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TU Berlin

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Forschung

Angekommen, um weiterzumachen

Freitag, 22. Januar 2016

Bénédicte Savoy über die Bedeutung des Leibniz-Preises für die Museumsforschung

Lupe

Ein Leibniz-Preis: Höchstes Renommee, 2,5 Millionen Euro für die Forschung. Was empfindet man im Moment der Verkündung?

Ich war zunächst überwältigt von der Symbolkraft, die dieser Preis gerade für die Geisteswissenschaften mitbringt. Er ist verbunden mit einer so unerhört hohen Summe und darüber hinaus auch eher mit Naturwissenschaften und Technik. Doch sehr bald kam ein Gefühl der Befreiung auf, auch durch Gespräche mit der Verwaltung, mit der TU-Kanzlerin. Neben der Ehre für das ganze Team, das hier seit zehn Jahren großartige Arbeit leistet und das mit mir diesen Preis gewonnen hat, bedeutet er eine Befreiung von Sorgen um die Sicherung des Nachwuchses, die den Alltag oft sehr bestimmen. Meine Gruppe ist mittlerweile sehr gewachsen und erfolgreich bei der Drittmittel-Einwerbung, doch es fehlt längerfristige Planungssicherheit für diese jungen Talente, für die ich Verantwortung trage. Mit der Existenzsicherung werden unser Innovationspotenzial, unsere Forschungsimagination freier und substanzieller, nimmt die Forschung einen ungemeinen Aufschwung. Das habe ich sofort an den Reaktionen meines Teams gemerkt. Da kamen Vorschläge, Ideen, eine positive, innovative Energie. So war mein erster Gedanke: Wir sind angekommen – angekommen, um weiterzumachen. Die zweite Empfindung war Dankbarkeit all denjenigen gegenüber, die uns unterstützt und an uns geglaubt haben; in erster Linie gegenüber der TU Berlin, die mich und uns regelrecht aufgebaut hat, aber auch gegenüber Verlegern, die die viele Arbeit nicht scheuten und auch studentische Projekte angenommen haben.

Wann wird denn das Geld fließen und gibt es schon Ideen für die Umsetzung?

Über die Modalitäten haben wir noch gar keine konkreten Informationen. Aber klar ist, dass wir für die Verwendung einer solchen Summe ein gut durchdachtes Konzept mit Symbolkraft für uns und für die Uni benötigen. Dazu brauche ich einen freien Kopf, und einige Projekte gilt es da vorher zu beenden.

Sie sprechen unter anderem von dem Buchprojekt „Paris – Hauptstadt der deutschen Romantik“, das im Rahmen Ihres „Opus magnum-Preises“ entsteht, mit dem Sie im vorigen Jahr ausgezeichnet wurden und der zwei Jahre Befreiung von Lehrverpflichtungen beinhaltet …

Ja, es handelt von der europäischen Verflechtung, die auch an Kunstwerken sichtbar wird. Europa war nie ein Nebeneinander von Nationen. Wir sind nicht Deutsche, Franzosen, Italiener, sondern Europäer. Die Freilegung dieser Erinnerung verfolgen wir in unserer Forschung durchgängig, denn davon hängt auch die Gestaltung unserer Zukunft ab und dafür tragen wir Historiker ebenfalls eine politische Verantwortung. Die junge Generation hat das mehr verinnerlicht, sie reist sehr viel und arbeitet gern mit anderen zusammen.

Die Museumsgeschichte, mit der Sie sich beschäftigen, geht unter anderem Fragen nach, mit welchen Ausstellungskonzepten man die Menschen am besten mitnehmen kann. Welche Debatten bewegen derzeit die Forschung?

Ein großes Thema ist die Präsentation von außereuropäischen Kunstschätzen, die als Produkt von Krisen- und Kriegsgeschichte zu uns nach Europa gekommen sind. Wie erklärt man die Herkunft einem großen Publikum und wie die Tatsache, dass sie immer noch hier sind? Natürlich haben Objekte, ebenso wie Menschen, ein Asylrecht, aber man muss die Stimmen der Opfer von Kunstraub ernst nehmen. Mich bewegt außerdem sehr stark die Frage nach dem öffentlichen Zugang zu allen diesen Zeugnissen unseres gemeinsamen Erbes. Heute soll Museum auch ein Ort sein, wo man Realität erfahren kann, Dreidimensionalität. Wir tragen darüber hinaus die Verantwortung, die Nutzung von Kunst in einer fast ausschließlich digitalisierten Bilderwelt zu vermitteln – gerade gegenüber der nächsten Generation, die vieles im Telefondisplayformat konsumiert.

Mit welchen Konzepten ist ein solches öffentliches Museum denkbar?

In Großbritannien sind zum Beispiel die Dauerausstellungen des Britischen Museums oder die National Gallery gratis – man kann auch mal für zehn Minuten hineingehen und quasi Kunst und Geschichte nebenbei erfahren. Sicher, die Konzepte werden aufwendiger und müssen finanziert werden. Doch das ist vor allem eine politische Entscheidung. Wie viel Teilhabe an dem gemeinsamen Erbe will man für alle?

Wie sieht das Museum der Zukunft aus?

Ein Museum der Zukunft gibt es nicht. Museen haben Charakter, und diese Vielfalt ist schön. Ein italienisches Museum sieht anders aus als ein Museum in der ehemaligen Sowjetunion. Man muss die Konzepte eher von den Nutzern her denken. Bei der Arbeit mit den Studierenden beobachte ich, dass sie gar nicht so sehr nach digitaler Vermittlung, nach der Einsamkeit der Audio-Guides streben. Sie wollen das gemeinsame Erleben, den Austausch, die Vermittlung durch Menschen, zum Beispiel durchgängig angebotene Führungen, denen man sich einfach anschließen kann. In unserem neuen Master-Studiengang kümmern wir uns übrigens auch um dieses Thema. Wir bieten dort zusammen mit den Staatlichen Museen tolle Seminare an. Für die Zukunft denke ich sogar über eine Zusammenarbeit mit der „Ecole du Louvre“ nach, eine der besten Ausbildungsstätten für Kunsthistoriker in Paris. Erste Gespräche ranken sich bereits um gemeinsame Promotionen, Studierendenaustausch und Tandem-Seminare.

Vielen Dank!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

 

„Wissenschaftlicher Spürsinn und eine sichere Hand für das Museumsdrama“

„Es ist ein sensationelles Ergebnis“, freute sich die Berliner Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres, als sie gleich drei Berliner Forscherinnen und Forschern, die mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet worden waren, gratulieren konnte. Neben Bénédicte Savoy wurden Prof. Dr. Emmanuelle Charpentier vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie sowie Prof. Dr. Christoph Möllers, Experte für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, mit dem Preis geehrt. Das zeichne auch den Wissenschaftsstandort Berlin aus, so Scheeres.

Wissenschaftlichen Spürsinn und eine sichere Hand bescheinigte der Publizist, Essayist und Schauspieler Hanns Zischler der Kunsthistorikerin Savoy in seiner Laudatio zur Verleihung des Prix de l’Académie de Berlin in der Französischen Botschaft Anfang Dezember (siehe Seite 13). Er spielte auf die besonders treffende Auswahl der Orte dreier großer Ausstellungen an, die von Bénédicte Savoy kuratiert worden waren. Sie befassten sich mit Alexander von Humboldt und Aimée Bonpland (Pariser Observatoire), mit der NS-Propaganda zur Museumslandschaft in einer „medien-archäologisch“ recherchierten Film-Retrospektive (Berliner Zeughaus-Kino) sowie mit den künstlerischen Beiträgen des Wettbewerbs zur Erweiterung der Berliner Museumsinsel (1883/84). Die letztgenannte – „Museumsvisionen“ – war im sogenannten „Neo-Torso“ der Schinkel‘schen Bauakademie inszeniert worden. Zischler stellte zudem die Recherchen zu Napoleon und zur Nofretete-Büste heraus, die die Kunsthistorikerin zu völlig neuen Einsichten führten über Spannungen zwischen den Kolonialmächten, über persönliche Freundschaften und Animositäten unter Ägyptologen, über Verwerfungen der wissenschaftlichen Community durch den Ersten Weltkrieg. Diese hätten damit ein Museumsdrama ganz eigener Art zum Leben erweckt. Mit ihrer Akribie und ihrem virtuosen Crossreading von bislang wenig beachteten Quellen enthülle die Wissenschaftlerin Hintergründe und Zusammenhänge, die sich schließlich zu einem Panorama europäischer Restitutionsscharmützel entfalteten. Ein ungewöhnliches Kooperations-Gen scheine es ihr zu gestatten, mit Kollegen und Studierenden zusammen immer wieder anregende und grenzüberschreitende Ausstellungen, Kataloge und Bücher auf die Beine zu stellen. die zu nie da gewesener historischer Transparenz beitrügen.

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