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Odysseus in Filzpantoffeln?

Friday, 22. January 2016

Idol, Bösewicht und Träumer – der antike Held im Wandel der Zeiten

Auf seinem Gemälde von 1891 stellt John William Waterhouse die Vorbeifahrt des an den Mast gefesselten Odysseus an der Insel der Sirenen dar. Diese Szene wurde bedeutsam in der Odysseus-Rezeption
Lupe
Prof. Dr. Werner Dahlheim leitete das Fachgebiet Alte Geschichte der TU Berlin von 1972 bis 2006. Zuletzt erhielt der vielfach ausgezeichnete Hochschullehrer und Antikenexperte am 28. November 2015 den Golo-Mann-Preis für Geschichtsschreibung für sein Wer
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Der Historiker Werner Dahlheim hielt die Höllerer-Vorlesung, zu der der Präsident der TU Berlin und die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin im Dezember 2015 eingeladen hatten.

Herr Professor Dahlheim, Sie waren mehr als 30 Jahre lang Professor für Alte Geschichte an der TU Berlin. 1980 haben Sie sogar einen Ruf nach Frankfurt abgelehnt ...

... weil mir die TU Berlin ans Herz gewachsen war.

Walter Höllerer war Germanist und Literat, Sie sind Historiker. Doch es gibt viele Verbindungslinien. Haben Sie Höllerer noch persönlich gekannt?

Selbstverständlich, sehr gut sogar. Als ich an die TU Berlin kam, war er noch im Amt. Ich bin mit ihm auch gereist. Zum Beispiel war ich öfter in sein Domizil im Fränkischen eingeladen, um an den Dichtertreffen teilzunehmen.

„Der Weltenwanderer. Die lange Reise des Odysseus durch die europäische Geschichte“ heißt Ihr Vortrag. Es gibt wahrscheinlich wenige Menschen im europäischen Kulturkreis, die den listenreichen griechischen Helden Odysseus, das Trojanische Pferd und die abenteuerlichen Irrfahrten nicht kennen. Was fasziniert die Menschen bis heute an diesem Heldentypus?

Odysseus ist gewiss kein reiner Held, fallen auf ihn doch auch die Schatten eines Gauners. Er ist „der Listige“, hat das Trojanische Pferd erfunden, sich 20 Jahre durch Krieg und Irrfahrten gekämpft, sein Königreich zurückerobert, seine Frau wiedergefunden. Mit Heldenmut und List … aber auch mit Mord und Tücke. Ab dem 5. Jahrhundert wird daher nicht zufällig aus dem „Listigen“ auch der „Arglistige“, der die Menschen täuscht, betrügt und in den Tod treibt. Ein Beispiel: Seinem Feind Palamedes schiebt er im Heerlager vor Troja Gold und einen Brief unter, in dem sich der trojanische König für seine Dienste bedankt. Als Spion angeklagt wird Palamedes verurteilt und gesteinigt. Odysseus – rachsüchtig und bösartig wie selten – tritt im Prozess sogar noch als sein Anwalt auf.

Der Wandel des Odysseus vom heimwehkranken Irrfahrer zum verachtenswerten Schuft beginnt im 5. Jahrhundert v. Chr. Die griechischen Tragödiendichter ließen, wie der Dichter Pindar, kein gutes Haar an ihm. Für den Römer Vergil war er der Zerstörer der Heimatstadt des Aeneas, des Stammvaters Roms. Die Metamorphose des Listigen in einen Arglistigen reicht bis in die heutige Zeit. Christoph Ransmayr nennt ihn in seinem 2010 veröffentlichten Drama einen „Verbrecher“. Denn er hat sein Haus zum Schlachthaus gemacht, als er die jungen Männer tötete, die um Penelope warben – und seinen Sohn zum Mittäter machte.

Wie kam es zu dieser Entwicklung der Odysseus-Figur bis heute? Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Werke aus der bildenden Kunst, aus Literatur und Film?

Bei Homer wird Odysseus geweissagt, dass er auf seinem Hof und im Kreis seiner Familie friedlich sterben wird. Diese Idylle passt nicht zu dem Bild des Mannes, der „vieler Menschen Städte geseh’n und Sitte gelernt hat“. So wurde seine Geschichte bereits wenige Jahre später fortgeschrieben. Der von der Langeweile und der Sehnsucht nach neuen Erkenntnissen Geplagte verlässt Ithaka und bricht erneut auf. Um 1300 folgt Dante Alighieri seinen Spuren. Sein Bild wird richtungsweisend für die weitere europäische Literatur, obwohl er nur Vergil und die mittelalterlichen Trojaromane, nicht aber Homer kannte. Dante findet Odysseus auf seinem Weg durch die Hölle und hört dort seine Beichte. Er sei, erzählt er, von Kirke aufgebrochen, „aufgezehrt in meiner Brust/vom heißen Drang, durch alle Länder hin/der Menschen Wert und Narrheit zu erfahren“. So fährt er nach Westen und stößt am Weltenrand auf einen riesigen Berg, das Fegefeuer. Dort versinken er und seine Männer in den Fluten, denn Gott – so das Weltbild im Mittelalter – verdammt die allzu große Wissbegier als die Urschuld Adams und Evas, die Gottes Gebot missachteten und vom Baum der Erkenntnis aßen.

Und doch: Nicht Dantes Sünder blieb im Gedächtnis der Menschen, sondern das von Odysseus angestimmte Hohelied der Sehnsucht nach Wissen. Es wird zum traumhaft schönen Zeugnis des Dranges nach Erkenntnis. Die folgenden Jahrhunderte entdeckten in diesem Odysseus das Idealbild der Entdeckungsfahrer von Kolumbus bis zu den englischen Seefahrern. Und sie verehrten ihn als Abgott der Denker von Kopernikus bis Galilei, die ihrem Erkenntnisdrang keine Grenzen setzen wollten. Kurz: Der wegen seines Hochmuts Verdammte wird zum Heros einer Zeit, die in der Zukunft lag.

Dieses Bild prägte auch das 18. und 19. Jahrhundert. 1842 veröffentlicht der viktorianische Lyriker Alfred Lord Tennyson seinen „Ulysses“. Das Gedicht verzauberte den Mann ohne Maß in den mythischen Ahnherrn des Europäers, in den Führer eines Vorauskommandos des Menschen auf seinem Weg in eine Zukunft, die keine Marksteine kennt. Die letzten Verse des „Ulysses“ stehen nicht zufällig auf dem Grab des Südpolfahrers Robert Falcon Scott in der Antarktis: „Stark im Willen zu streben, zu suchen, zu finden und nicht nachzugeben.“

Im 20. Jahrhundert gab es eine wesentliche Änderung im Odysseus-Bild. Warum ist der Heimkehrer nicht mehr der Held?

Man las noch immer von Irrfahrt, Heimkehr und Welterkundung. Das Glücksgefühl eines Tennyson ging jedoch verloren. Der Italiener Giovanni Pascoli schickt Odysseus auf eine Erinnerungsreise zu den Orten seiner Heldentaten. Doch er findet niemanden wieder, erkennt keinen mehr. Die Kyklopen und Kirke gibt es nicht mehr. Er stirbt am Strand der Insel der Kalypso, die er sieben Jahre geliebt hat; sie findet den Toten und deckt ihn mit ihren Haaren zu.

Der Typus des unglücklichen Heimkehrers wurzelt in den Kriegen des 20. Jahrhunderts. Zu ihren Folgen gehörte, dass viele wie Odysseus erst Jahre nach Kriegsende heimkehrten und sich fragten: Bin ich noch willkommen? Ich bin ein alter Mann, meine Kinder sind groß, die Frau neu verheiratet, die Welt nicht mehr die meine. Nach 1945 wird der Spätheimkehrer, der nicht mehr willkommen ist, für die Odysseus-Rezeption bedeutsam und markiert einen tiefen Einschnitt in der Odysseus-Typologie. Später wird auch der Verbrecher der griechischen Tragödie wiederbelebt. So im Drama Ransmayrs. Darin jagt Penelope den Gatten aus Ithaka fort, weil er den Sohn zum Mörder gemacht hat; Odysseus schleicht sich davon, seine Waffen hinter sich herziehend, mit unbekanntem Ziel.

Sie haben sich viel mit der Figur und der Welt von Jesus Christus beschäftigt. Für Ihr Buch wurden Sie kürzlich ausgezeichnet. Die Christen hatten ihre eigene Literatur. Für sie war Homer kein Vorbild – mit einer Ausnahme: Odysseus. Warum?

Für die Christen war Odysseus der an den Mast gebundene Dulder, der den Lockrufen der Sirenen widersteht. Er schien ihr Schicksal zu teilen: Gefesselt an den (Kreuz-)Mast des Schiffes (der Kirche) fuhren auch sie ihrer ewigen Heimat zu, geplagt von den Versuchungen des Unglaubens und der Lust der Sinne. Vermögende Christen ließen sich in Sarkophagen begraben, die mit dem Bild des Odysseus am Mast geschmückt waren.

Darf ein Held in Filzpantoffeln den Lebensabend genießen? Wie endet die Geschichte?

Ein echter Held, Vorbild für alle, lebt und stirbt wie der Odysseus Dantes. Es gibt aber noch einen ganz anderen Schluss. Der italienische Künstler De Chirico malte eine Figur, die weder mit dem listigen Helden noch mit dem bösartigen Odysseus etwas zu tun hat: Auf einem kleinen Boot rudert er in seinem Zimmer durch eine Wasserlache, vorbei an einem Schrank, einem Stuhl – er hat dieses Zimmer nie verlassen und seine Irrfahrten erfunden. Ein ähnlicher Einfall führte den Franzosen Jean Giono in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem Odysseus, der nichts weiter als ein trunksüchtiger Matrose ist, der in den Hafenkneipen Ithakas herumlungert und Geschichten erzählt, um sich wichtigzumachen. Zu Hause spielt er mit einem Schiffchen in einem Wasserbassin und spinnt den Faden seiner Erzählungen weiter. In diesen Stunden wird die Odyssee geboren …

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Patricia Pätzold

Einen Mitschnitt der Höllerer-Vorlesung 2015 können Sie im Internet nachhören:

www.tu-berlin.de/?12605


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