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TU Berlin

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Würdigung von Alexander Wittkowsky

Erster Präsident der TU Berlin

Alexander Wittkowsky wurde am 4. September 1936 in Berlin geboren und ist am 14. Februar 2018 in Frankfurt am Main gestorben. Die berufliche Existenz seiner Familie war väterlicherseits durch ingenieurwissenschaftliche Tätigkeiten in Sankt Petersburg, u.a. als Mitarbeiter von Siemens, eng mit der TU Berlin und ihren Vorgängern verbunden.

Trotz Krieg und Bombardierungen verbrachte Alexander ziemlich unbeschwerte Kinderjahre in Klötze in der Altmark, dem Heimatort seiner Mutter. Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Berlin zurück. Der heranwachsende Alexander fand sich in einem Land wieder, das einen Weltkrieg angezettelt und verloren hatte. Jüdisches Leben in Berlin, in Deutschland und den europäischen Nachbarstaaten hatten die Deutschen ausgelöscht. Das Land war zweigeteilt, Berlin unter den Alliierten aufgeteilt. Die historische Bürde hat Alexander nie geleugnet. Seine deutsch-russische Familiengeschichte hat ihn umgetrieben, aber er ist zu spät auf Spurensuche gegangen, mögliche Zeitzeugen lebten nicht mehr.

Nach dem Abitur folgte Alexander der beruflichen Tradition der Wittkowskys, schrieb sich an der Technischen Universität Berlin ein und studierte zunächst Schiffsbau, dann Maschinenbau. Das Studium wurde mit einer Promotion abgeschlossen. Er war verheiratet mit Elke Raschert, mit der er zwei Kinder hatte.

Westdeutschland und West-Berlin nach dem Krieg

Die Zeiten waren Mitte der sechziger Jahre in Berlin wie in (West)Deutschland wenig erbaulich. Unter der Naziherrschaft waren alle jüdischen Gelehrten aus den Hochschulen vertrieben und durch angepasste Lehrer ersetzt worden. Von ihnen ging in der Nachkriegszeit keine innovative, demokratische Kraft aus. Die Restauration erfasste vor allem den gesamten Bildungsbereich und führte zum Stillstand. Eine umfassende demokratische Erneuerung kam nicht in Gang, woran auch interessante Einzelberufungen an der TU Berlin letztlich nichts änderten. Der Akademische Senat war so verkrustet, dass er selbst es nicht einmal bemerkte. Die Orientierung, die Alexander als Mitglied dieses Senats suchte, fand er in der Bundesassistentenkonferenz (BAK) und dem Berliner Landesverband. Die wichtigsten Konzepte für eine durch und durch demokratische Hochschule stammten von der BAK. Sie formulierte demokratische Anforderungen an Forschung und Lehre, an die Verantwortung der Universitäten gegenüber der Gesellschaft und der jungen Generation. Der Druck auf die Politik, das Bildungssystem grundlegend zu demokratisieren, führte in Berlin zu einem ersten Hochschulgesetz. Nach diesem Gesetz standen an Berlins Universitäten 1970 erstmals Präsidentenwahlen an. Alexander Wittkowsky wurde als Kandidat des Mittelbaus nominiert und setzte sich gegen Professor Dietrich Goldschmidt durch. An der Freien Universität kandidierte Rolf Kreibich und wurde ebenfalls gewählt. Sie beide waren zu diesem Zeitpunkt keine ordentlich berufenen Professoren. In der Geschichte der deutschen Universität eine Revolution: Assistenten als Präsidenten bedeutender Universitäten. Heute kann man es sich nur schwer vorstellen, dass ein junger akademischer Oberassistent – Wittkowsky hatte auch kein politisches Parteibuch – zum Rektor oder Präsident einer Traditionsuniversität gewählt würde.

Doch die Rolle passte zu ihm. Sein die Autonomie und die Freiheit liebender Geist prägte sieben Jahre lang die Atmosphäre in der TU Berlin. Er schützte und beförderte Projekte in Forschung und Lehre, kannte jede Fakultät und jeden Fachbereich persönlich, stärkte die studentische Mitbestimmung und agierte umsichtig, um die Polizei vom Universitätsgelände fern zu halten. Wie sehr in seinen Jahren ein anderer Geist in der Universität wehte und auch von seinen Freunden und Unterstützern anerkannt wurde, wurde Jahrzehnte später deutlich, als Alexander im Dezember 2014 zum Ehrenmitglied seiner Universität ernannt wurde. Alexander wurde von der Verwaltung sehr geschätzt, die sehr wohl wusste, was sie an ihm hatte und was durch diesen Präsidenten angestoßen worden war. Die Ehrung war für den „presidente eterna“ wohl der schönste Moment seines beruflichen Lebens. Die Ehrung kam spät, aber doch noch rechtzeitig und war gleichzeitig ein Beleg für die Anerkennung durch Freunde und Wegbegleiter. Es war eine belebende herzliche und freudige Feier, die erst am nächsten Tag in der Akademie der Künste endete.

Alexander Wittkowsky als Rektor der Universität Bremen

Nach Berlin ging er 1977 als Rektor an die Universität Bremen. Dort wollte er diese Universität neuen Typs weiter mit aufbauen. Er glaubte an das drittelparitätische Modell einer demokratischen Reformuniversität, scheiterte aber letztlich an reaktionären Kräften und einer zu schwachen politischen Unterstützung. Aus heutiger Sicht sieht es fast nach einer Hexenjagd aus. Alle Hebel wurden auf rückwärts gestellt. Die Urteile des Bundesverfassungsgerichts räumten den Professoren in allen entscheidenden Fragen von Forschung und Lehre eine Mehrheit ein. Neue Hochschulgesetze engten den Spielraum der Rektoren wie Präsidenten ein. 1982 trat Alexander Wittkowsky als Rektor zurück und suchte seinen Weg zurück in die Wissenschaft. Im Fachbereich Produktionstechnik errichtete er sich seinen Lehrstuhl der Technikentwicklung und Technikgestaltung neu. Er selbst übersetzte seinen Lehrstuhl mit „Development and Design of Technology“.

Vorläufiges Ende der Tätigkeit in Bremen und Arbeitsaufnahme in der GTZ

Die praktischen Forschungsarbeiten für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) reizten Alexander Wittkowsky 1990, ein Angebot als Abteilungsleiter von Gate (German Appropriate Technology Exchange) anzunehmen (nicht zuletzt aus privaten Gründen, denn seit 1987 war er mit Jutta Roitsch, Redakteurin der Frankfurter Rundschau verheiratet). Die heutige GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), beschäftigt in über 130 Ländern etwa 17 000 Mitarbeiter, von denen über 60 Prozent einheimische Kräfte sind. Dazu kommen über 900 entsandte Entwicklungshelfer, einheimische Fachkräfte in Partnerorganisationen und knapp 500 Freiwillige aus dem Programm „weltwärts“.

Die vielen Umbau- und Reorganisationsphasen der GTZ/GIZ tangierten auch das Gate-Programm, so dass Alexander bereits nach zwei Jahren vorzeitig kündigte und auf seinen Lehrstuhl in Bremen zurückkehrte. Doch der Ansatz, angepasste Technik für die Dritte Welt zu entwickeln und zu vermitteln, ließ ihn bis zu seiner Pensionierung nicht los. Hinzu kamen die Fragen, wie Technikentwicklung mit der Ökologie und der Nachhaltigkeit zu vereinbaren wäre, wie ein Ingenieurstudium zu gestalten wäre, das auf diese zentralen Fragen der Zukunft Antworten findet. Dass sich das Studium nicht nur der künftigen Ingenieure angesichts der globalen Herausforderungen grundlegend verändern müsste, war für Alexander Wittkowsky eigentlich selbstverständlich. Dieses Bohren sehr dicker Bretter bleibt eine Aufgabe: für die Willigen gibt es immer Hoffnung.

Rolf-P. Owsianowski, 1964 bis 1970 Student der TU Berlin, 1970 bis 1975 wissenschaftlicher Assistent und von 1975 bis 1979 wissenschaftlicher Angestellter
und Jutta Roitsch-Wittkowsky, Redakteurin der FR von 1968 bis 2002

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