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TU Berlin

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Forschung

Mitbestimmung ist wichtiger als Ökostrom

Freitag, 17. Januar 2014

Überraschende Ergebnisse einer Wählerbefragung zu kommunalen Stadtwerken

Regional gewonnener Ökostrom war eine der Forderungen des Berliner Energietisches. Die Stadt bietet viel Potenzial, wie hier über den Dächern des TU-Euref-Campus
Lupe

Die Vermittlung von Strompreisen und die Vermarktung von Energie werden heute für Politik und Wirtschaft immer mehr zur Herausforderung. Was sich dabei bemerkbar macht, nennen die Wissenschaftler ein „Commodity-Phänomen“, das bei Kunden zu besonders sensibler Preiswahrnehmung führt, wenn andere Unterscheidungsmerkmale eines Produkts nicht erlebbar sind.

„Strom kommt für die Menschen bei uns aus der Steckdose. Er ist immer da. Versorgungslücken kennen wir nicht mehr. Dennoch handelt es sich um ein technisch höchst anspruchsvolles Produkt, dessen Komplexität den wenigsten Menschen im Alltag bewusst ist“, erklärt Markus Graebig die Anwendung dieses Begriffs auf die Energiewirtschaft. Die Vermittlung von technologischen Hürden der Beschaffung oder gar höheren Preisen kämpfe dabei heute mit einem Akzeptanzproblem.

Dipl.-Ing. Markus Graebig ist Wissenschaftler bei Prof. Dr. Georg Erdmann, im Fachgebiet Energiesysteme der TU Berlin, das sich Energiemärkten an der Schnittstelle von Technik, Wirtschaft und Politik widmet. Er forscht derzeit über Alleinstellungsmerkmale von kommunalen Stadtwerken. Die Forderung nach einem solchen, beziehungsweise nach dem Rückkauf der vor Jahren an den Vattenfall-Stromkonzern verkauften Stromnetze in Berlin, hatte im November 2013 zu einem Volksentscheid geführt, der an dem erforderlichen Quorum von 25 Prozent „Ja“-Stimmen, bezogen auf alle Wahlberechtigten, knapp scheiterte. Im Rahmen seiner Forschung hatte Markus Graebig die Gelegenheit genutzt, mit Unterstützung von 27 Studierenden eine repräsentative Befragung in den Wahllokalen aller Berliner Bezirke durchzuführen, an der rund 2000 Menschen teilnahmen. „Die Ergebnisse sind allerdings nicht repräsentativ für die Berliner Gesamtbevölkerung“, schränkt Graebig ein, schließlich habe man keine Nicht-Wähler befragt. Mitbestimmung in einem neu zu etablierenden Stadtwerk, so das wichtigste Ergebnis, rangiert bei den Wählern sehr hoch. Ökologische Argumente spielten dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle. „Die Forderung nach Partizipation spiegelt sehr genau den modernen Trend, Akzeptanzfragen in der Energieversorgung ernster zu nehmen“, so Graebig, und der Wissenschaftler empfiehlt: „Energieversorger sollten künftig Wege finden, das Bedürfnis ihrer Kunden nach Mitbestimmung und Transparenz zu befriedigen, wenn sie auf mittlere Sicht die Akzeptanz der Öffentlichkeit erhalten möchten.“

Je niedriger das Einkommen, desto höher war im Übrigen der Zuspruch zum Stadtwerk, während Stadtwerk-Gegner bei der Abstimmung, tendenziell aus höheren Einkommensschichten, ihre Sorgen um die Finanzen und die Umsetzungskompetenz Berlins sowie um unkalkulierbare Risiken äußerten. Von Stadtwerke-Befürwortern waren unter anderem Sozialtarife, kostenlose Energiesparberatungen sowie finanzielle Unterstützung bei energiesparender Sanierung gefordert worden. Dass der regional hergestellte Ökostrom dagegen eine untergeordnete Rolle spielte, hat selbst die Wissenschaftler überrascht, denn die Befürworter kamen überwiegend aus dem linken und dem grünen Spektrum. Dennoch passe das zu dem Commodity-Phänomen, das man auch in ökologisch eher problembewussten Bevölkerungskreisen beobachten könne, so Graebig: „Jeder kann im Supermarkt sehen, dass Menschen für Bio-Lebensmittel bis zu 50 Prozent mehr ausgeben. Für Ökostrom gerade mal fünf Prozent, oftmals weniger.“

Aufgrund der sehr umfangreichen Antworten in den vielen Freitext-Elementen dauert die detaillierte Auswertung noch an. Es können, so Markus Graebig, noch viele weitere Analysen und Korrelationen auf Basis der verfügbaren Datensammlung gewonnen werden. Interesse daran aus Politik und Wirtschaft sei bereits da. „In jedem Fall“, so empfiehlt der Wissenschaftler Markus Graebig auf der Grundlage seiner Forschung, „sollten unsere Ergebnisse für die Entscheidungsträger in Unternehmen und Politik Anlass sein, ihre Strategien zur Gestaltung der Energieversorgung und zum Umgang mit dem Partizipationsbedürfnis der Öffentlichkeit zu überdenken.“

T 030/314-2 81 63

Patricia Pätzold "TU intern" Januar 2014

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