massiv kritisiert, mit dem Ziel, die ganze Klimaforschung zu diskreditieren. Doch die Klimawissenschaft erwies sich als glaubwürdig. Der 5. Sachstandsbericht von 2014 hat die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengetragen und den Entscheidungsträgern wichtige Orientierung geboten. Auf der Grundlage unserer Daten und Fakten konnten die politischen Entscheidungen der Pariser Verhandlungen gefällt werden. Man sieht diesen Einfluss bis in den Sprachgebrauch der Vertragstexte hinein. Das war ein großer Erfolg für die Wissenschaft. An etlichen Bausteinen für den Weltklimabericht haben das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, das Mercator Institut für Globale Gemeinschaftsgüter und die TU Berlin entscheidend mitgewirkt.

Selbst der Papst hat sich des Themas angenommen. Er gab im Sommer 2015 die erste Umwelt-Enzyklika der katholischen Kirche, „Laudato si“, heraus. Auch dazu haben Sie entscheidend beigetragen. Wie kam es dazu?

In einer mehr als 40-minütigen persönlichen Audienz bei Papst Franziskus habe ich ihm die Erkenntnisse der Klimaforschung erläutert. In der Enzyklika, die der Papst mit einem engen Beraterkreis verfasst hat, ist für mich die wichtigste Aussage: „Die Atmosphäre ist ein globales Gemeinschaftseigentum der Menschheit.“ Zum ersten Mal spricht er in einer Enzyklika über die ethischen Grundprinzipien, denen die Klimapolitik genügen muss. Die jetzige Generation kann demnach als die verantwortungsloseste in die Geschichte eingehen, oder auch als diejenige, die ihre Verantwortung wahrgenommen hat. Franziskus macht klar, dass die Menschheit vor einer Entscheidung steht.

Hat der Papst damit die Ebene von Religion und Glauben verlassen?

Nein, der Papst beansprucht keine Kompetenz in wissenschaftlichen Fragen. Er setzt aber den Sachstand der Wissenschaft voraus und auf dieser Basis formuliert er ethische Leitlinien. Er zeigt, dass er mit der Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft in einen Dialog treten will. Dies war auch der Grund, warum die Enzyklika nicht nur in der Presse breit diskutiert wurde, sondern auch in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften wie „Science“, „Nature“ und „Nature Climate Change“. Dazu haben auch wir am MCC entscheidende Beiträge geliefert. Insofern war das Jahr 2015 ein Jahr, in dem die Wissenschaft auf die Klimapolitik einen sehr großen Einfluss hatte.

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

"TU intern" Januar 2016

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