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TU Berlin

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Hochschulpolitik

Wir sind genial, wir sind TU, und wir sind mal wieder pleite

Monday, 23. February 2015

Meinungsartikel zur Kürzungsdebatte an der Technischen Universität Berlin – Von PD Dr. Holger Eisele

Lupe

Im Jahr 1992 hatte die TU Berlin 629 hauptamtliche Professuren, etwa 40 000 Studierende und einen Landeszuschuss von etwa 500 Millionen D-Mark. Seitdem wurde die Zahl der Fachgebiete sukzessive auf etwa 274 heruntergefahren, die Zahl der Studierenden hat sich auf etwa 33 000 verringert und der Landeszuschuss wurde in diesen 23 Jahren nahezu eingefroren. Andererseits hatte man 1992 von vielem, was uns heute im wahrsten Sinne beschäftigt, noch nicht einmal eine Idee: Schnupperstudium, Modulstudium, Internationalisierung, Zielvereinbarungen, Bachelor und Master, Hochschulverträge und vieles mehr. Das Ganze funktioniert nur durch ein aktives Miteinander, das wir in den letzten 20 Jahren aufgebaut haben, durch eine sehr hohe Identifikation der Mitarbeitenden mit ihrer Universität: Ja, wir sind genial, wir sind kreativ, und wir sind TU. Dies zeigt sich unter anderem in den Drittmitteln, welche in den letzten 23 Jahren von etwa 70 Millionen D-Mark auf 180 Millionen Euro gestiegen sind, eine nominelle Verfünffachung!

Seit 2010 steigt der Landeszuschuss erstmals und langsam wieder an. Man könnte meinen, wir seien durch die wiedervereinigungs- und bankenbedingten realen Kürzungsmaßnahmen des Landes Berlin hindurch. Doch die Kosten steigen schneller: 2018 werden uns voraussichtlich jährlich zwölf Millionen Euro im Haushalt fehlen. Wir sind also mal wieder pleite!

Wie kann die TU Berlin mit dieser Pleite umgehen? Was einzig zur Sanierung beiträgt, sind Maßnahmen, wie sie das Präsidium erwägt: die Streichung von etwa zwölf bis 14 kompletten Fachgebieten. Dabei gibt es jedoch zwei Möglichkeiten: Man fordert von jeder Fakultät zwei Fachgebiete, oder aber man streicht alle Fachgebiete von einem oder zwei Studiengängen: Die Wahl zwischen Rasenmäher oder wirklicher Struktur!

Es gibt Gründe, den Rasenmäher zu wählen: Er erscheint auf den ersten Blick gerecht (was er bei genauem Hinsehen nicht ist), er ist vergleichsweise einfacher durchzusetzen und verlagert die Probleme in die Fakultäten. Doch er wird die Probleme nicht lösen: Der Landeszuschuss hängt von der Zahl der Studierenden in den ersten Hochschulsemestern ab: Wir haben zu wenige und müssen die Studiengänge weiter öffnen. Die Belastung der Fakultäten, der Lehrenden, vor allem der wissenschaftlichen Mitarbeitenden wird weiter zunehmen. Damit werden sich die Promotionsquoten weiter verschlechtern. Ferner sind die meisten Fächer ohnehin schon in einer so geringen Zahl von Fachgebieten vertreten, dass es bereits jetzt schwierig ist, große Verbundforschungsprojekte zu akquirieren: Weitere, singuläre Kürzungen werden diese Situation weiter verschlechtern. Ich kann Dekane gut verstehen, die in diesem Rahmen nicht mehr bereit sind, Fachgebiete zur Streichung anzubieten.

Die Kernfrage bleibt, wie wir mit weniger Geld noch mehr leisten können. Die weitergeführten Fachgebiete brauchen exzellente Arbeitsbedingungen. Die kritische Größe für Studiengänge und Forschungsprojekte muss erhalten bleiben, um die TU Berlin weiterhin nach allen Seiten attraktiv zu halten. Es muss mit der über 20 Jahre aufgebauten, hohen Identifikation weitergearbeitet werden. All dies gelingt nicht, wenn in allen sieben Fakultäten und mindestens 14 Studiengängen neuer Unmut über die Streichung einzelner Fachgebiete und die daraus resultierende Mehrbelastung für die verbleibenden aufkommt.

Doch wie sähe dagegen die wirkliche Struktur aus: Es wäre nötig, einen größeren oder zwei bis drei kleinere Studiengänge oder -richtungen zu identifizieren, auf die folgende Kriterien zutreffen:

a) Die Fachgebiete verursachen hohe Kosten bei Personal- und konsumtiven Mitteln.

b) Die Fachgebiete tragen wenig zum Studienangebot, insbesondere in den ersten Semestern, bei.

c) Die Fachgebiete tragen wenig zum Drittmittelaufkommen bei.

d) Die Fachgebiete haben einen geringen LinF-Faktor.

e) Die Fachgebiete sind inhaltlich wenig in die TU Berlin hinein vernetzt.

Die Kriterien b) bis e) sind dabei in Relation zu a) zu bewerten. Es wird trotzdem nicht einfach werden, eine Abwicklung von einem bis zwei Studiengängen durchzusetzen. Die betroffenen Bereiche werden alles mobilisieren, um sich zu retten, auch wenn dies nicht verantwortungsvoll ist, weder gegenüber den Studierenden noch gegenüber den Mitarbeitenden. Will die TU Berlin eine Universität bleiben, wird dies vor allem ingenieurwissenschaftliche Studiengänge treffen müssen. Doch hier müssen sich das Präsidium und der Akademische Senat (AS) fragen, ob sie zur Not hart, aber verantwortungsvoll eine solche Beschlusslage herbeiführen wollen oder ihre hochschulpolitische Verantwortung im Rahmen des Rasenmähers an die Fakultäten abtreten.

Es ist an der Zeit, einen klaren Schnitt zu machen und die leistungsfähigen Bereiche als Ganzes nicht weiter in ihrer Substanz zu schwächen. Die einzig sinnvolle Art des Kürzens kann nur noch eine strukturelle sein: Lieber weniger und Gutes als ein Mehr, das dann unter Überlast in sich zusammenbricht. Bei der anstehenden Überarbeitung der Bachelor- und Master-Studienordnungen muss ferner geprüft werden, wie diese sinnvoll entschlackt werden und damit die Lehrbelastung wieder auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Nur so sind die Zielvorgaben der Hochschulverträge zu erreichen, was uns von weitergehenden Kürzungen verschont und gleichzeitig dem Bildungsanrecht möglichst vieler Studierwilliger gerecht wird.

Es sind schwerwiegende Entscheidungen, die der AS zu treffen hat. Davon wird entscheidend abhängen, ob Forschung und Lehre als Kernaufgabe und wissenschaftlicher Service für die Gesellschaft in der Zukunft adäquat geleistet werden können und ob die TU Berlin eine national und international attraktive Forschungs- und Lehruniversität bleibt oder zur regionalen technischen Hochschule mutiert. Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre mit Kürzungswellen können bei der Entscheidung helfen: Sie haben gezeigt, wie genial und kreativ wir eigentlich sind. Wir stehen heute deutlich besser da als vor 23 Jahren und besser, als dies vor 23 Jahren zu erwarten war!

 

Der Autor ist Privatdozent in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Mario Dähne am Institut für Festkörperphysik der TU Berlin.


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