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Forschung

Antisemitismus in Berlin – kontroverse Einschätzungen

Montag, 23. Februar 2015

Michael Kohlstruck und Peter Ullrich über fragliche Polizei-Statistiken, undifferenzierten Sprachgebrauch und die Gefahr der Gruppenstigmatisierung

Seit 1987 erinnert an der Putlitzbrücke in Berlin-Moabit ein Mahnmal an die mehr als 30 000 Berliner Juden, die vom benachbarten Güterbahnhof deportiert wurden. Das Mahnmal war immer wieder Ziel von antisemitischen Anschlägen
Lupe

Herr Kohlstruck, Herr Ullrich, in Ihrer Studie „Antisemitismus als Problem und Symbol. Phänomene und Interventionen in Berlin“ resümieren Sie, dass sich über das Ausmaß von Antisemitismus und dominante Trägergruppen in der Hauptstadt kaum verbindliche Aussagen treffen lassen. Warum gibt es keinen eindeutigen Befund?

Kohlstruck: … weil wissenschaftliche Studien fehlen, die das Ausmaß von Antisemitismus genau erfassen. Was es gibt, sind unterschiedliche Einschätzungen von Polizei und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die in diesem Bereich arbeiten.

Sie sprechen sogar von sich widersprechenden Befunden. Könnten Sie ein Beispiel nennen?

Ullrich: Laut Polizei-Statistik lagen die antisemitischen Straftaten, die mit Gewalt verbunden waren, in den Jahren 2010 bis 2013 jeweils unter zehn Delikten. Zivilgesellschaftliche Akteure wiederum benennen No-go-Areas für Jüdinnen und Juden, wo diese tagtäglich von Gewalt bedroht seien. Das zeichnet dann eher das Bild eines Ausnahmezustandes. Und diese beiden Aussagen widersprechen sich schon.

Wie lässt sich das erklären?

Ullrich: Diejenigen, die diese Einschätzungen treffen, also die Polizei, Bildungseinrichtungen, NGOs, folgen unterschiedlichen Logiken. Die wiederum sind den unterschiedlichen institutionellen Aufgaben und Zielen geschuldet. Anliegen unserer Studie war es deshalb, transparent zu machen, wie die jeweiligen Aussagen zum Ausmaß von Antisemitismus zustande kommen, um diese Disparitäten endlich einmal zu verstehen. Die Polizei-Statistik zum Beispiel erfasst nur, was der Polizei durch Anzeigen oder eigene Ermittlungen zur Kenntnis gelangt und was strafrechtlich relevant ist. Es gibt zudem restriktive Vorgaben und klassifikatorische Probleme innerhalb des polizeilichen Erfassungssystems. Wenn man die Polizei-Statistik für das Abbild der Realität nimmt, führt dies zu einer systematischen Unterschätzung des Antisemitismus.

Kohlstruck: Bei manchen zivilgesellschaftlichen Akteuren mangelt es zum einen an einem klaren Begriff von Antisemitismus. Zum anderen wird mit sehr unterschiedlichen Kriterien gearbeitet. Es gibt diese bilanzierenden Einschätzungen wie „antisemitischer Vorfall“, ohne dass der konkrete Sachverhalt beschrieben würde. Es fehlen definierte, einheitliche Raster der Erfassung. Ein solches systematisches Monitoring wäre aber notwendig, um manchen Eindruck mit wirklichem Wissen zu unterlegen, damit das Problem Antisemitismus in Berlin fundiert dargestellt werden kann.

Diese Unschärfe zeigt sich auch darin, dass, wie Sie schreiben, die polizeilichen Daten nur schwache Indizien für eine relativ große Bedeutung muslimischer oder migrantischer Tatverdächtiger liefern. In der öffentlichen Berichterstattung über Antisemitismus nähmen sie jedoch einen immer prominenteren Platz ein. Ist das nun Verharmlosung oder Hysterie?

Kohlstruck: Wir wissen nicht, wie hoch der Anteil antisemitisch eingestellter junger Muslime ist. Das haben wir nicht untersucht, weil es nicht Anliegen der Studie war. Wir haben uns aber den Diskurs über antisemitische junge Muslime angeschaut und da setzen wir ein großes Fragezeichen dahinter. Es ist hochproblematisch, Antisemitismus mit der Religion, also mit dem Islam zu begründen. Dann ist man wieder bei der Stigmatisierung einer ganzen Gruppe. Deshalb raten wir eher davon ab, Bildungsangebote zu entwickeln, die sich speziell nur an eine Gruppe richten – nach dem Schema: Russlanddeutsche brauchen Gewalt-, Muslime Antisemitismusprävention.

Ullrich: Wenn auf dem Schulhof „Jude“ als Schimpfwort verwendet wird, ist das eindeutig ein antisemitisches Phänomen, aber ob sich dahinter ein geschlossenes antisemitisches Weltbild verbirgt oder dies eher Ausdruck einer unreflektierten Jugendkultur ist, in der es von diskriminierenden Schimpfwörtern nur so wimmelt, muss geklärt werden. Wir plädieren deshalb dafür, genau zu beschreiben, worum es sich handelt, und nicht alles undifferenziert unter einem Schlagwort zu subsumieren. Denn dieser Vorwurf schließt einen jungen Menschen sofort aus und pädagogische Prozesse werden äußerst erschwert.

Das Interview führte Sybille Nitsche

 

Die Studie von Dr. Michael Kohlstruck und Dr. Dr. Peter Ullrich ist am Zentrum für Antisemitismusforschung unter Leitung von Prof. Dr. Werner Bergmann entstanden. Die Untersuchung wurde durch die Landeskommission Berlin gegen Gewalt gefördert. Download des Berichts:

http://bit.do/ASB

"TU intern" Februar 2015

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