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Monday, 13. October 2014

Einstein-Professor Michael Joswig über die Inspiration der Fotografie, warum für ihn die Frage nach der Anwendung von Wissenschaft keine Zumutung ist, und welchen Stellenwert Bildung für ihn hat

Lupe

„Geht gleich los“, sagt Michael Joswig, „muss nur noch eine Mail absetzen.“ Die geht, so erfahren wir später, an die Redaktion des Journals „Mitteilungen der DMV“, der Zeitschrift der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Michael Joswig ist zurzeit ihr Herausgeber. Für sie schreibt er, ganz im Gegensatz zu dem sperrigen Titel, launige, kurzweilige Editorials, interviewt die Bundesforschungsministerin, zettelt Diskussionen zur Bildungspolitik an und lässt Cartoons drucken, deren Satire einen Sturm der Entrüstung unter den Lesern auslöst. Und dann ist da noch die Fotografie, der er in den „Mitteilungen“ Raum gibt.

Herr Prof. Joswig, da drängt sich die Frage auf, ob es für Sie noch andere Optionen gegeben hätte, als Mathematik und Informatik zu studieren.

Ja, hat es. Ich habe lange mit Altphilologie geliebäugelt. Aber dann kamen die Computer, und Latein und Altgriechisch hatten das Nachsehen. Und wie Sie schon andeuteten, interessiere ich mich auch für Fotografie. Sehr sogar. Deshalb drucken wir auf der letzten Seite des Journals in der Regel immer ein Foto.

Fotografieren Sie selbst?

Ja. (Michael Joswig geht zum Schrank und kramt sein iPad heraus. Urlaubsbilder ziehen an einem vorbei. Bei einem hält er an, dem weltberühmten Theater in Ephesos.)

Hier sieht man eine natürliche Landschaft, in der nichts inszeniert ist. Sie kontrastiert mit den klaren geometrischen Formen des Architekturdenkmals. Mich inspirieren diese geometrischen Formen. Das fotografiere ich gern. Insofern ist es ein typisches Foto für mich.

Und wozu werden Sie inspiriert?

Tja, das weiß man ja nicht so genau. Als Mathematiker arbeitet man häufig sehr lang an einem mathematischen Problem und oftmals parallel an verschiedenen. Bei manchen bleibt man stecken, aber irgendwie rumort es weiter und manchmal kommt man einen Schritt voran, weil solche geometrischen Formen eine Assoziation in einem ausgelöst haben.

Sie sind Professor für Diskrete Mathematik/Geometrie. Wie würden Sie einem Mathematiker und einem Nicht-Mathematiker erklären, wozu Sie forschen?

Ich würde da keinen Unterschied machen. Meine Interessen liegen an der Grenze zwischen reiner und angewandter Mathematik. Ich möchte Teilbereiche der Mathematik, die traditionell weniger mit Anwendungen assoziiert werden, dafür nutzbar machen. Ich komme aus der reinen Mathematik, habe mich aber im Laufe der Jahre immer mehr für mathematische Anwendungen interessiert und fühle mich an dieser Schnittstelle sehr wohl.

Könnten Sie ein Projekt nennen, an dem Sie arbeiten?

In meinem Team beschäftigen wir uns ganz aktuell mit Problemen des maschinellen Sehens bei der Augenoperationssimulation. Wir glauben, dass wir mit geometrischen Methoden zur Lösung mancher Probleme beitragen können. Hintergrund ist, dass Medizinstudenten durch die Augenoperationssimulation besser ausgebildet werden sollen.

Es gibt Naturwissenschaftler und Mathematiker, auch an der TU Berlin, die reagieren auf die Frage nach der Anwendung ihrer Forschungen zunehmend unwirsch und sagen, wenn sie etwas hätten erfinden wollen, wären sie Ingenieur geworden. Für sie sei die Erkenntnis der zentrale Punkt. Das ist bei Ihnen offensichtlich anders?

Ich kann die Reaktion der Kollegen gut nachvollziehen. Denn zuweilen sieht die Wirtschaft in der Universität so etwas wie einen Bauchladen, bei dem jede Firma vorbeikommen kann und, möglichst billig natürlich, sich ihr Problem lösen lässt. Eine solche Sicht auf universitäre Forschung ist ärgerlich. Erkenntnis steht natürlich auch bei mir an erster Stelle, sonst wäre ich nicht Wissenschaftler geworden, sondern hätte eine Firma für Software mit den Bereichen Entwicklung, Schulung und Beratung gegründet. Vor dieser Entscheidung stand ich auch. Aber ich habe mich bewusst für eine Wissenschaftskarriere entschieden und gegen eine unternehmerische. Dennoch finde ich es interessant, die Reichweite der eigenen Ideen zu testen, und da mache ich vor der Praxis nicht halt.

Sie sind einer von zwölf Einstein-Professoren. Ist diese Professur etwas Besonderes?

Natürlich. Die Einstein Stiftung hat meine Berufung mit viel Geld unterstützt, was die Anschaffung eines speziellen Rechners ermöglichte. Im Rahmen einer normalen Berufung – undenkbar.

Die Besonderheit gründet also in dem vielen Geld?

Ja, wenn Sie so wollen, manifestieren sich Ruhm und Ehre in dem vielen Geld. (Michael Joswig lacht. Sein selbstironischer Unterton ist nicht zu überhören.)

Was heißt für Sie, Professor zu sein?

… ganz der Humboldt’schen Tradition verpflichtet zu sein, also zu forschen und zu lehren. Ob man allerdings wie hier in Berlin neun Stunden Lehre absolvieren muss, sei einmal dahingestellt. Gerade Vorlesungen zu halten zwingt mich, über vermeintlich Feststehendes immer wieder neu nachzudenken. In der Standardisierung und Modularisierung der Studiengänge sehe ich hierbei übrigens eine Gefahr: Sie leisten der Bequemlichkeit – was im Alltag nachvollziehbar ist – Vorschub, die Vorlesung vom letzten Jahr hervorzukramen. Das wird nicht zu besseren, lediglich zu gleichförmigeren Vorlesungen führen.

Gibt es ein gesellschaftliches Problem, das Sie besonders umtreibt?

Ja klar, die Bildungspolitik und da besonders auch die Schulbildung. Aber leider ist das mittlerweile ein vermintes Gelände. Paradebeispiel ist der Streit um das acht- beziehungsweise neunjährige Gymnasium. Nun, am Beispiel der DDR kann man sehen, dass es machbar sein müsste, junge Leute innerhalb von acht Jahren zum Abitur zu führen. Man lässt sich keine Zeit, die Maßnahme fundiert beurteilen zu können, was funktioniert und was nicht. Bevor sie überhaupt greifen kann, wird alles schon wieder über den Haufen geworfen. Und wenn ich es recht bedenke, verbirgt sich auch dahinter der Zwang, alles zu standardisieren und vergleichbar zu machen. Ich halte es nicht für so bedeutend, ob das Abitur in Frankfurt/Main mit dem in Dresden vergleichbar ist. Es sind für mich überwiegend konstruierte Probleme.

Was ist denn für Sie wichtiger?

Bei der ganzen Erbsenzählerei bleibt eins auf der Strecke – Begeisterung für ein Fach zu wecken.

By: Das Gespräch führte Sybille Nitsche

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