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Forschung

Den Mythos brechen

Donnerstag, 18. Februar 2016

„Mein Kampf“ – primitiv, schwülstig und kaum lesbar – war dennoch eine ideologische Basis für den schlimmsten Zivilisationsbruch in der Menschheitsgeschichte. Ein sensibler Umgang ist nun geboten. Eine Aufgabe für die Philologien

„Mein Kampf“: oben die 9. Auflage von 1932. 1940 gab es bereits die 537. Auflage. Rechts ein Exponat aus dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg
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Monika Schwarz-Friesel, TU Berlin, Institut für Sprache und Kommunikation, Fachgebiet Allgemeine Linguistik
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Frau Prof. Schwarz-Friesel, was bedeutet der Ablauf der Regelschutzfrist für Hitlers „Mein Kampf“ zum 31. Dezember 2015?

Urheberrechtlich gesprochen ist das Buch somit ab 1. 1. 2016 „gemeinfrei“, das heißt, es kann nun prinzipiell als Neuauflage gedruckt werden. Die vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgegebene kritische Edition ist zum Beispiel schon erhältlich.

Welche Auswirkungen sind zu erwarten?

Keine dramatischen. Als „Sammlerstück“ lag das Buch schon vorher auf Neonazi-Tischen, und es war in Antiquariaten, im Ausland und über das Internet erhältlich. Intensiv gelesen wurde es aber sicherlich nicht, denn es handelt sich um einen 800-Seiten-Text, der primitiv und schwülstig, je nach Passage langweilig oder abstoßend, keine die Aufmerksamkeit lange fesselnde Lektüre ist. „Mein Kampf“ ist eine krude Mischung aus völkisch-nationalistischem Gedankengut, Rasse-Antisemitismus, Versatzstücken des damals gängigen Gedankengutes, artikuliert mittels floskelhafter Kontraste – „heiße Liebe, tiefer Hass“ – und dehumanisierender Metaphorik – „Ratten der politischen Vergiftung“. Als historische Quelle aber ist „Mein Kampf“ bedeutsam und sollte in Forschung und Lehre kritisch analysiert werden. Auch für die Antisemitismusforschung ist die Textanalyse aufschlussreich, und sie hilft, etwas Wichtiges klarzumachen: nämlich den Antisemitismus-Begriff nicht auf die zwölf Jahre NS-Zeit zu begrenzen, was in der Öffentlichkeit und in unserer Rechtsprechung oft geschieht, sondern als Folge des 2000 Jahre alten Judenhasses zu verstehen.

Hitlers Gewaltfantasien und seine Judenfeindschaft waren ja damals keineswegs neu. Wie sehr spricht er als „Kind seiner Zeit“?

In „Mein Kampf“ wird deutlich, wie sehr Hitler beeinflusst wurde von den antisemitischen Pamphleten und Pressetexten, die damals völlig normal waren: So beschreibt er seine „Wandlung zum Antisemiten“, wie er „unendlich viel las“ und sich „antisemitische Schriften kaufte“, durch die seine „Weltanschauung“ gefestigt wurde zum „granitenen Fundament meines Handelns“. In seinen Ausführungen finden sich immer wieder fast wörtlich Stellen aus antisemiti schen Werken des 19. Jahrhunderts von Marr, Wagner, Dühring, Stöcker, Chamberlain, auch wenn Hitler diese nicht namentlich nennt. Somit sind die Verschwörungs- und Gewaltfantasien in „Mein Kampf“ keineswegs etwas radikal Neues, sondern stehen in der langen Tradition der abendländischen Judenfeindschaft. Furchtbar ist aber, dass die eliminatorischen Fantasien – die zum Beispiel im 19. Jahrhundert von Hundt-Radowsky und von de Lagarde mittels Bazillen-Metaphorik ausgedrückt wurden, dann tatsächlich durch den gesamten deutschen Staatsapparat in die Realität getragen und umgesetzt wurden.

Was ist zu befürchten?

Ganz sicher werden nicht vermehrt Menschen nach der Lektüre des Textes eine neonazistische Einstellung gewinnen: Dafür ist dieses Machwerk formal und inhaltlich zu primitiv, die Ausführungen klingen heute antiquiert und grotesk; das Buch ist also nicht sehr persuasiv. Zu befürchten ist aber, dass seine Verbreitung die Gefühle von Holocaust-Überlebenden und ihren Familien verletzen kann, dass dies Angst, Beklemmung und Sorge auslösen könnte. Unerträglich ist hier die Vorstellung, dass ein Überlebender oder eine Überlebende von Auschwitz oder Buchenwald in Deutschland einen Buchladen betritt und im Regal neben anderen Büchern „Mein Kampf“ stehen würde. Das Buch sollte daher nur auf Anfrage oder Vorbestellung zugänglich sein. Hier ist die sensible Balance zwischen wissenschaftlicher Aufklärung und Respekt vor den Gefühlen der Überlebenden und ihrer Angehörigen geboten.

Welche Aufgaben entstehen speziell für die Philologien?

Vor allem die, durch textanalytische und sprachkritische Untersuchungen dem Buch seinen Nimbus des Geheimnisvollen zu nehmen, seinen Mythos zu brechen. „Mein Kampf“ wurde auch aufgrund der Tabuisierung zu etwas besonders Gefährlichem stilisiert und damit als Text an sich überbewertet. Die kritisch-reflektierende Lektüre ernüchtert sehr schnell und zerstört diese Aura des Mysteriösen vollständig. Wäre Hitler nicht Reichskanzler geworden und hätte er seine mörderischen Hass-Fantasien nicht Realität werden lassen können, würde sich das Buch einreihen in die umfangreiche Sammlung von antisemitischen Hetz- und Wahnschriften des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. So aber liest man „Mein Kampf“ mit dem bedrückenden Bewusstsein, dass hier programmatisch niedergelegt wurde, was im fabrikmäßigen Massenmord endete. Dadurch steht „Mein Kampf“ weiterhin als Symbol für die ideologische Basis des schlimmsten Zivilisationsbruches in der Menschheitsgeschichte.

Die Fragen stellte Patricia Pätzold

"TU intern" Februar 2016

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