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Forschung

Sorgenvolle Solidarität

Dienstag, 08. Dezember 2015

Die jüdischen Gemeinden und die Flüchtlinge – von Stefanie Schüler-Springorum

„Tuet auf die Pforten …“ – der hebräische Schriftzug über dem Hauptportal weist auf die ständige Ausstellung der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ in der Oranienburger Straße hin
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Der Zuzug von Flüchtlingen aus Ländern des Mittleren und Nahen Ostens hat in den jüdischen Gemeinden in Deutschland Sorge über einen „importierten Antisemitismus“ ausgelöst. Gleichzeitig gibt es europaweit auch von jüdischer Seite vielfältige Solidaritätsbekundungen und -aktionen, die sich bewusst auf die eigene Erfahrung berufen; in Deutschland besonders auf die Aufnahme der sogenannten „Kontingentflüchtlinge“, der jüdischen Familien aus der Sowjetunion beziehungsweise den GUS-Staaten zu Beginn der 1990er-Jahre. Kurzum, die Gefühle und Einschätzungen in Bezug auf die Flüchtlinge sind so ambivalent wie in der Gesellschaft insgesamt und doch auch besondere.

Genau darüber, über Ähnlichkeiten und Unterschiede, wurde auf einer Veranstaltung des Zentrums für Antisemitismusforschung diskutiert, die im Rahmen der Reihe „ZfA im Dialog – Gespräche über Ressentiments“ Mitte November in den Räumen des Orange Lab am Ernst-Reuter-Platz stattfand. Allerdings, dies sei nicht verschwiegen, hatte es schon im Vorfeld durchaus interne Diskussionen über dieses Thema gegeben: Ist es überhaupt ethisch und politisch vertretbar, Menschen einer Art virtueller „Gewissensprüfung“ zu unterziehen, die zum einen noch gar nicht in Deutschland angekommen sind und zum anderen oftmals gerade ihr nacktes Leben gerettet haben, seit Wochen frierend vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) stehen und überall in Deutschland Gefahr laufen, Opfer rassistischer Anschläge zu werden?

Doch, das sei es, betonte der Journalist Alan Posner, einer der Diskutanten auf dem Podium: Schließlich seien Juden in Deutschland, dies würde oftmals vergessen, mit gerade einmal 100 000 Gemeindemitgliedern oder 0,2 Prozent der Bevölkerung eine verschwindend kleine Minderheit, die zu Recht darauf beharre, mit ihren Sorgen Gehör zu finden. Seine Gesprächspartnerin Alina Gromova, die als Ethnologin die aktuellen Entwicklungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland beobachtet, fügte hinzu, dass diese Sorgen vor allem, wenngleich nicht nur, in denjenigen Familien stark verbreitet sind, die selbst eine nur kurz zurückliegende Migrationsgeschichte aufzuweisen haben: In welcher Form sich hier tradierte Ressentiments aus der Sowjetzeit mit denen der deutschen Aufnahmegesellschaft mischten oder inwiefern auch eigene Enttäuschungen als Neuankömmlinge in Deutschland – die verweigerte Anerkennung von Berufsabschlüssen zum Beispiel – eine Rolle spielten, wäre ein Thema für weitere Forschungen – und ein nicht ganz unwichtiges, wenn man bedenkt, dass die russischsprachigen Familien immerhin achtzig Prozent der Mitglieder in den jüdischen Gemeinden ausmachen.

Diese Haltung an der Basis stand bislang jedoch in deutlichem Widerspruch zu den Äußerungen der offiziellen jüdischen Vertreter, die sich immer wieder dezidiert für die Aufnahme der Notleidenden ausgesprochen haben und, zum Beispiel aus Anlass des jüdischen Neujahrsfestes im September, auf die jüdische Erfahrung des Exils und die große Bedeutung verwiesen, die der Fürsorge für Hilfsbedürftige in der religiösen Tradition des Judentums zukomme.

Auch am Mitzvah-Tag der jüdischen Gemeinden, einer Art Aktionstag für gute Taten, stand in diesem Jahr die Hilfe für Flüchtlinge im Mittelpunkt, für die sich eben auch zahlreiche Deutsch, Russisch oder Hebräisch sprechende Jüdinnen und Juden hierzulande engagieren. Abraham Lerner, Vizepräsident des Zentralrats, betonte beispielsweise bei seinem Besuch eines Flüchtlingsheims in Köln die religiösen Gemeinsamkeiten von Juden und Muslimen und hob vor allem die muslimische Tradition der Gastfreundschaft hervor, die man sich hierzulande durchaus zum Vorbild nehmen könne.

Die Unterschiedlichkeit der Einstellungen, die hier zum Ausdruck kommt, spiegelt letztlich die Bandbreite der Mehrheitsgesellschaft wider und unterliegt als solche auch den jeweiligen aktuellen Ereignissen. Ende November nun warnte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Joseph Schuster, vor einer unbegrenzten Zuwanderung, da zu befürchten sei, dass dies eine erfolgreiche Integration der Neuankömmlinge in Frage stellen würde. Wer jedoch, wenn nicht Deutschland, sei gerade für diese Aufgabe glänzend gerüstet?, fragte unlängst in einem viel beachteten Zeitungsartikel der Münchner Historiker Michael Brenner. Schließlich blicke man hierzulande auf eine jahrzehntelange Entwicklung der politischen Bildungsarbeit und vor allem der historischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zurück – ein Prozess zudem, der niemals aufhöre, sondern von jeder Generation aufs Neue und immer wieder anders durchlaufen werde.

Antisemitismus ist und bleibt in Deutschland ein Thema der ganzen Gesellschaft und sollte nicht, da war man sich auf dem Podium einig, bequem auf die Neuankömmlinge projiziert werden. Dass solche Prozesse zudem viel Zeit, Personal und finanzielle Mittel benötigen, liegt auf der Hand, aber immerhin kann man hierzulande auf einem beeindruckenden Erfahrungsschatz aufbauen, der, wenn man denn die entsprechenden Ressourcen bereitstellt, durchaus Erfolg versprechend sein kann – solange man die Grundbedürfnisse eines jeden Menschen ebenfalls garantiert: ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Arbeit, Sicherheit und die Hoffnung auf Zukunft.

Die Autorin

Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum ist Leiterin des renommierten Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin

"TU intern" Dezember 2015

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