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Menschen

Exzellent, aber prekär

Freitag, 22. April 2016

Vor 340 Jahren kämpfte auch Gottfried Wilhelm Leibniz als achwuchsforscher in Paris um Anerkennung - von Bénédicte Savoy

TU-Kunsthistorikerin und Leibniz-Preisträgerin Bénédicte Savoy (M.) bei der Preisverleihung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (4. v. l.) und DFG-Präsident Peter Strohschneider (l.)
Lupe

Dankesrede anlässlich der Verleihung der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preise in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am 1. März 2016. Der Leibniz-Preis ist mit 2,5 Millionen Euro der höchstdotierte deutsche Wissenschaftspreis. Die Kunsthistorikerin Prof. Dr. Bénédicte Savoy ist eine der zehn 2016 ausgezeichneten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Leibniz, der ja den Leibniz-Preis nicht kannte, hätte ihn aber sehr wohl gebrauchen können. Als er nämlich in Paris war – ja, er war in Paris! –, wo er auf eine Audienz beim König wartete. Vier Jahre lang wartete er, schließlich vergeblich. Aber in dieser Zeit fiel ihm ein, vielleicht gänzlich in Paris zu bleiben und dort mit Hilfe eines, wie er schreibt, „gewissen Amtes“, das käuflich zu erwerben war, sein Leben zu finanzieren. Das war ein Traum – ein Traum vom Leibniz-Preis vor 340 Jahren – also, wie wir hören, über 300 Jahre vor der Erfindung des Preises – Zukunft seit 1676. Als er davon träumte, war Gottfried Wilhelm Leibniz 26 Jahre alt, mobil, frech und frei, gut vernetzt. Aber ohne Geld. Ins heutige Deutsch übersetzt: exzellent, aber prekär. Wie schlecht es Leibniz in Paris ging, lässt sich daran ermessen, dass er weder feste wissenschaftliche Aufträge bekam noch das deutsche Salär, das ihm eigentlich zustand. Also: arm – aber … in Paris. Wie sexy sich die Stadt für einen Nachwuchswissenschaftler seines Kalibers damals anfühlte, beschrieb Leibniz in mehreren Briefen. Die Gleichzeitigkeit aller Wissenschaften stachelte ihn dort an, die schöpferische Versammlung der „besten Männer seiner Zeit“ an einem einzigen Ort, sogar die unerhört geschickten Präzisionsmechaniker, die ihm Uhrwerke und Rechenmaschinen bauen konnten und auch bauten.

Der Wunsch nach intellektueller Autonomie

Also wollte Leibniz in Paris bleiben. So begann seine Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten und bald brannte er für diese Idee eines „gewissen“ käuflichen Amtes, das ihm, wie er hoffte, ein freies, unabhängiges Forscherleben in Paris garantieren würde, aber teuer gekauft werden musste. Dafür hatte Leibniz das Geld nicht. Also schrieb er in Paris Drittmittelanträge nach Deutschland. Das ist nachzulesen in Leibniz’ „Sämtliche Schriften und Briefe“, Reihe I, Bd. 1, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin der DDR (Nr. 287 ff.)

In diesen transnationalen Anträgen begründete Leibniz seinen Finanzbedarf mit dem Wunsch nach intellektueller Autonomie. Er hatte keine Lust, schrieb er, sich bei irgendwelchen Fürsten einschmeicheln zu müssen, wie sonst immer in Deutschland. Kein Klüngeln, kein Schleimen, kein Zittern, kein Druck – nur eine kleine Anschubfinanzierung von zu Hause, und er wäre glücklich in Paris. Was genau hinter dem „gewissen Amt“ steckte, erfuhr der potenzielle Geldgeber aus den Anträgen nicht. Dafür aber, von eins bis zehn nummeriert, was die Sache in Leibniz’ Augen attraktiv machte:

  1. würde sie mehr einbringen, als sie kostete,
  2. wäre ihr Ertrag sogar steigerungsfähig,
  3. hätte Leibniz Ideen, um sie noch zu erhöhen,
  4. sei das Amt „honorabel“
  5. müsse man dafür nicht gegen sein Vaterland handeln
  6. sei es religionsunabhängig,
  7. erfordere es „mäßige Arbeit und wenig Verantwortung“, ja
  8. verbiete es nicht, „von Zeiten zu Zeiten einige Reisen“ in das Vaterland zu unternehmen,
  9. gäbe es die Möglichkeit, gute Freunde davon profitieren zu lassen, und schließlich
  10. könne man das Projekt jederzeit unterbrechen.

Leibniz hatte es eilig mit seinem Antrag. Er schrieb: „Ich erwarte auff dieses schreiben ehistens antwort, und damit solches richtig zugehe, kann mans nur auff die Post geben, und auff den titel des Brieffes nichts anders als dieses, von wort zu wort, von buchstaben zu buchstaben schreiben: A Monsieur Leibniz, à Paris, Fauxbourg S. Germain, rue Garanciere, à la ville de S. Qventin. Verbleibe demnach Meines Hochgeehrten Herren und werthen freundes, Dienstverbundenster, G. W. L“.

Ein perfider Plan. Leider hat der König den Nachwuchsforscher nicht vorgelassen …
Der Traum ging nicht in Erfüllung, die Fürsten und Freunde in Deutschland gaben Leibniz nicht das nötige Startkapital, das er für sein Forscherleben in Paris benötigte. Denn sie wollten ihn lieber bei sich haben, in Deutschland, im armen, armen Deutschland, das vor dem reichen und mächtigen Frankreich zitterte und auch dauernd von ihm gezaust und gebeutelt wurde. Leibniz war bekanntlich deswegen nach Paris gegangen, um Ludwig dem XIV. vorzuschlagen, einen Ägyptenfeldzug zu machen. Das Projekt war auf den imperialen Ehrgeiz des französischen Königs aus. Es heißt, Leibniz wollte Frankreichs Übermut von Deutschland ablenken und auf Ägypten umleiten. Ein perfider Plan. Leider hat der König den Nachwuchsforscher nicht vorgelassen und hat seinen Vorschlag noch nicht einmal abgelehnt. Leibniz selber aber wäre in der Zeit beinahe zum Franzosen geworden. Die perfiden Franzosen hatten ihn unversehens auf ihre Seite gezogen, ihn also von Deutschland abgelenkt und auf Frankreich umgeleitet. Die Franzosen denken, sie brauchen keinen Leibniz-Preis, um jemanden an sich zu binden. Die Franzosen glauben, das mit ihrer überzeugenden Lebensart zu schaffen. Das reicht auch meistens. Im Falle Leibniz reichte es nicht. Ein wenig deutsches Kapital wäre gut gewesen, hätte die Sache klar gemacht oder abgerundet, aber aus Deutschland kam nichts. Es war ein „negativer“ Leibniz-Preis, der den Philosophen schließlich 1676 zurück in die Heimat zog.

Der positive Leibniz-Preis

Wir aber stehen hier mit dem „positiven“ Leibniz-Preis, sozusagen bei Leibniz zu Hause in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Wir bedanken uns bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die unerhörte Freiheit, die uns mit diesem Preis geschenkt wird, und für das in uns gesetzte Vertrauen. Wir wissen ganz genau, dass wir es nicht alleine sind, die diese Auszeichnung bekommen, sondern mit uns all diejenigen, die innerhalb und außerhalb der Universitäten und Forschungseinrichtungen mit uns im lebendigen Dialog stehen.

Verbunden mit unserem aufrichtigen Dank sind zwei Hoffnungen. Zunächst die dringende Hoffnung, dass dem wissenschaftlichen Nachwuchs – „exzellent, aber prekär“ in Europa und besonders im gar nicht mehr so armen Deutschland – endlich größere berufliche Sicherheit, das heißt auch intellektuelle Freiheit verschafft wird. Sowie, zweitens, die noch dringendere Hoffnung, dass die freie, unabhängige, auf Grenzüberschreitungen und transnationale Befruchtungen angewiesene Wissenschaft als Gegengift gegen die Renationalisierung Europas, die wir in den letzten Jahren erleben, wirken kann.
Wir arbeiten daran.

Die Laudatio auf Bénédicte Savoy selbst hielt Prof. Dr. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft:
www.dfg.de/download/pdf/gefoerderte_projekte/preis­traeger/gwl-preis/2016/laudatio_savoy.pdf

"TU intern" April 2016

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