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Forschung

Gender Studies. Exzess, Verunsicherung … oder doch nur Wissenschaft?

Freitag, 14. November 2014

Wo der Internet-Mob tobt

Lupe
Sabine Hark
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Die „Schwarm-Intelligenz“ unserer digitalen Welt, als große kulturelle und demokratische Errungenschaft der Menschheit beschworen, hat auch ihre Schattenseiten: zum Beispiel die Freiheit der Meinungsäußerung ohne kritische Qualitätsprüfung, wie sie sich als Internet-Mob oder als „Shitstorm“ in letzter Zeit oft ungezügelt vor allem in den sozialen Netzwerken Bahn bricht. Diese bekommt auch die Wissenschaft zu spüren. Seit Monaten wird besonders die Genderforschung (Gender Studies) öffentlich scharf, unfair und sogar pseudokritisch und pseudowissenschaftlich angegriffen. Ihr wird vorgeworfen, es handele sich nicht um Forschung, sondern um Ideologieverbreitung. Es wird nicht nur öffentlich gefordert: „Keine öffentliche Finanzierung von Genderismus an Hochschulen und Schulen“, Wissenschaftlerinnen werden darüber hinaus bedroht, bis hin zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Spätestens an dieser Stelle erkennen kritische Leserinnen und Leser, dass es sich um Unfug handelt. Doch die Aggression und sogar Gewaltbereitschaft, die aus solchen digitalen Pamphleten spricht, müsse man durchaus ernst nehmen, so soziologische Fachgesellschaften bundesweit. Diese Hasspropaganda fällt im freien Internet durchaus auf fruchtbaren Boden, wie eine Fülle entsprechender Hasskommentare zeigt. „Diese Ausfälle haben eine deutlich andere Qualität als frühere antifeministische Angriffe“, sagt Prof. Dr. Sabine Hark, Soziologin, ehemalige Vorsitzende der Fachgesellschaft Gender Studies und Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der TU Berlin. „Möglicherweise werden hier über ,Gender‘ ganz andere gesellschaftliche Konflikte ausgetragen.“ Als Wissenschaftlerin will sie vorurteilsfrei die Frage nach dem Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen stellen. Patricia Pätzold

Zwischen Biologie und Kultur – von dem Versuch, das interdisziplinäre Feld der Geschlechterforschung zu diskreditieren
Von Sabine Hark

Neu ist das alles nicht. Kritik am Feminismus, gleich welcher Spielart, ist so alt wie dieser selbst. Schon 1902 griff die Berlinerin Hedwig Dohm, Schriftstellerin, Intellektuelle, Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht und eine der wenigen, die sich auch im Ersten Weltkrieg gegen Krieg als Mittel der Politik positionierten, in ihrer Schrift „Die Antifeministen“ die Polemiken der Meinungsmacher ihrer Zeit auf durchaus humorvolle Weise auf. Deren Widersprüche und deren Furcht vor dem weiblichen Geschlecht entlarvte sie als dümmliche Verteidigung von Machtansprüchen. Waren schon damals nicht wenige der Meinung, Feministinnen und Feministen trieben es zu weit mit ihrer Infragestellung der natürlichen Ordnung der Dinge, so gewinnen solche Stimmen auch jetzt wieder an Gewicht. Zwar ist die Gemengelage heute sicher eine andere als zu Hedwig Dohms Zeiten. Frauen errangen nicht nur das Wahlrecht, sie bevölkern auch die Universitäten, besetzen nicht wenige Lehrstühle und führen aktuell in zehn von rund 200 Staaten der Welt die Regierung an. Die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an politischer Macht, Ökonomie, Kultur und Bildung ist, wenngleich längst nicht Realität, fast weltweit eine geteilte Norm.

Wer jedoch in den vergangenen Monaten die öffentlichen Debatten in den bürgerlichen Leitmedien von „Zeit“ bis „Welt“ verfolgte, konnte einen durchaus anderen Eindruck gewinnen. Offen misogyne, sexistische und auch homophobe Positionen, besonders aber die Diskreditierung der Gender Studies als „Exzess“, „Ideologie“ oder „Antiwissenschaft“, fanden jüngst verstärkt ein Forum. An den Pranger gestellt wird die „Profilierungssucht“ der „Genderfrauen“, von „totalitärer Umerziehung“ ist die Rede, davon, dass Gender Studies (natur-)wissenschaftlich bewiesene Tatsachen schlicht nicht zur Kenntnis nehmen und uns (?) allen ihre krude, realitätsfremde Ideologie aufzwingen wollen.

Auch in den Weiten der „social media“ manifestiert sich auf oft wenig zivilisierte Weise die Empörung über die angebliche Gehirnwäsche durch Gender, die vermeintliche Verschwendung aberwitziger Summen öffentlicher (Steuer-)Gelder für Gender Studies und über den Untergang von Bildung, Kultur und Abendland durch Gender. Unverhohlen wird geschmäht, diffamiert und Gewalt angedroht. Die Angriffe zielen darauf, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre wissenschaftliche Arbeit zu beschädigen, das interdisziplinäre Feld der Geschlechterforschung zu diskreditieren und als „unwissenschaftlich“ zu denunzieren. Nicht weniger also als die explizite Diskreditierung von Wissenschaft und Universität als Ort eines unbedingten Fragens und Verhandelns von Wirklichkeit, als Teil einer demokratischen Gesellschaft steht hier auf dem Spiel. Von „Hasskampagnen“, die eine „zivilisierte, öffentliche Debatte über gesellschaftlich relevante Themen“ aktiv verunmöglichen, spricht die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) in ihrer Stellungnahme zu den Anfeindungen, denen sich einige Geschlechterforscherinnen und -forscher in den vergangenen Monaten ausgesetzt sahen.

Was aber ist das, dieses ominöse Gender, das so machtvoll sein soll? Gender meint zunächst eine Grenzziehung, die Unterscheidung in Männer und Frauen. Diese Grenzziehung halten wir seit der modernen Verwissenschaftlichung der Welt für eine unverrückbare, universale und unhintergehbare Naturtatsache, die an einem bestimmten Ort der menschlichen Körper angesiedelt ist. Keine andere Leitdifferenz der Gegenwart ist derart eng geknüpft an ein biologisches Verständnis dieser Differenz. Doch selbst wenn dies stimmte, so ist es doch höchst interessant und erkenntnisreich, sich mit der Geschichte dieser Tatsache zu befassen. Genau das tun einige in den Gender Studies. Anders, als davon auszugehen, dass es Männer und Frauen (aufgrund ihrer genetischen oder hormonellen Ausstattung oder weil sie über Hoden oder Eierstöcke verfügen) an und für sich gibt, erforschen sie die historisch konstituierte, kulturell geregelte und subjektiv interpretierte Bedeutung des Geschlechtsunterschieds. Die Gender Studies konnten hier zeigen, dass die Grenzziehung zwischen Natur einerseits und Kultur andererseits mitnichten so offensichtlich ist, wie es der Alltagsverstand annimmt. Diese erkenntnistheoretisch völlig triviale Einsicht stellt allerdings für viele inner- wie außerhalb der Wissenschaft offenbar eine schwer zu schluckende Kröte dar. Es ist indes eine Einsicht, die Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Geschlechterforscherinnen und -forscher teilen. Jedenfalls ist es von der Position etwa des Cambridger Neurowissenschaftlers Simon Baron Cohen, der die alte „Natur versus Kultur“-Debatte in Bezug auf Geschlecht als geradezu absurd simplifizierend bezeichnet und dafür plädiert, die Interaktion zwischen beidem in den Blick zu nehmen, nicht weit bis zum Plädoyer der in Berkeley lehrenden Philosophin Judith Butler, die Geschlechterdifferenz als jenen Ort zu verstehen, an dem die Frage nach dem Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen gestellt werden müsse.

Das Programm, das die Gender Studies daher nüchtern wie vorurteilsfrei verfolgen, besteht folglich genau darin, am Ort der Geschlechterdifferenz die Frage nach dem Verhältnis des Biologischen zum Kulturellen zu stellen. Nimmt man ernst, dass vereinfachende Natur/Kultur-Debatten einem Kurzschluss aufsitzen, so folgt daraus durchaus, dass es Materialitäten (zum Beispiel Strukturen des Gehirns, Anatomie, Chromosomen, Hormone) gibt, die bei Männern und Frauen häufiger oder seltener vorkommen. Es folgt daraus allerdings ebenso logisch, dass diese Materialitäten mit sozialen Umständen und Erfahrungen interagieren: Hormone sind auch von UV-Licht oder der Diät abhängig, sie reagieren auf Angst oder Lust, sie treten je nach Alter einer Person unterschiedlich auf. Und umgekehrt: Hormone beeinflussen Angst und Lust, sie machen Hunger oder müde. Doch Hormone machen ebenso wenig wie bestimmte Hirnstrukturen oder Chromosomensätze Frauen und Männer.

Was es also bedeutet, individuell und gesellschaftlich eine „Frau“ oder ein „Mann“ zu sein, das wird nicht durch eine biologische Essenz festgelegt. Die „Wahrheit des Geschlechts“ ist seit jeher keine nackte, sondern eine höchst bekleidete Wahrheit.

Bleibt zu fragen, warum es dagegen derzeit erneut eine medial geschürte Abwehr gibt. Es ist erst rund hundert Jahre her, dass deutsche Wissenschaftler wie der Physiker Max Planck oder der Maschinenbauingenieur und Rektor der TH Charlottenburg Franz Reuleaux sich mit dem Rekurs auf die Natur gegen das Recht von Frauen, zu studieren, stellten. Sie fürchteten einen möglicherweise sogar irreversiblen Eingriff in die Naturgesetze, sollten Frauen als Gleiche in die Akademie einziehen. Es sei dahingestellt, inwieweit sie dies für eine wissenschaftlich fundierte Aussage hielten oder sich nur taktisch des wirkmächtigen Diskurses einer naturalisierten Geschlechterdifferenz bedienten, um sowohl eine gesellschaftlich prestigereiche Position zu verteidigen als auch die in der deutschen Professorenschaft damals weit verbreitete Statusangst, die sich als Angst vor der Feminisierung ihres Berufes äußerte, zu bekämpfen. “To allow women to be like men would be to risk men becoming like women” – so hat die US-amerikanische Historikerin Joan Scott dies in einem anderen Kontext bilanziert. Spricht aus der Diskreditierung der Gender Studies, inklusive der „Genderfrauen“, also tatsächlich nichts als die Angst vor Uneindeutigkeit? Die Kultur, das „Volk“, das Abendland, die Wissenschaft, ja selbst die Natur sind bislang allerdings nicht untergegangen an der wachsenden Einsicht darin, dass Gender wesentlich mehr und anderes ist als Eierstöcke oder Hoden. Daran wird sich auch zukünftig wenig ändern, selbst wenn die Gender Studies derart wichtig und einflussreich würden, wie ihnen unterstellt wird.

"TU intern" November 2014

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