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TU Berlin

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Professor Dr. phil. Brigitte Sarry

*6. September 1920, †19. Juni 2017

Am 19. Juni 2017 verstarb in Berlin Frau Professor Dr. phil. Brigitte Sarry in ihrem 97. Lebensjahr. Das Institut für Chemie der Technischen Universität Berlin trauert um eine verehrte Kollegin.

Brigitte Sarry wurde am 6. September 1920 in Allenstein in Ostpreußen geboren. Ihr Familienname verweist auf hugenottische Abstammung. In Tilsit – der nach 1920 für einige Zeit nördlichsten Stadt Deutschlands, wie Frau Sarry viele Jahre später mit einem Augenzwinkern zu sagen pflegte – besuchte sie die Grundschule und absolvierte auch den ersten Teil ihrer Gymnasialzeit, welche sie 1939 in Göttingen mit dem Abitur abschloss. Dass die Leinestadt ihr zur nächsten Lebensstation wurde, war bedingt durch die Versetzung des als Richter tätigen Vaters und den Umzug der Familie; zum Wintersemester 1939 nahm Frau Sarry an der dortigen Georgia Augusta das Studium der Chemie auf. Nach dem Vordiplom verbrachte sie ein Trimester an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, wo sie auch die Gelegenheit hatte, im Laboratorium von Otto Hönigschmid zu arbeiten, der seinerzeit eine weltweite Autorität auf dem Gebiet der Bestimmung exakter Atommassen war. Nach Göttingen zurückgekehrt, wurde sie Hilfsassistentin bei Günther Rienäcker, dem sie 1942 an die Universität Rostock folgte (wo dieser später Mitbegründer des Instituts für Katalyseforschung war, Vorläufer des heutigen Leibniz-Instituts für Katalyse). An der Universität Rostock beendete Frau Sarry im Dezember desselben Jahres mit der Diplom-Chemiker-Hauptprüfung ihr Studium. Als Assistentin Rienäckers widmete sie sich in Diplom- und Doktorarbeit der Untersuchung der Spinisomere des Wasserstoffs, und am 14. April 1945 erfolgte die Promotion mit einer Arbeit zum Thema „Para-Wasserstoff-Umwandlungen an Cu-Pt-Mischkristallen“. Die Arbeit führt den Nachweis, dass derartige p-H2-Umwandlungen schneller als an reinem Kupfer oder Platin verlaufen und die dabei beobachtete Aktivierung von H2 für die Hydrierung von Ethen genutzt werden kann.

Neben ihrer Forschungstätigkeit legte diese Zeit das Fundament für Frau Sarrys späteres Wirken auch als Hochschullehrerin: Sie hielt Vorlesungen für die Studenten der Medizin und führte diese Tätigkeit auch nach der Wiedereröffnung der Universität Rostock im Februar 1946 fort. Außerdem arbeitete sie von 1947 bis 1951 zusätzlich als Lehrerin an der Staatlichen Schule für Medizinisch-Technische Assistentinnen. Ihre zu dieser Zeit begonnenen selbstständigen wissenschaftlichen Arbeiten galten Wasserstoffverbindungen von Übergangsmetallen, zusammengefasst als „Untersuchungen über die Natur und die Eigenschaften der von Weichselfelder beschriebenen Wasserstoffverbindungen der Metalle Nickel, Cobalt, Eisen und Chrom“. Mit dieser Schrift habilitierte sich Brigitte Sarry im Februar 1954 an der Universität Rostock für das Fach Anorganische Chemie. Am 1. September 1954 wurde sie zur Dozentin für dieses Fach ernannt. (Der im Titel der Habilitationsschrift erwähnte Theodor Weichselfelder, Schüler von Wilhelm Schlenk, hatte sich, in den 1920er Jahren beginnend, an der Universität Berlin der Untersuchung zunächst des Nickelhydrids gewidmet, welches aus der Reaktion von Nickel(II)-chlorid mit Phenylmagnesiumbromid in Gegenwart von Wasserstoff entsteht.) Schlenk, Weichselfelder und Franz Hein (Jena) folgend, war Brigitte Sarry somit eine Pionierin auf dem Gebiet der metallorganischen Chemie.

Unmittelbar nach der Habilitation erhielt Brigitte Sarry einen Ruf an die zum selben Zeitpunkt, am 1. September 1954, gegründete Technische Hochschule für Chemie Leuna-Merseburg, den sie ablehnte. 1955 weilte sie zu einem Forschungsaufenthalt an der Technischen Hochschule Stuttgart, wo sie sich bei Josef Goubeau (ebenso wie Eduard Zintl einer der Schüler Otto Hönigschmids) auf dem Gebiet der Schwingungsspektroskopie fortbildete – der damals wichtigsten molekülspektroskopischen Methode in der Chemie. Im selben Jahr erschien das von ihr verfasste Lehrbuch „Eigenschaften und Bau der Atome“ (Urania-Verlag, Leipzig und Jena), das bereits im darauffolgenden Jahr in die 2. Auflage ging. Von 1955 bis 1958 war Frau Sarry als Dozentin für Anorganische Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, bevor sie sich dem an den Hochschulen der aufstrebenden DDR zunehmenden politischen Druck versagte; trotz des Angebots eines Extraordinariats an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ging sie, ohne Absicherung durch ein Stellenangebot, nach Westberlin. Erst im Zuge eines Sonderprogramms und unter anfänglich schwierigsten Bedingungen etablierte sie sich an der Technischen Universität Berlin, zunächst als unbezahlte Assistentin und später als wissenschaftliche Rätin bei Gerhard Jander, dann als außerplanmäßige Professorin, und im März 1969 wurde sie zur ordentlichen Professorin auf den Lehrstuhl I für Anorganische Chemie berufen. Neben ihrer ausgedehnten Lehrtätigkeit führte sie am Institut für Anorganische und Analytische Chemie die in Halle begonnenen Arbeiten fort, die dem Studium der Übergangsmetall-s-Organyle galten, einem präparativ für die damalige Zeit äußerst anspruchsvollen Gebiet. Im Zuge dieser Arbeiten leistete Frau Sarry mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wertvolle Beiträge zur Chemie der homoleptischen Metallorganyle, insbesondere der Phenylverbindungen von Eisen, Molybdän, Wolfram, Niob und Tantal. Unter anderem gelangen Isolierung und Charakterisierung so pyrophorer und thermisch instabiler Feststoffe wie Li4Ta(C6H5)6 ∙ 3,5 O(C2H5)2 und Li3Mo(p-C6H4Me)6 ∙ 3 O(C2H5)2.

Auch die Lehre lag ihr weiter am Herzen, und ihre Beiträge zur Entwicklung des Studienplanes für das gesamte Fach Chemie hatten weit über das Jahr 1982 hinaus Bestand, in dem sich Frau Sarry aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzen ließ. Dem Institut und seinem wissenschaftlichen Leben blieb sie gleichwohl eng verbunden. So aktualisierte und erweiterte sie die von Bertold Reuter hinterlassene deutsche Übersetzung des Lehrbuches von J. E. Huheey (Anorganische Chemie – Prinzipien von Struktur und Reaktivität, de Gruyter, Berlin 1988) und war regelmäßige Besucherin der Institutskolloquien. Erst in jüngerer Zeit wurden ihre Besuche seltener, doch war dies weniger ein Zeichen nachlassenden Interesses als vielmehr der Tatsache, dass mitunter zu leise und dann auch noch in unzureichendem Englisch vorgetragen wurde.

Im Kollegenkreise ist Brigitte Sarry hochgeschätzt. Sie verkörperte ihren Beruf als Professorin und Hochschullehrerin in bewundernswürdiger Weise: Sie bezog in ihren Meinungen eindeutig Position, und sie war Beispiel. Sie war eine kenntnisreiche Gesprächspartnerin, auch und gerade im Sinne Georg Christoph Lichtenbergs („Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht“ [Sudelbücher, J 860]): Sie verstand sich ausgezeichnet auf ihr Fach, und sie hatte vielseitige Interessen darüber hinaus, von der Musik bis zur Naturbeobachtung (wie z. B. bei einer Reise ins Donaudelta im Alter von 95 Jahren, von der sie mit leuchtenden Augen und in der ihr eigenen, zurückhaltenden, aber gestochen klar formulierenden Art berichtete). Mit dem Tode Brigitte Sarrys verliert das Institut für Chemie der Technischen Universität Berlin eine Kollegin und Persönlichkeit, deren Adel der Haltung beispielgebend war, ist und sein wird.

Andreas Grohmann

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