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Forschung

Jahrhundertealtes Feindbild

Freitag, 16. Mai 2014

Von allen Minderheitsgruppen wird den Sinti und Roma die geringste Sympathie entgegengebracht

Auch der aktuelle Europawahlkampf nutzt Vorurteile: Plakat der NPD, gesehen in Berlin-Kreuzberg
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Dieses Foto eines blonden Mädchens in einer Roma-Familie ging durch die ganze Welt und bestätigte stereotype Denkmuster: Die Polizei und die internationale Presse vermuteten eine Kindesentführung. Der später erfolgten Richtigstellung wurde nicht mehr so v
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Der Autor Wolfgang Benz
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Zum Themenjahr gegen Rassismus 2014 gab die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Studie in Auftrag, die erstmals die Einstellung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Sinti und Roma zum Gegenstand hat. Die Anregung kam vor Jahren auf Initiative von Romani Rose (Zentralrat Deutscher Sinti und Roma) aus dem Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin (Peter Widmann), realisiert wurde der Auftrag der Antidiskriminierungsstelle von Mitarbeitern des Zentrums für Antisemitismusforschung und des Instituts für Vorurteils- und Konfliktforschung e.V. Grundlage der Studie war eine repräsentative Befragung durch Forsa, ausgewertet wurde sie von Dr. Miriam Bistrovic und Joachim Krauß, beraten von Dr. Brigitte Mihok. Die Ergebnisse der Untersuchung „Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung. Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma“ sollen im Herbst veröffentlicht werden.

Die Studie belegt, dass Sinti und Roma von allen Minderheitsgruppen die geringste Sympathie entgegengebracht wird, sie zeigt aber auch ein erschreckendes Maß an Gleichgültigkeit und Unwissen über die Verfolgung unter nationalsozialistischer Ideologie. Unbekannt ist der Mehrheit auch, dass die Minderheit in Deutschland entgegen dem herrschenden Ressentiment zum größten Teil voll integriert ist. Vorurteile und Feindbilder beherrschen aber weiterhin das Bild der ungeliebten Bevölkerungsgruppe, neu genährt durch Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien, die pauschal als „Zigeuner“ wahrgenommen werden. Überlieferte Ängste vor der angeblich wesenseigenen Kriminalität, vor vermuteten archaischen Gewohnheiten und Gebräuchen stempeln die Migranten in Bausch und Bogen zu Asozialen, Betrügern, Dieben und Gewalttätern.

Die Inszenierung der rechtslastigen Zürcher „Weltwoche“, die vor zwei Jahren Empörung auslöste, war besonders drastisch, unterschied sich aber in der Methode nicht weiter von der hämischen und denunziatorischen Berichterstattung, mit der Roma medial insgesamt stigmatisiert werden.

Erschreckendes Maß an ­Gleichgültigkeit und Unwissen

Der Artikel „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz“ war als Kriegsberichterstattung angelegt. Das Titelbild zeigt das Foto eines kleinen Jungen, der mit einer Pistole auf den Betrachter zielt. Das Kind suggeriert das Bild des jugendlichen Roma-Kriegers als Teil einer bedrohlichen Streitmacht, deren sich die Schweiz kaum erwehren kann. „Sie kommen, klauen und gehen“ lautet die Überschrift, und die Zusammenfassung des Kriegstagebuchs besteht aus der Botschaft: „Osteuropäische Roma-Sippen sind zu einem großen Teil für den wachsenden Kriminaltourismus verantwortlich. Sie schicken Frauen auf den Strich und Kinder zum Betteln.“ So wenig die in düsteren Farben gemalten Schreckensbilder die Realität zeigten, so frech war auch das Titelfoto manipuliert. Der Fotograf protestierte vehement gegen die Art der Verwendung, das Bild war im Kosovo aufgenommen worden und hatte mit Schweizer Ängsten, die damit geschürt wurden, nicht das Geringste zu tun.

Panikmache hat Konjunktur, etwa mit dem Slogan, es finde eine räuberische „Einwanderung in die Sozialsysteme“ statt mit ruinösen Folgen für die Mehrheitsgesellschaft. Voyeuristische Bilder und Reportagen aus Elendssiedlungen in der Slowakei, Rumänien oder Bulgarien und Berichte über armselige Zuwandererquartiere in Duisburg oder Dortmund sollen den Abscheu festigen, der im Ruf nach Abschiebung gipfelt. Rechte und rechtspopulistische Parteien haben das Thema in Beschlag genommen und hoffen auf Stimmen geängstigter Bürger. Sozialstatistiken und seriöse Untersuchungen, zuletzt der Bericht eines von der Bundesregierung eingesetzten Ausschusses von Staatssekretären, verweisen die bösen Zuschreibungen an die „Armutsmigranten“ zwar ins Reich der Fantasie, aber Feindbild und Vorurteil sind trotzdem nachhaltig wirksam.

Ein Lehrstück für die Zählebigkeit des Vorurteils und für die stereotypengeleitete Wahrnehmung von Minderheiten durch die Mehrheit war der „Fall Maria“. Griechische Polizisten hatten bei einer Routine-Razzia in einer Roma-Siedlung am Rand der Stadt Farsala ein kleines Mädchen entdeckt. In der Tagespresse wurde die Begebenheit als Sensation aufgezogen: „Die Fahnder suchten vor allem nach Drogen. Die fanden sie. Sie fanden auch Waffen. Und dann fanden sie die kleine Maria. Das Mädchen lugte unter einer Wolldecke hervor. Hellblondes Haar, grüne Augen – den Polizeibeamten war schnell klar: Das konnte kein Roma-Kind sein.“
Der internationalen Presse, vom Berliner Tagesspiegel bis zur New York Times, war es ebenso klar. Das Foto des Mädchens ging durch die ganze Welt: „Die vierjährige Maria wurde am Wochenende von griechischen Polizisten aus den Händen einer Roma-Familie befreit. Die Familie steht im Verdacht, das Kind entführt zu haben, und verwickelt sich in Widersprüche.“ Mitgeteilt wurde auch, dass der 39-jährige Mann ein umfangreiches Vorstrafenregister habe und dass die Großfamilie Kindergeldbetrug im großen Stil betreibe. Es wurde gehöhnt, der durch falsche Papiere dokumentierte Kindersegen des Paares müsse auf einem biologischen Wunder beruhen. Von weit verbreitetem Sozialbetrug war die Rede und davon, dass „die Roma-Frau“ „besonders dreist vorgegangen“ sei. Das jahrhundertealte Feindbild schien bestätigt: Zigeuner, die ohnehin kriminell sind, stehlen Kinder, sind dreist und manchmal „besonders dreist“, leben im kriminellen Milieu und betätigen sich grundsätzlich unredlich.

Medien und Politik instrumenta­lisieren die Immigranten

Wenige Tage später stieß polizeilicher Eifer auch in Irland auf ein blondes Kind in einer Roma-Familie. Der irische Fall war schneller geklärt als der griechische: Der DNA-Test erwies, dass alles mit rechten Dingen zuging. Die mediale Aufregung war aber bereits geschürt, da Sensationen eilbedürftig sind. Auch der Fall Maria war dann bald kein Ereignis mehr. Denn es hat keine Kindsentführung gegeben. Aber die normative Kraft des Vorurteils hat sich wieder einmal bestätigt. Das Publikum wurde mit stereotypen Denkmustern bedient. Der Diskriminierung der größten Minderheit, die in Europa lebt, war ein neues Kapitel hinzugefügt, gleichzeitig wurde die Wirkung des fortwährenden Ressentiments der Mehrheit gegenüber einer Minderheit demonstriert.

Die Metaphern des Schreckens, der Menschen in gesicherten Verhältnissen plagt, lauten „Armutsmigration“, „Sozialtourismus“, „Unterwanderung“, „Überfremdung“, „Plünderung der Sozialsysteme“, „Sozialbetrug“ usw. Als Inkarnation der Bedrohungsängste werden derzeit Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien gesehen, die meist mit Sinti und Roma gleichgesetzt werden. Die uralte Furcht vor „den Zigeunern“, konnotiert mit Eigentumsdelikten, Gewalttaten, Unsauberkeit, Aggression, Barbarei und anderen Übeln, findet ihren Kristallisationspunkt in der unerwünschten Minderheit. Die traditionelle Ausgrenzung der einheimischen Minderheit geht Hand in Hand mit der Abgrenzung gegen Zuwanderer mit gleichem ethnischen Hintergrund. Die Klischees vom „Zigeuner“ haben den Boden seit Generationen bereitet, die neuen Bilder der Elendssiedlungen, aus denen sie kommen, und der Armut, in der sie an den Rändern der Städte bei uns leben, sind nahtlos anschlussfähig.

Medien und Politik agieren mit den Bildern der Immigranten, beschreiben mit negativem Vorverständnis die Situation der Zuwanderer, stellen deren Motive den Interessen der Gesellschaft gegenüber, instrumentalisieren die Immigranten, gestalten ihr Feindbild. So fehlen in kaum einem Bericht der Tadel über „aggressives Betteln“ oder vermutete Bräuche der ungeliebten Zuwanderer, Hinweise auf die „Klau-Kids“, räuberische Jugendbanden, organisierte „Zigeunerkriminalität“ oder wenigstens ungebührlichen Umgang mit Unrat oder Lärmbelästigung. Die Vorurteilsforschung hat mit den Ängsten der Mehrheit vor der immerwährenden Bedrohung durch wechselnde Minderheiten ein weites Arbeitsfeld.

Autor

Prof. Dr. Wolfgang Benz leitete von 1990 bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Von ihm erscheint im Herbst 2014 im Metropol Verlag das Buch „Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit. Struktur und Wirkung des Vorurteils ,Antiziganismus‘“.
 

 

 

 

 

"TU intern" Mai 2014

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