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Forschung

Nachgefragt bei Prof. Dr. Georg Erdmann: Wie kommt die Energiewende voran?

Freitag, 16. Mai 2014

Unabhängige Expertenkommission zieht gemischte Bilanz

Prof. Dr. Georg Erdmann, Leiter des Fachgebiets Energiesysteme an der TU Berlin und Mitglied der Expertenkommission
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Spezialbagger im Braunkohletagebau Hambach
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Herr Professor Erdmann, die Bundesregierung überwacht mit regelmäßigen Monitoring-Berichten „Energie der Zukunft“ den Fortschritt der Energiewende. Die Expertenkommission, der Sie angehören, begleitet den Prozess. Was ist Ihre Aufgabe?

Wir geben Empfehlungen zur Durchführung des Monitorings, zum Beispiel zur Methodik. Aus unserer Sicht stehen zwei Oberziele im Vordergrund: Senkung der Treibhausgasemissionen um mindestens 80 Prozent bis zum Jahr 2050 und Ausstieg aus der Kernenergienutzung bis Ende 2022. Nachgelagert sind viele weitere Ziele, beispielsweise zur Energieeffizienz und zur Gebäudesanierung. Wir begutachten die von der Regierung vorgeschlagenen Indikatoren und schlagen auch selbst Indikatoren vor. Insbesondere zur Beurteilung der Versorgungssicherheit, der Umweltverträglichkeit und der Bezahlbarkeit.

Und wie beurteilt die Expertenkommission die Kostenseite?

Wir haben vorgeschlagen, hier nicht die einzelnen Energiepreise, sondern die energiewirtschaftliche Gesamtrechnung als Indikator zu verwenden. Sie gibt Auskunft darüber, wie viel die Letztverbraucher für Elektrizität, Wärme und Treibstoffe ausgeben müssen. Beispielsweise schlägt die Förderung der erneuerbaren Elektrizitätserzeugung derzeit mit 17 Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr zu Buche. Viele Unternehmen werden von diesen Belastungen befreit. Was ist aber mit den Armutshaushalten? Das betrifft Verteilungsfragen, mit denen wir uns in diesem Jahr erstmals besonders intensiv auseinandergesetzt haben. Sie werden wohl auch in den zukünftigen Berichten eine Rolle spielen.

Welchen Einfluss hat die Kommission?

Wir fühlen uns sehr ernst genommen. Die Bundesregierung diskutiert unseren Bericht und informiert uns darüber. Einige unserer Vorschläge wurden bereits von der Bundesregierung aufgegriffen. Wir erhalten auch eine Rückkopplung, wenn und warum einzelne unserer Vorschläge vorerst nicht umgesetzt werden. Andererseits lässt uns die Bundesregierung ungestört arbeiten. Wir bekamen von den zuständigen Ministerien keine Vorgaben oder Einschränkungen für unsere Analysen.

Welche Hauptbilanz ziehen Sie in Ihrer Stellungnahme?

Unsere Bilanz zum Fortschritt der Energiewende ist gemischt. Die erneuerbaren Energien, deren Anteil am Primär-Energieverbrauch bis 2020 auf 18 Prozent gesteigert werden soll, entwickeln sich entlang des Zielpfads. Umgekehrt sind die deutschen Treibhausgasemissionen in den vergangenen zwei Jahren nicht mehr weiter gesunken. Es droht damit die Verfehlung des Minderungsziels von 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990. Wir empfehlen daher, neben Anstrengungen in den Bereichen Haussanierungen, Verkehr und Industrie, auch eine aktive Beteiligung an einer strukturellen Reform des europäischen Emissionshandels.

Gibt es noch die Chance, das 40-Prozent-Ziel zu erreichen?

Das Ziel wurde im Jahr 2010 gleichzeitig mit der Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke festgelegt und übersteigt die zuvor mit der EU vereinbarte Reduktion von 30 Prozent bis 2020. Im Frühjahr 2011 kam dann der Beschluss zum Kernenergieausstieg. Jedoch gab es keine ergänzende Entscheidung über zusätzliche klimapolitische Maßnahmen, die den Wegfall der klimafreundlichen Kernenergie kompensieren könnten. Hinzu kommt, dass der unerwartet stürmische Ausbau der erneuerbaren Elektrizitätserzeugung die Wirtschaftlichkeit der Gaskraftwerke stark beeinträchtigt und hier die Ersatzinvestitionen behindert. An dieser Stelle wie auch bei Maßnahmen zur Energieeffizienz müsste deutlich nachgebessert werden.

Im Verkehrsbereich wurde 2012 der vorgegebene Anteil regenerativer Kraftstoffe von 6,25 Prozent ebenfalls verfehlt. Und der Biokraftstoff steht mittlerweile in der Kritik …

Die Kritik betrifft vor allem die Biokraftstoffe der ersten Generation, weil sie nur relativ geringe ökologische Vorteile bieten, wenn überhaupt. An Biokraftstoffen der zweiten Generation wird derzeit geforscht, allerdings sind die entsprechenden Technologien noch nicht marktreif. Was könnte man alternativ tun? Soll es die Elektromobilität sein, muss man sich darum kümmern, dass der Ladestrom überwiegend aus erneuerbaren Quellen stammt. Sollen es Windpower-to-Gas-Technologien sein, muss unter anderem die Betankungsinfrastruktur entwickelt werden. Als Biokraftstoff könnte dann auch Biomethan eingesetzt werden. Wir sehen allerdings in diesem Fall Flächennutzungskonflikte. Schon heute nimmt die Energieversorgung bereits fast zehn Prozent der Fläche Deutschlands in Anspruch.

Beim Punkt Versorgungssicherheit haben Sie mögliche Engpässe entdeckt, vor allem südlich des Mains. Hat Deutschland ein Problem?

Verglichen mit den meisten anderen Ländern gibt es in Deutschland nur sehr wenige Stromunterbrechungen. Doch die Elektrizitätsnetze werden nicht überall nach den Anforderungen der steigenden Erzeugung erneuerbarer Energien ausgebaut. In Süddeutschland werden demnächst etliche Kernkraftwerke abgeschaltet. Dort werden derzeit jedoch keine Ersatzkraftwerke gebaut, die zu windschwachen Abend- und Nachtstunden die Versorgungslücke schließen könnten, weil die Wirtschaftlichkeit fehlt.

Wie sehen Sie die Rolle von Gaskraftwerken vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise?

Es ist fraglich, ob die in Süddeutschland notwendigen Gaskraftwerke in den kommenden Jahren durch die über die Ukraine laufenden Pipelines sicher versorgt werden können. Aber es gibt insgesamt eine gut ausgebaute Gasinfrastruktur, inklusive Gasspeicher. Die liegen zwar überwiegend in Norddeutschland, doch mit dem Ausbau von Pipeline-Kapazitäten Richtung Süddeutschland würden sie ihre Versorgungsaufgabe auch südlich der Mainlinie erfüllen können. Allerdings sind entsprechende Investitionen teuer. Schon heute klagen insbesondere viele private Haushalte über die hohen Gaspreise. Wenn redundante Gaspipeline-Kapazitäten errichtet werden sollen, würde das wohl einen zusätzlichen Kostenauftrieb im Wärmemarkt verursachen. Das kommt bei den privaten Verbrauchern an, hat aber mit der Energiewende eigentlich nichts zu tun. Hier ist der Bundesregierung eine gute Öffentlichkeitsarbeit anzuraten, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold


Das Expertenteam

Die Bundesregierung hat eine Kommission aus vier unabhängigen Energieexperten berufen, die jährlich eine Stellungnahme zum Entwurf des Monitorings-Berichts abgibt, um diesen wissenschaftlich einzuordnen und zu bewerten. Sie gibt Empfehlungen für die Durchführung des Monitorings, schlägt Indikatoren und mögliche weitergehende Forschungsaufgaben vor und erstellt aus der Beobachtung der Märkte eine energiewirtschaftliche Gesamtrechnung. Zur Kommission gehören:

Prof. Dr. Andreas Löschel: Vorsitzender der Kommission, Professor für Umwelt- und Ressourcenökonomik an der Universität Heidelberg und Leiter des Forschungsbereichs „Umwelt- und Ressourcenökonomik, Umweltmanagement“ am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW) in Mannheim

Prof. Dr. Georg Erdmann: Leiter des Fachgebiets Energiesysteme an der TU Berlin am Institut für Energietechnik, Fakultät III Prozesswissenschaften

Prof. Dr. Frithjof Staiß: Mitglied des Vorstands des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg in Stuttgart

Dr. Hans-Joachim Ziesing: Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V. in Berlin

Der Monitoring-Bericht „Energie der Zukunft“

Am 8. April 2014 verabschiedete das Bundeskabinett den vom Bundesminister für Wirtschaft und Energie Sigmar Gabriel vorgelegten zweiten Monitoring-Bericht „Energie der Zukunft“. Er soll einen Überblick über die Fortschritte und Herausforderungen bei der Umsetzung der Energiewende in den Bereichen Energieeffizienz, Erneuerbare Energien, Kraftwerke, Stromnetze, Treibhausgasemissionen und Energiepreise geben. Damit überprüft die Bundesregierung laufend die Umsetzung ihres Energiekonzeptes von 2010, das die sogenannte „Energiewende“ herbeiführen soll. Der umfassende Bericht betrachtet die Entwicklungen in den Bereichen Strom, Wärmeenergie sowie Effizienz in Industrie, Gebäuden, Haushalten und Verkehr. Der Bericht und die Stellungnahme des Expertenteams sollen jedes Jahr erneuert werden. Downloads des kompletten Berichts sowie der Stellungnahme des Expertenteams (Vollversion und Zusammenfassung) stehen im Internet zur Verfügung. Bürgerinnen und Bürger, Institutionen und Verbände sind aufgefordert, sich bis zum 8. Juni 2014 mit ihrer Meinung an einer Online-Umfrage zu beteiligen.

Die Leitindikatoren der Stellungnahme zum Monitoring-Bericht

Neben den Indikatoren der Bundesregierung, denen ein quantitatives Ziel im Energiekonzept gegenübersteht, empfiehlt die Expertenkommission nun einen erweiterten Ansatz. Sie möchte auch nichtquantitative Ziele betrachten wie Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit – jenseits der Treibhausgasemissionen – der Energieversorgung sowie auch die Akzeptanz und die gesellschaftlichen Auswirkungen der Energiewende. Sie schlägt die Nutzung von zehn Leitindikatoren für fünf verschiedene Dimensionen der Energiewende vor (siehe nebenstehende Grafik).

www.bmwi.de

www.bundesnetzagentur.de

"TU intern" Mai 2014

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