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TU Berlin

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Hochschulpolitik

Kampf um Professorenstellen

Freitag, 17. Januar 2014

Die Karrierebedingungen an deutschen Hochschulen schüren bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der „Generation35plus“ Existenzängste und konterkarieren die Attraktivität des deutschen Wissenschaftssystems

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Christiane Funken
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Von Prof. Dr. Christiane Funken und Jan-Christoph Rogge

Befristete Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft haben „in den letzten Jahren ein Maß erreicht, das Handlungsbedarf entstehen lässt.“ So steht es im Koalitionsvertrag von Union und SPD für die kommende Legislaturperiode. Dieser Problemdiagnose wird ein paar Sätze später eine wolkige Absichtserklärung nachgeschoben: „Wir wollen für den wissenschaftlichen Nachwuchs planbare und verlässliche Karrierewege schaffen.“ Was das am Ende bedeutet, ist noch nicht ausgemacht. Dass dringender „Handlungsbedarf“ tatsächlich besteht, zeigen nachdrücklich die Ergebnisse der Studie „Generation 35plus“, die am Institut für Soziologie der TU Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Christiane Funken und Mitarbeit von Sinje Hörlin und Jan-Christoph Rogge durchgeführt wurde. Über 50 Führungskräfte und Hochqualifizierte aus Wirtschaft und Wissenschaft im Alter zwischen 30 und 40 wurden nach ihren bisherigen Berufserfahrungen und ihrer weiteren Karriereplanung befragt. Bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind die massiv verschlechterten und unberechenbaren Karrierechancen das beherrschende Thema in den Interviews. Sie alle sind Forscherinnen und Forscher mit Leib und Seele; den mittlerweile unzumutbaren Belastungen und Existenzängsten haben viele aber nichts (mehr) entgegenzusetzen. Nur wer starke wissenschaftliche Förderung durch einflussreiche Mentorinnen und Mentoren sowie kontinuierliche Unterstützung aus dem privaten Umfeld erfährt – Merkmale, die übrigens nach wie vor eher auf Männer als auf Frauen zutreffen –, kann das einzig mögliche Karriereziel der Professur selbstbewusst und hoffnungsfroh verfolgen. Die meisten sind hingegen von einem Gefühl der Aussichts- und Ausweglosigkeit getrieben, sodass sie trotz enormer Selbstzweifel und höchst fatalistisch die Professur anstreben (müssen) oder aber den kurz- bis mittelfristigen Ausstieg aus der Wissenschaft einkalkulieren. Für die deutsche Wissenschaftspolitik ist das ein erschütterndes Zeugnis. Schließlich ist es ihr erklärtes Anliegen, die Attraktivität der wissenschaftlichen Karriere in Deutschland zu steigern, um im internationalen Wettstreit um die „besten Köpfe“ bestehen zu können, und die Chancengerechtigkeit von Männern und Frauen zu verbessern. Erreicht wurde bislang das Gegenteil.

Unberechenbare und unwahrscheinliche wissenschaftliche Karrieren

Hierzu ein kurzer Blick in die Hochschulstatistik: Auch wenn die markante Trennung von berufenem und nichtberufenem Personal seit je ein Kernmerkmal des deutschen Modells wissenschaftlicher Karriere ist, so hat sich doch das zahlenmäßige Ungleichgewicht zwischen den beiden Gruppen in jüngster Zeit drastisch vergrößert. Von 2003 bis 2011 stieg die Zahl der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an deutschen Universitäten um fast 40 000, die Zahl der Professuren (ohne Juniorprofessuren) hingegen ist unterdessen nur um 460 gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Quote des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses an Universitäten in einer unbefristeten Vollzeitbeschäftigung von 20,2 auf 12,7 Prozent gesunken. Diese Stellen sind beziehungsweise waren jedoch der einzige Weg, langfristig im deutschen Wissenschaftssystem zu verbleiben, ohne eine Professur anzustreben und ohne sich von Projekt zu Projekt hangeln zu müssen. Die radikale Zuspitzung der Monodirektionalität macht wissenschaftliche Karrieren in Deutschland nicht nur äußerst unberechenbar, sondern auch höchst unwahrscheinlich.

Wettbewerbsfähigkeit nach außen und Wettbewerbsintensivierung nach innen Die Verschärfung des Wettbewerbs im deutschen Wissenschaftssystem wird mit dem wissenschaftspolitischen Ziel der Qualitätssicherung begründet. Dahinter steht die Überzeugung, dass internationale Wettbewerbsfähigkeit nur durch nationale Wettbewerbsintensivierung erreicht werden kann. Die neue Prämisse der deutschen Wissenschaftspolitik scheint zu lauten: Je stärker der Wettbewerb, desto besser die Leistungen. Von diesem neuen Mantra sind nicht nur die Hochschulen und Forschungseinrichtungen betroffen, die die neue Ausrichtung der deutschen Wissenschaftspolitik spätestens mit der Exzellenzinitiative zu spüren bekamen, sondern auch die einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Die (vermeintlich) Besten sollen sich im Wettbewerb um Forschungsmittel und (Projekt-)Stellen durchsetzen und so zu neuen Höchstleistungen animiert werden.

Ob diese Rechnung tatsächlich aufgeht, ist aber fraglich. Dies demonstrieren die Ergebnisse unserer Studie eindrücklich. Denn in Zeiten des demografischen Wandels und des prognostizierten Fachkräftemangels, also in Zeiten, in denen Bildung, Wissenschaft und Forschung – um abermals den Koalitionsvertrag zu zitieren – als Grundlage dafür angesehen werden, „Teilhabe, Integration und Bildungsgerechtigkeit zu verwirklichen und unseren Wohlstand auch für künftige Generationen zu erhalten“, in diesen Zeiten manövriert sich die deutsche Wissenschaftspolitik in ein folgenschweres Steuerungsparadox hinein: Die angestrebte Attraktivität des Wissenschaftsstandortes Deutschland wird durch die eingesetzten politischen Mittel (Verschärfung des Wettbewerbs in monodirektionalen Strukturen) systematisch konterkariert.

Das Steuerungsparadox im deutschen Wissenschaftssystem

Der drastisch verschärfte, psychisch und physisch belastende Kampf um die unverhältnismäßig raren Professorenstellen vermindert die Attraktivität des wissenschaftlichen Berufswegs in Deutschland, so unsere Interviewpartnerinnen und -partner übereinstimmend. Sodann sind die Vorzüge wissenschaftlicher Arbeit – geistige Freiheit, tiefgehende intellektuelle Auseinandersetzung und Freude am Erkenntnisgewinn – durch den unzumutbar gesteigerten Konkurrenzdruck akut bedroht. Wissenschaftliches Arbeiten gerinnt zum „Karrierejob“ – auch darin stimmen alle unsere Befragten überein. Sehnsüchtig blicken sie daher auf die ihrer Meinung nach meist besseren Beschäftigungsbedingungen in der freien Wirtschaft und die Tenure-Track-Modelle in anderen nationalen Wissenschaftssystemen. Die für die deutsche Wissenschaftspolitik relevante Frage ist, wie lange sie diesen Versuchungen noch widerstehen können, oder besser: wie lange sie es sich noch leisten können.

Doch damit nicht genug: Der entfesselte Konkurrenzdruck unterminiert auch das Ziel einer erhöhten Chancengerechtigkeit von Männern und Frauen. Männer werden im männlich dominierten Wissenschaftssystem – unseren Ergebnissen zufolge – offenbar immer noch besser gefördert als Frauen und leben zudem häufiger in Beziehungen, die ihnen die Freiheit geben, sich voll und ganz auf ihren Beruf zu konzentrieren. Durch die radikale Zuspitzung der monodirektionalen Karrierebedingungen bekommen diese längst bekannten Barrieren einen neuen Stellenwert. Berufliche Förderung und private Unterstützung werden für den Erfolg wissenschaftlicher Karrieren geradezu überlebensnotwendig. Sie geben dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Sicherheit, die nötig ist, um – trotz unberechenbarer und äußerst geringer Chancen auf eine Professur – an diesem Karriereziel festzuhalten. Für die Frauen führt das zu einer zynischen Situation: Einerseits gibt es mittlerweile eine ungeahnte Vielfalt an gleichstellungspolitischen Förderprogrammen, die den Frauen suggeriert, die Gelegenheit zum Aufstieg sei günstig wie nie. Andererseits konterkariert der erhöhte Konkurrenzdruck die Fortschritte dieser Programme und erweist sich als strukturelle Bremse für die Chancengerechtigkeit von Männern und Frauen.

Die tragischen Konsequenzen dieses Steuerungsparadoxes sind – von den Belastungen für die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ganz zu schweigen – systematische Fehlallokationen: Denn ob die „Stabilsten“, also diejenigen, die beruflich und privat am meisten gefördert wurden, am Ende immer auch die „Besten“ und „Innovativsten“ sind, ist zumindest zweifelhaft. Die Prämisse, dass mehr Konkurrenzkampf zu besseren Forschungsleistungen führt, muss ernsthaft in Frage gestellt werden. Schlussendlich stehen also nicht nur die Attraktivität und die Chancengerechtigkeit, sondern auch die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft auf dem Spiel.

www.tu-berlin.de/?id=122716

Studie „Generation35plus“

Die Forscherinnen und Forscher der Studie haben drei Typen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erkannt, die sich in ihrer Karriereplanung und -strategie stark voneinander unterscheiden.

1. Die Hoffnungsvollen haben einen verhältnismäßig entspannten Umgang mit der beruflichen Unsicherheit gefunden, sind aus sich selbst heraus aufstiegsorientiert und erfahren eine intensive Karriereförderung. Frauen sind in dieser Gruppe unterrepräsentiert.

2. Die Fatalisten sehen sich den Strukturen des Wissenschaftssystems nahezu hoffnungslos ausgeliefert und zeigen eine erzwungene Aufstiegsorientierung.

3. Die Spielverweigerer dagegen verweigern eine dezidierte Aufstiegsorientierung. Ihre Idealvorstellung wäre ein der Forschung gewidmetes Leben auf einer unbefristeten wissenschaftlichen Stelle.

Autoren

Prof. Dr. Christiane Funken hat die Professur „Kommunikations-/Mediensoziologie und Geschlechterforschung“ an der TU Berlin inne. Sie ist Gutachterin für deutsche, österreichische und schweizerische Ministerien, Forschungsgemeinschaften und Nationalfonds. Sie ist in zahlreiche wissenschaftliche Beiräte berufen worden, unter anderem als Kuratorin in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Jan-Christoph Rogge ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet „Kommunikations-/Mediensoziologie und Geschlechterforschung“ der TU Berlin.

"TU intern" Januar 2014

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