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Forschung

Das Glück liegt (nicht) in einzelnen Genen

Mittwoch, 25. Mai 2016

Wohlbefinden, Depression und neurotisches Verhalten können teilweise angeboren sein, aber die Effekte einzelner Gene sind winzig – Studie mit 300 000 Menschen

Bestimmte Abschnitte im Genom stehen mit Glücklichsein in Verbindung, zeigt eine Studie
Lupe

Glück und Zufriedenheit, kurz „Wohlbefinden“, wünschen sich alle Menschen. Viele hadern mit dem Schicksal, wenn es mal nicht so gut läuft, manche geraten in eine Depression, andere schütteln das Unwohlsein ab und wenden sich neuen Abenteuern zu. Zufriedenheit ist eine äußerst subjektive Empfindung. Hat also ein Mensch die Fähigkeit zum Glücklichsein, der andere nicht? Die umfangreiche internationale Studie des „Social Science Genetic Association Consortiums“ (SSGAC) hat jetzt konkrete Genabschnitte gefunden, die Wohlbefinden, Depression und neurotisches Verhalten beeinflussen.

Das Konsortium von 178 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen untersuchte anonymisierte genetische Daten von fast 300 000 Menschen und entdeckte Abschnitte im Genom, die mit Lebenszufriedenheit und Glücklichsein in Verbindung stehen. In die Studie flossen unter anderem Daten aus der Berliner Altersstudie II (BASE-II) ein, bei der Lebenszufriedenheit und Glück mit Instrumenten der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) erhoben werden. TU-Professor Gert G. Wagner ist das für das SOEP zuständige Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Koleiter von BASE und einer der Mitautoren der Gen-Studie, die jetzt in der führenden Fachzeitschrift „Nature Genetics“ veröffentlicht wurde.

„Psychologisches Wohlbefinden wird größtenteils durch die Umwelt, aber auch durch genetische Faktoren beeinflusst. Welche Genabschnitte dabei eine Rolle spielen, war bis jetzt nahezu unbekannt“, erklärt Gert G. Wagner.

Das Wissenschaftskonsortium hat drei genetische Varianten identifiziert, die mit subjektivem Wohlbefinden in Zusammenhang stehen. Es wurden auch elf genetische Varianten für Neurotizismus und zwei für Depressionen gefunden. Die genetischen Varianten für Depressionen konnten von den Forschern in einer unabhängigen Stichprobe von 370 000 zusätzlichen Studienteilnehmern repliziert werden.

„Obwohl die genauen biochemischen Mechanismen, die diesen Befunden zugrunde liegen, noch weitestgehend ungeklärt sind, scheinen die identifizierten Genorte die Regulation der Genexpression des Gehirns zu beeinflussen. Hierauf können nun zukünftige funktionell-genetische Experimente aufbauen“, sagt Professor Lars Bertram von der federführenden Interdisziplinären Plattform für Genomanalytik der Universität zu Lübeck, der zu den Koleitern von BASE-II gehört.

„Den größten Anteil vom Glück haben wir allerdings noch selbst in der Hand!“, betonen die Wissenschaftler.

Trotz der ausgeprägten statistischen Signifikanz der Befunde seien die identifizierten Gene nur für einen Bruchteil der Erblichkeit von psychologischem Wohlbefinden verantwortlich und erklären weniger als ein Prozent der Unterschiede im Wohlbefinden in der Bevölkerung. Die geringe Erklärungskraft einzelner Gene widerspräche allerdings nicht der oftmals hohen Erblichkeit von Persönlichkeitseigenschaften innerhalb einer Familie, so Philipp Köllinger, Professor für „Gen-Ökonomie“ an der Freien Universität Amsterdam sowie Research Fellow des DIW Berlin, der zu den Hauptautoren gehört. „Ganz der Opa!“ – die verblüffenden Ähnlichkeiten innerhalb einer Familie sind von Tausenden, wenn nicht von Millionen verschiedenen genetischen Varianten beeinflusst. Die Forscher gehen jedoch davon aus, dass künftig durch Studien in einer Größenordnung von mehreren Millionen Probanden weitere genetische Varianten für psychologisches Wohlbefinden gefunden werden. Schon jetzt ist die Größe der Studie für die Sozialwissenschaften recht neu.

„In den Sozial- und auch den Gesundheitswissenschaften haben große Konsortien, wie man sie zum Beispiel aus der Atomphysik kennt, bislang keine Rolle gespielt. Seitdem wir uns aber auch mit den genetischen Grundlagen menschlichen Verhaltens beschäftigen, ist das ganz anders geworden“, sagt Gert G. Wagner. „Etliche Teams müssen zusammenarbeiten, um genügend große Stichproben zusammenzubekommen. Die Heterogenität der Daten hilft auch, den Einfluss von Fehleinschätzungen oder Messartefakten klein zu halten. Deswegen ist es besser, mehrere Teilstudien zu haben, als eine einzige riesengroße Studie. Der Beitrag einzelner Autoren zum Gesamtergebnis ist wichtig, aber die Bedeutung der Team-Leader ist viel, viel größer. Die Sozialwissenschaften müssen noch lernen, wie man die verschiedenen Beiträge zum Gesamtergebnis bewertet.“ Neben den BASE- II-Daten stehen für die Analysen des SSGAC-Konsortiums Daten von mehr als 90 Forschungszentren aus Europa, Nordamerika und Australien bereit. Das Konsortium soll helfen, biologische Einflussfaktoren auf die seelische Gesundheit besser zu verstehen.

www.ssgac.org

Patricia Pätzold "TU intern" Mai 2016

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