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Forschung

„Die Welt wackelt gar nicht mehr“

Mittwoch, 13. Mai 2015

TU-Wissenschaftler halfen, dass Dindia Gutmann wieder laufen kann. Am Anfang dieser Geschichte stehen eine mutige Mutter und ein Plakat zur Langen Nacht der Wissenschaften

Mit Hilfe der Apparatur, die Dindia wie eine Weste trägt, kann sie ihre Haltung ständig kontrollieren und lange Strecken wandern. Ihre Mutter Anna Gutmann hatte die Idee
Lupe

Hoffnungen haben die Ärzte Dindia Gutmann nie gemacht. Die Strategie war vielmehr, keine Hoffnungen zu schüren. Dindia ist von Geburt an halbseitig gelähmt, und ihre Kindheit war begleitet von Sätzen wie „Du wirst nie richtig laufen. Irgendwann wirst du im Rollstuhl sitzen müssen.“ Das war vor 15 Jahren.

Mittlerweile ist aus dem Mädchen eine schöne junge Frau geworden, und die Ärzte haben sich vorerst gründlich geirrt. Sie sitzt nicht im Rollstuhl, sondern geht in ihrer Freizeit ausgiebig wandern. Als wir Dindia Gutmann zum ersten Mal treffen, ist sie soeben von einer Tour durch Litauen zurückgekehrt. Jeden Tag war sie bis zu 14 Kilometer unterwegs. Und klettern war sie auch schon. Nach medizinischem Ermessen ist das für Hemiparese-Patienten, so der medizinische Fachbegriff für dieses Leiden, eigentlich eine Unmöglichkeit. Ein Wunder also? „Nein“, sagt die 24-Jährige nüchtern, „kein Wunder, sondern viele Jahre hartes Training mit meiner Mutter und dieser Weste.“

Die Weste ist eine Entwicklung ihrer Mutter gemeinsam mit Wissenschaftlern der TU Berlin. Vielleicht hat sie Dindia Gutmann auch das Leben gerettet. Aber greifen wir der Geschichte nicht vor.

Als Dindias Mutter, Anna Gutmann, beobachtete, dass mit ihrem Baby etwas nicht stimmte, weil es nicht krabbeln wollte, und schließlich Hemiparese diagnostiziert wurde, war das ein Schock. Eine zweite Schockwelle erschütterte die Frau, als die Ärzte sie damit konfrontierten, dass es keine Chance auf Heilung gäbe, weil Gehirnareale auf ewig kaputt seien. Doch dem trostlosen ärztlichen Mantra widersetzte sich Anna Gutmann kategorisch. Das vermeintlich Unvermeidliche zu akzeptieren, dazu war Anna Gutmann nicht vernünftig genug. Sie wollte nicht zusehen, wie ihr Kind mit zehn Jahren depressiv vor dem Fernseher verkümmerte. Denn die Folgen der Lähmung wirkten mittlerweile schwerer als die Lähmung selbst. „Dindia befand sich in einer verheerenden Abwärtsspirale. Da das linke Bein gelähmt ist, wurden die entsprechenden Muskeln nicht aktiviert. Die Folge waren eine schiefe Körperhaltung und falsche Bewegungen. Dies wiederum schädigte Gelenke und Wirbel. Das Laufen fiel immer schwerer. Die spastischen Anfälle mehrten sich. Immer öfter war sie im Krankenhaus“, erzählt Anna Gutmann. Das Mädchen dachte an Selbstmord.

Als die Ärzte das Kind 2001 in die Psychiatrie einweisen wollten, ergriff Anna Gutmann die Flucht. Von einem Tag auf den anderen verließ sie Wien, wo sie damals lebten, Richtung Berlin. Anna Gutmann hatte nichts, als sie an der Spree ankam – kein Geld, keine Wohnung, keine Arbeit –, „nur die Überzeugung, dass mein Kind in keine Anstalt gehört, sondern laufen muss, nichts als laufen“, erinnert sich die Malerin heute.

Die Flucht war ein Teil der Lösung, die Weste der andere. Das kleine schwarze Ding schnallt man sich einfach um. Es besteht aus einer Steuereinheit zum Einstellen der Parameter, einem Messsystem und zwei Elektrodenpaaren, die am linken und rechten Schlüsselbein angebracht werden. Die jetzige Weste ist das Ergebnis einer nunmehr siebenjährigen Zusammenarbeit der beiden Frauen mit der TU Berlin.

Begonnen hat sie 2008. Damals verhakten sich Anna Gutmanns Augen an dem Wort „Medizintechnik“ auf einem Plakat zur Langen Nacht der Wissenschaften. Sie recherchierte und stand irgendwann im Büro von Dr. Wolfram Roßdeutscher. Der wissenschaftliche Mitarbeiter im Fachgebiet Medizintechnik von Prof. Dr.-Ing. Marc Kraft forscht zu Hilfsgeräten für Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Anna Gutmann hatte eine Batterie, eine Taschenlampe und einen Quecksilberschalter, die sie irgendwie miteinander verlötet hatte, mitgebracht und erklärte Roßdeutscher, dass ihre halbseitig gelähmte Tochter damit wieder laufen gelernt habe. Stehe sie schief, löse der Schalter einen Kontakt aus und die Taschenlampe leuchte auf. Dann wisse das Mädchen, dass es seine Körperhaltung korrigieren müsse. Schließlich fragte Anna Gutmann Wolfram Roßdeutscher, ob er sich vorstellen könne, das Gerät zu verbessern.

Unter seiner Leitung begann die Forschung an diesem Projekt. Neue Ansätze wurden ausprobiert und wieder verworfen. Letztlich blieb es bei der Grundidee von Anna Gutmann, über Signale einen Impuls zu geben, die falsche Bewegung zu korrigieren. Biofeedback nennt sich das Verfahren und dient der Korrektur der Wahrnehmung von Körperhaltung und -bewegung im Raum, weil Hemiparese-Patienten es nicht vermögen, die Bewegung der gelähmten Seite bewusst zu steuern. Dindia Gutmann erklärt es so: „Da ich oft schief stand, war meine Welt für mich gerade. Nun musste ich lernen, wie schief ich zu sein hatte, damit ich gerade stand.“ Sobald sie auch nur ein wenig aus dem Lot ist, signalisieren die in die Weste eingearbeiteten Elektroden diese Information mit elektrischen Reizen. Für Dindia Gutmann der „Befehl“, ihren Oberkörper aufzurichten und die Schulter anzuheben. Das muss immer wieder trainiert werden, denn die Lähmung wird immer bleiben. Deshalb heißt das Gerät auch ReMoD – Remember Motion Device, Gerät zur Bewegungskorrektur.

Diese Befehle gehörten zu Dindias Kindheit wie die abendliche Gute-Nacht-Geschichte. Anfangs war es die Mutter, die jeden Schritt von ihr verbesserte. Dann kam Anna Gutmann die Idee, ihre Befehle durch ein Gerät zu ersetzen, und sie bastelte jene abenteuerliche Apparatur zusammen. Und als sich erste Erfolge einstellten und Dindia plötzlich registrierte: „Die Welt wackelt gar nicht mehr“, übernahm sie selbst das Ruder. „Es gab Nächte“, erzählt Anna Gutmann, „da stand sie an meinem Bett und sagte: ,Komm, lass uns üben!‘“ Meter für Meter eroberte sich Dindia die Welt zurück. Sogar die spastischen Anfälle wurden weniger.

Mutter und Tochter haben inzwischen mit Hilfe des Gründungsservice der TU Berlin und des EXIST-Förderprogramms des Bundeswirtschaftsministeriums das Start-up ReMoD gegründet. Seit 2014 werden am Cor nelius-Institut in Solingen unter Leitung von Prof. Dr. Frank Duesberg die Geräte klinisch getestet.

Wolfram Roßdeutscher hat auf vielen Kongressen über ReMoD gesprochen. Anna Gutmann war oft dabei. Nicht selten ist sie besonders von Ärzten gefragt worden, was sie denn dazu befähige, ein solches Gerät zu entwickeln. Sie sagte nicht, dass sie auch Biologie studiert habe, sondern erwiderte nur: „Ich bin Mutter.“ Die Verstörung auf den Gesichtern der Medizinmänner hat sie dann immer ein wenig genossen.

Dindia und Anna Gutmann stellen ReMoD zur „Langen Nacht der Wissenschaften“ im Haus der Ideen/TU-Hauptgebäude vor.

www.lndw.tu-berlin.de

Sybille Nitsche "TU intern" Mai 2015

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