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TU Berlin

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Innenansichten

„Geschlechtersensible Brille“

Mittwoch, 16. April 2014

Mit dem Angebot „Gender pro MINT“ kann die TU Berlin eine aktive Rolle bei der Ausbildung einnehmen, um stereotype Vorstellungen über Männlichkeit und Weiblichkeit zu verändern und Geräte klüger zu gestalten

An der TU Berlin werden diejenigen ausgebildet, die in Zukunft Geräte entwickeln. Sie sollen in Genderfragen sensibilisiert werden. Das ist ein besonderes Anliegen von Sabine Hark (Foto unten). Sie leitet seit 2009 das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen
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Prof. Dr. Sabine Hark leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin. Sie macht auf sogenannte Vergeschlechtlichungen von Technik aufmerksam. Damit werde Geräten und Werkzeugen ein Geschlecht zugeschrieben, was problematische stereotype Vorstellungen von weiblich und männlich widerspiegelt. Abhilfe kann ein geschlechtersensibler Blick schaffen. In dem Gespräch wird deutlich, dass die TU Berlin in Lehre und Forschung von der Kompetenz des Zentrums viel profitieren kann.

Sie gehen davon aus, dass Technik vergeschlechtlicht ist. Was heißt das?

Beispielsweise ist bei elektrischen Rasierern eine geschlechtsspezifische Kompetenz in Technik eingeschrieben. Das hat die Untersuchung einer bestimmten Marke ergeben. Damenrasierer sind verklebt und Herrenrasierer verschraubt. Das heißt: Männer können ihn, wenn sie es wollen, aufschrauben und reparieren. Frauen wird diese Möglichkeit nicht angeboten. Sie müssen das Gerät wegwerfen. Stereotype Vorstellungen über Männlichkeit und Weiblichkeit werden so fortgeschrieben. Das kann Handlungsspielräume aufmachen oder begrenzen. Vielleicht wollen auch Frauen den Rasierer aufschrauben, wenn er defekt ist.

Worin sehen Sie die Aufgabe der TU Berlin?

An der TU Berlin werden diejenigen ausgebildet, die in Zukunft Geräte entwickeln. Die Universität kann mit den zahlreichen technischen Studiengängen eine aktive Rolle einnehmen, damit solche Geräte klüger gestaltet werden, nämlich ohne geschlechterstereotype Zuweisungen. Es sollte ein zentrales Anliegen der Universität sein, den Studierenden die Kompetenz zu vermitteln, Geschlecht als relevante Dimension zu begreifen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, zu erkennen, wo Geschlecht eingeschrieben ist. Es geht um ein Bewusstwerden und ein neues Denken. Man könnte sagen, dass sie eine „geschlechtersensible Brille“ bekommen, mit der sie dann ihre Umwelt anders wahrnehmen können.

Wie kann man den Studierenden dies vermitteln und die „geschlechtersensible Brille“ aufsetzen?

Das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung bietet dafür die Zusatzqualifikation „Gender pro MINT“ an, das ist ein fächerübergreifendes Programm. Allerdings ist die Vermittlung der Genderperspektive ein sehr aufwendiger und voraussetzungsreicher Prozess. Am Zentrum heißt der Einführungskurs „Was Sie schon immer über Geschlecht wissen wollten und niemals zu fragen wagten“. Das ist der Punkt: Wir alleglauben so ungeheuer viel über Geschlecht zu wissen, nämlich beispielsweise, dass Frauen sich sowieso nicht trauen, den Rasierer aufzuschrauben. Das nennt die Geschlechterforschung Alltagswissen über Zweigeschlechtlichkeit. Das möchten wir den Studierenden zugänglich machen. Dieses Alltagswissen ist kein reflexives, sondern ein routiniertes Wissen, das man durch Sozialisation und Prägung der Gesellschaft vor allem unbewusst erwirbt. Es wirkt sich so weit aus, dass Männern und Frauen bestimmte Kompetenzen zugeschrieben werden. Wir wollen, dass die Studierenden dieses Alltagswissen verlernen und stattdessen die Umwelt durch die „geschlechtersensible Brille“ wahrnehmen. So können sie die Konstruktionsprinzipien von Geschlecht erkennen und ihnen entgegenwirken. Diese Prinzipien sind: Geschlecht ist bipolar und gegensätzlich, es gibt immer zwei, Geschlecht ist unveränderlich und so weiter. Das führt oft dazu, dass sie am Ende des Semesters sagen: „Jetzt sehen wir es überall. Vorher haben wir nicht gewusst, dass es etwas zu sehen gibt.“ Wir möchten im Studium systematisch diese Kompetenz mit ausbilden, damit wir am Ende Maschinenbauingenieure und -ingenieurinnen haben, die darüber nachdenken, dass es vielleicht besser wäre, wenn man alle Rasierer aufschrauben und reparieren könnte. Auch zeigen die Rückmeldungen der Studierenden, dass sie relativ wenige Möglichkeiten haben, eine Reflexionskompetenz in ihrer Fachrichtung zu erwerben. Die Studiengänge wurden durch Bologna eingedampft und außerfachliche Anteile stark reduziert. Die Studentinnen und Studenten wollen aber nicht nur Mathe 1, 2 und 3 absolvieren, sondern auch wissen, wofür sie das lernen und was es in der Gesellschaft bewirkt.

Welche Maßnahmen sind über die Lehrangebote hinaus denkbar? Spielen Berufungsverfahren eine Rolle?

Gender Mainstreaming ist von der EU gesetztes Recht, also brauchen wir Menschen, die das umsetzen können. Und wenn dies zur Berufsqualifikation dazugehören soll, muss man Personen berufen, die in der Lage sind, das auszubilden. Die Demonstration von Gendersensibilität könnte eine Anforderung sein, wenn eine Art Lehrprobe Teil des Berufungsverfahrens wird. Diese Anforderung könnte man offen stellen und die Bewerber und Bewerberinnen ausbuchstabieren lassen. So könnte man mit Genderkompetenzen, die zusätzlich zum Fachstudium erworben werden, punkten. Zurzeit wird es nicht gewertet, obwohl es dazugehören sollte.

Vielen Dank.

Das Gespräch führte Jana Bialluch "TU intern" April 2014

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